Kontroverse

Streit mit dem Landratsamt wegen Gemälde an Fassade

MN-SLP-Kunst am bau-MA-19.7.
Michael Ammich
am Freitag, 20.08.2021 - 12:07

Ein Landwirt ließ die Fassade einer tristen Betonhalle aufwendig verschönern. Doch das gefällt dem Landratsamt gar nicht.

Erlingshofen/Lks. Donau-Ries Hätte man es nicht selbst gesehen, würde man es für eine schlechten Witz halten. Da verschönert ein Landwirt die Fassade einer tristen Betonhalle neben einer Bundesstraße mit zwei großen, kunstvollen Gemälden, in denen er die alte Landwirtschaft der modernen gegenüberstellt. Und schon wenige Monate später fordert ihn das Landratsamt auf, das Gemälde wieder zu entfernen. Der für das Gemälde gewählte Standort sei „verkehrsrechtlich bedenklich und mit einer Gefahr für den Verkehrsteilnehmer auf der Bundesstraße verbunden“, heißt es im Schreiben des Landratsamts. So geschehen auf dem Betrieb des Erlingshofener Landwirts und Getreidevermarkters Michael Sailer.

Die kahle, 80 m lange und 8 m hohe Betonwand der neu gebauten Halle neben der B 16 an der Ortseinfahrt von Erlingshofen aus Richtung Donauwörth war Sailer ein Dorn im Auge, zumal die als Eingrünung gedachte Bepflanzung noch recht niedrig ist. Also beauftragte er die Kirchenmalerin und Künstlerin Doreen Guttermann aus Eislingen bei Göppingen die Betonfassade mit zwei jeweils 20 m langen und 6 m hohen Gemälden zu verschönern. Das Motiv hatte er ihr vorgegeben: Auf einem Bild sollte ein Landwirt zu sehen sein, der mit dem Pferdepflug seinen Acker bearbeitet, auf dem anderen ein moderner Schlepper ebenfalls mit Pflug. Über allem sollte ein Schriftzug prangen: „Das schönste Wappen auf der Welt, das ist der Pflug im Ackerfeld.“ Daneben klein und unauffällig das Logo der „SLP – Schwäbische Landprodukte“, des Unternehmens.

Ein hochwertiges Gemälde geschaffen

Im Herbst 2020 schuf die Künstlerin in mehreren Wochen ein hochwertiges Gesamtgemälde. 15.000 € ließ sich Sailer diese Aktion kosten. Im Oktober 2020 wurde das Kunstwerk enthüllt, aufgrund der Coronakrise nur im Familienkreis. Seither erhielt Sailer viele Rückmeldungen aus der Gemeinde Tapfheim und Umgebung, in denen sich die Freude über die bunte Betonhalle ausdrückte.

Als Spielverderber erwies sich jedoch das Landratsamt Donauwörth. Im vergangenen Juni war die Polizei auf das Kunstwerk aufmerksam geworden und teilte der Kreisbehörde mit, dass die Bilder den Verkehr auf der Bundesstraße gefährden und Unfälle provozieren könnten, da sie die Autofahrer ablenken. Und tatsächlich hat es an dieser Stelle schon mehrere Unfälle im Stau vor einer Ampel gegeben, räumt Sailer ein. Allerdings: Seit die Gemälde angefertigt wurden, sei es zu keinem einzigen Unfall mehr gekommen.

Auf den Wandel aufmerksam machen

Durch das Kunstwerk würden die Verkehrsteilnehmer auf den Wandel der Landwirtschaft aufmerksam gemacht, schreibt das Landratsamt. Das sei ansonsten auch nicht zu beanstanden, nur eben hier an der Bundesstraße. Außerhalb geschlossener Ortschaften sei zudem jegliche „Werbung und Propaganda“ verboten, ebenso im Innerortsbereich, sobald sie den Verkehr in gleicher Weise wie außerorts beeinträchtigen. „Durch Ihre Darstellung ist der Tatbestand der Propaganda erfüllt“, so das Landratsamt. „Propaganda ist die Verbreitung einer Meinung oder einer Sichtweise.“ Deshalb seien sowohl der Schriftzug als auch die Gemälde von der Lagerhalle innerhalb von zwei Wochen wieder zu entfernen. Falls Sailer dieser Aufforderung nicht nachkommt, droht ihm die Kreisbehörde eine kostenpflichtige Anordnung zur Beseitigung an.

Sailer schüttelt nur den Kopf und hat einen Anwalt eingeschaltet. „In jedem öffentlichen Gebäude gibt es Kunst am Bau. Auch mein Bild hat eine Künstlerin geschaffen.“ Nicht als Propaganda, die Verkehrsteilnehmer ablenken könnte, empfindet das Landratsamt offenbar die zahllosen Protestplakate, mit denen die Gartenzäune entlang der Bundesstraße 16 in Tapfheim gepflastert sind. Auf den Plakaten wenden sich die Einwohner zum einen gegen einen geplanten Flutpolder und fordern zum anderen eine Umgehungsstraße für ihren Heimatort. Auf dem Plakat eines Flutpolder-Gegners an der B 16 ist beispielsweise zu lesen: „Wenn das ein Gutachten ist, dann ist meine Klorolle eine Enzyklopädie.“