Wolfsmanagement

Der Wolf wird zum Problem

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Elisabeth Jahrstorfer, Barbara Höfler, Gerd Kreibich, Philipp Seitz, Susanne Lorenz-Munkler, Christel Grommel und Stephan Herbert Fuchs
am Donnerstag, 02.12.2021 - 12:36

Die Wolfsrisse nehmen zu, die Sorge der Viehhalter wächst – und immer mehr Weidetierhalter überlegen, deshalb ganz aufzuhören. Ein Blick in die Regionen.

München Es war eine Meldung, die für Aufsehen sorgte: Im schwäbischen Bissingen spazierte im Mai ein Wolf seelenruhig durch den Ort, vorbei am Kindergarten und über das Betriebsgelände einer örtlichen Firma. Die Bilder aus Schwaben sind kein Einzelfall. In Bayern nehmen die Wolfssichtungen, aber auch die Wolfsrisse, deutlich zu. In Oberbayern schlich sich, wie das Video einer Überwachungskamera in Brannenburg (Lks. Rosenheim) zeigte, zuletzt ebenfalls ein Wolf über einen Hof.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolf tatsächlich einen Menschen angreift, sei „äußerst gering“, heißt es vom Naturschutzbund Deutschland. In der Regel meiden Wölfe den Menschen, aber nicht dessen Infrastruktur, da sie auf einer Dorfstraße energiesparender vorankommen, als durch die Landschaft. Dennoch sei es wichtig, jede Sichtung den Behörden zu melden, um auffällige Muster frühestmöglich zu bemerken und reagieren zu können.

Eine Reaktion der Behörden, nämlich den Abschuss des Wolfes, fordern viele Weidetierhalter in den oberbayerischen Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein. Der Traunsteiner Landrat Siegfried Walch hat bei der Regierung von Oberbayern einen Antrag auf eine Entnahmegenehmigung gestellt. Die Chancen dafür, dass dieser Antrag – der erste in Oberbayern überhaupt – genehmigt wird, sind gering: Der Wolf ist streng geschützt.

Die Weidetierhalter, vor allem in den Alpenregionen, blicken derweil dem Frühjahr bange entgegen. In Bergen (Lks. Traunstein) fand Monika Rappl zuletzt mehrere Schafe tot auf. Ein Wolf hatte sie gerissen, wie auch die Analyse bestätigte. Die Politik und Gesellschaft fordere, dass das Vieh auf die Weiden getrieben werde, sagt Rappl, und schiebt eine Frage hinterher: „Aber wenn der Wolf draußen steht, wie soll das gehen?“ In ihren Worten schwingt Verzweiflung mit. Die Bilder der gerissenen Schafe schmerzen Rappl noch immer. Es sind Bilder, die sie nicht vergessen wird.
Irmi Guggenbichler, Sennerin der Hefteralm in Grassau (Lks. Traunstein) fordert ebenfalls die Entnahme von auffälligen Wölfen. „Es werden immer mehr Wölfe bei uns“, sagt sie. Einem Wolf stand die Landwirtin, wie sie erzählt, vor zwei Jahren gegenüber, als der auf ihrer Alm gerade ein einjähriges Reh gerissen hatte. Eine DNA-Analyse des Risstieres identifizierte einen Timberwolf, eine Rasse, die in den 70ern im Yellowstone Park ausgewildert worden ist und 82 cm Stockmaß erreicht. Doch das Zäunen ihrer 56 ha großen Alm sei nicht möglich, sagt Guggenbichler: „Alles in allem würden wir für die 28 Kilometer, die wir bräuchten, Kosten von 220 000 Euro verursachen – und das alles aus Steuermitteln.“ Es müsse abgewogen werden, sagt die Sennerin: „Ich verstehe nicht, warum man alles auf dieses Tier auslegt. Warum ist ein zugewandertes Raubtier mehr wert, als unsere heimischen Tiere?“

In unserem Video beschreibt die Rosenheimer Kreisbäuerin Katharina Kern die aktuelle Situation. Von ihrem Hof aus blickt sie auf eine Weide, auf dem es letztes Jahr zu einem Rissvorfall kam. Hier sehen Sie das Video:

Eine Voraussetzung für die Bejagung wäre der sogenannte „günstige Erhaltungszustand“. Aber niemand weiß aktuell genau, wie viele Wölfe es in Oberbayern gibt. Das LfU zählt lediglich Wolfsnachweise anhand von Fotos, Speichel- oder Losungsspuren, Todfunden oder Rissproben. Von Anfang 2020 bis heute verzeichnete das LfU 17 Wolfsnachweise, davon neun aus bestätigten Rissen. Die tatsächliche Zahl der Rissereignisse in Oberbayern hält Martin Bartl, Geschäftsführer des Landesverbands Bayerischer Schafhalter, jedoch für möglicherweise weit höher. „Das große Problem speziell für Oberbayern ist, dass wir im Süden einen breiten Gürtel Almhaltung haben“, sagt er. In einer solchen „Riesenkulisse“ seien Übergriffe durch den Wolf kaum nachvollziehbar oder erst so spät, dass Wölfe als Verursacher nicht mehr nachzuweisen seien.

Franken: Sorge vor weiteren Wolfsrissen

Auch in Franken sorgen sich die Landwirte vor dem Wolf. Im südlichen Landkreis Bayreuth riss der Wolf in einem Wildgehege nahe Betzenstein 18 Tiere. Experten waren sich nach dem Vorfall Anfang des Jahres sicher, dass das Damwild einem oder mehreren Wölfen zum Opfer gefallen ist. Bei den betroffenen Viehhaltern saß der Schock tief. Landwirt Christian Leißner hat auf den Vorfall reagiert – und 50 000 Euro für einen Untergrabschutz investiert. Eine hohe Summe, die er vorgestreckt hat. „Wir warten seit September auf das Geld“, bemängelt er.

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Nach Ansicht des mittelfränkischen BBV-Bezirkspräsidenten Günther Felßner braucht es eine politische Reaktion auf die vermehrten Wolfsrisse: „Wer das brutale Tierleid und die geschockten Bauernfamilien erlebt hat, der hat kein Verständnis dafür, dass die Politik nicht eingreift“, sagt er dem Wochenblatt. „Im kleinstrukturierten Weidebetrieb unserer Metropolregion sind weder aggressive Herdenschutzhunde mit Blick auf die Naherholung und dem Tourismus praktikabel, noch teure Zäune für lauter kleine Flächen.“

BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler aus Unterfranken bereitet die Ausbreitung des Wolfes im Freistaat große Sorgen: „Ich frage mich, wie lange wir noch warten wollen.“ Er habe das Gefühl, dass sich in Sachen Wolf nichts bewege. Dabei müsse dringend über den Schutzstatus gesprochen – und dann auch konsequent gehandelt werden.

Ostbayern: Eine heftige psychische Belastung

Bezirksgeschäftsführer Hubert Hofmann vom Bauernverband in der Oberpfalz kann den Ärger der Landwirte nachvollziehen. In den letzten Jahren habe es in Ostbayern verstärkt Wolfssichtungen gegeben, auch eine Reihe von Tieren seien vom Wolf gerissen worden. „Man will die Weidehaltung, aber man setzt die Tiere der Gefahr aus, dann vom Wolf gerissen zu werden“, kritisiert Hofmann. Ärgerlich sei auch, dass Landwirte immer wieder von Problemen berichten, entstandene Schäden nachzuweisen: „Wenn ein gerissenes Tier erst einmal draußen liegt, dann kann es natürlich sein, dass andere Tiere auch einen Teil der Wolfsbeute haben wollen, und dann heißt es schnell, dass sei kein Wolf gewesen“, weiß Hubert Hofmann aus Berichten von betroffenen Landwirten.

Er sagt aber auch, dass es den Landwirten nicht nur um eine Entschädigung geht: „Wenn ein Bauer oder eine Bäuerin ein gerissenes und schlimm zugerichtetes Tier auf der Wiese findet, dann ist das auch eine heftige psychische Belastung.“ Er wisse aus Kreisen von Schafhaltern, die auch aus diesem Grund erwägen, die Schafhaltung einzustellen.

Allgäu: Wolf sorgt für hitzige Diskussionen

Die hitzige Diskussion zwischen Gegnern und Befürwortern des Beutegreifers hält im Allgäu bis zum heutigen Tag an. Einer der Gründe: Ein Wolf namens „GW999m“, der eine ganze Reihe an Rissen im Allgäu verursachte. Und das Unheil geht weiter: DNA-Analysen aus Kot, Urin, Speichelresten an Rissen oder Haaren (bei gerissenen Wildtieren) zeigten im Juni 2020 und zuletzt am 7. März 2021 im Rohrmooser Tal bei Oberstdorf, dass es immer noch derselbe Wolf ist. Ende Juni 2018 sorgte eine erste größere Anzahl von Rissen in Burgberg, Wertach und der Umgebung für Aufregung. Schafhalterin und Nebenerwerbslandwirtin Alexandra Hauf war verzweifelt: „Wir haben uns kaum noch getraut, in den Wald zu gehen.“ Einige Landwirte aus der Region ließen ihre Tiere nicht mehr aus dem Stall.

Der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses im Bayerischen Landtag, Dr. Leopold Herz, ist seit 1997 BBV-Ortsobmann in Wertach im Allgäu. Er fordert nach den zunehmenden Wolfssichtungen und Wolfsrissen Konsequenzen:

Der Freistaat Bayern fördert seit diesem Jahr den Bau von wolfssicheren Zäunen und anderen Schutzmaßnahmen, wie die Anschaffung von Herdenschutzhunden. In die Förderkulisse fallen die drei Gemeinden Bad Hindelang, Rettenberg und Wertach, so dass fast das ganze südliche Oberallgäu abgedeckt ist. Nach Ansicht der meisten Landwirte und Älpler aus der Region sind diese Regelungen aber völlig unzureichend.
Der schwäbische BBV-Präsident Alfred Enderle, der in Wertach seinen Hof hat, moniert: „Es ist vollkommen unerträglich, dass bei uns jetzt die Fehler, die in anderen Staaten gemacht wurden, stur wiederholt werden. Die Schutzmaßnahmen, die hier mit viel Steuergeld angepriesen werden, funktionieren nirgendwo in Europa effektiv. Jede Tierart, die keine natürlichen Feinde hat, muss reguliert werden. Das gilt logischerweise besonders für das Raubtier Wolf“,

Franz Hage, der Vorsitzende des Alpwirtschaftlichen Vereins Allgäu, der 701 Alpen im Allgäu vertritt, forderte jüngst, dass der Schutzstatus des Wolfes herabgesetzt werden müsse. „Der Wolf muss lernen, dass ihm in der Nähe unserer Nutztiere Gefahr droht.“

Niedersachsen: Die Fronten sind verhärtet

In Niedersachsen hat sich die Situation zuletzt immer mehr zugespitzt. Das Bundesland verfügt über eine der höchsten Wolfspopulationen in Deutschland. Laut dem niedersächsischen Umweltministerium leben in dem Bundesland aktuell 39 Wolfsrudel, ein Wolfspaar und zwei residente Einzelwölfe. Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) spricht im Monitoringjahr 2020/2021 von 35 Rudel.

Die Chefredakteure der drei großen Agrarmedien agrarheute, Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt sowie LAND & FORST zeigen die Problematik rund um den Wolf in einem Video auf. Hier sehen Sie das Video:

Folglich ist die Kontroverse um den Wolf in Niedersachsen ein Dauerthema. Weidetierhalter können ihre Tiere nicht ausreichend schützen, immer wieder kommt es zu Wolfsrissen. Davon sind nicht nur Schafe, sondern ebenfalls Ponys und sogar Rinder von 200 Kilogramm betroffen. Auch die Anzahl der Nahbegegnungen von Wolf und Mensch steigt.

Streit gibt es immer wieder um Abschussgenehmigungen, die Kosten für Wolfsrisse und die Festlegung einer Obergrenze für Wölfe, die von Weidetierhaltern gefordert wird. Auch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies fordert eine Regulierung der Wolfspopulation. Die Fronten zwischen Wolfsbefürwortern und Tierhaltern sind verhärtet. Sabotagen, Einschüchterungen und Drohungen werden zum Alltag – weshalb Abschussgenehmigungen vom Umweltministerium vertraulich behandelt werden mussten.

Schweiz: Revidiertes Jagdgesetz abgeschossen

In der Schweiz sorgen die steigenden Wolfszahlen ebenfalls für Diskussionen. Eine Änderung des Jagdgesetzes lehnte eine knappe Mehrheit der Schweizer vor einem Jahr ab. Es hätte aus Sicht des Schweizer Bauernverbandes eine einfachere Regulierung der Wolfsbestände in der Schweiz ermöglicht. Derzeit spitzt sich die Situation auch bei den Schweizern zu: Die aktuelle Situation sei aus Sicht der Landwirtschaft als sehr problematisch zu beurteilen, heißt es vom Schweizer Bauernverband.

Herdenschutz-Wolf

Diverse Alpbetriebe hätten nach Vorkommnissen vorzeitig entleert werden und ihre Tiere von der Alp holen müssen. Das demotiviere die Tierhalter, die entweder die Haltung von Schafen und Zeigen ganz aufgeben oder ihre Tiere in den kommenden Jahren nicht mehr alpen wollen. Das Thema Wolf sei aber in der Politik angekommen. Nachdem die Änderung des Jagdgesetzes abgelehnt wurde, sei anerkannt worden, dass es besonders ein Problem mit dem Wolf gebe. Darum sei die Jagdverordnung angepasst worden. Dabei wurde nach Angaben des Bauernverbandes im Wesentlichen die Anzahl Risse, ab der eine Intervention möglich ist, gesenkt. Im Laufe des Jahres seien auch einzelne Abschussbewilligungen erteilt worden.

Vom Schweizer Bauernverband heißt es, dass inzwischen auch mehrere Umweltorganisationen zu der Erkenntnis gelangt seien, dass es erweiterte Möglichkeiten zur Regulierung von Wölfen brauche. Doch bis eine Änderung des Jagdgesetzes in Kraft treten kann, vergeht mindestens noch ein Jahr. Schlechte Nachrichten für die vom Wolf betroffenen Tierhalter: Die Wolfsproblematik werde sich bis dahin noch verstärken, befürchtet der Schweizer Bauernverband.

Österreich: Almwirtschaft nachhaltig absichern

Die Forderungen nach einer europäischen Lösung werden derzeit lauter. So sagt etwa die österreichische Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger: „Wölfe halten sich nicht an nationale Grenzen.“ Es gehe ihr nun darum, die heimische Alm- und Weidewirtschaft „nachhaltig abzusichern“. In Österreich gibt es aktuell zwischen 30 bis 50 Wölfe – davon zumindest ein bestätigtes Rudel im Waldviertel. Die Nutztierrisse durch große Beutegreifer haben in den letzten Jahren massiv zugenommen: Von 130 im Jahr 2018, über 293 im Jahr 2020 bis rund 500 im Jahr 2021. Mit Abstand am meisten betroffen ist Tirol, wo zusätzlich 50 Risse von Bären verursacht wurden. Landwirtschaftsministerin Köstinger erklärte kürzlich bei der Ratssitzung in Brüssel: „Wenn jetzt nicht gehandelt wird und Problemwölfe entnommen werden, können die heimischen Almen bald nicht mehr bewirtschaftet werden.“
Um eine leichtere Entnahme von „Problemwölfen“ zu ermöglichen, hat der Tiroler Landtag im Juli eine Änderung des Almschutz- und Jagdgesetzes beschlossen. Vor kurzem wurde in Tirol ein Wolf, der im vorderen Ötztal herumzieht und auf dessen Konto rund 50 Risse gehen sollen, für 60 Tage von der ganzjährigen Schonung ausgenommen und damit zum Abschuss freigegeben. Nachdem WWF und Ökobüro - wie auch schon in Salzburg und Kärnten – gegen den Abschussbescheid Beschwerde eingelegt hatten, hat das Landesverwaltungsgerichts Mitte November einer Aufschiebung des Abschusses zugestimmt. Das Land will dagegen vorgehen. Eine schnelle Lösung, wie erhofft, sieht anders aus.