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Podiumsdiskussion

Zukunft der Landwirtschaft - wie sieht sie aus?

Landvolk
Michael Ammich
am Mittwoch, 20.11.2019 - 10:54

Auf einer Podiumsdiskussion der Katholische Landvolkbewegung äußern die Teilnehmer konträre Meinungen.

Thannhausen/Lks. Günzburg - Als stellvertretende regionale KLB-Vorsitzende stellte Irene Langer die Teilnehmer der Podiumsdiskussion vor: Krimhilde Dornach aus Weißenhorn (Vizekreisvorsitzende der ÖDP im Landkreis Neu-Ulm), Sabine Schmidberger aus Waltenhausen (Biobäuerin und Akteurin im Netzwerk Umweltbildung im Landkreis Neu-Ulm), Johann Ellenrieder aus Ustersbach (Biobauer mit Milchvieh und Ackerbau) und Johann Ritter aus Attenhofen (konventioneller Landwirt und Vorsitzender der MeG Weißenhorn).

„Es gibt nur dieses eine Land und diesen einen Boden, von dem wir uns ernähren müssen“, sagte Langer. Das gelte es der Gesellschaft immer wieder bewusst zu machen. Moderiert wurde die Diskussion von Roman Aigner, dem Bildungsreferenten der KLB-Diözesanstelle Augsburg. Er erwartete sich von der Veranstaltung Lösungsansätze, mit denen sich die Kluft zwischen Verbrauchern und Landwirtschaft schließen lassen könnte.

Geringe Gewinnspanne sorgt für Höfesterben

In ihrem Statement verwies Krimhilde Dornach auf das scheinbar nicht aufhaltbare Bauernsterben. Allein in Deutschland hätten seit 1950 rund 1,4 Mio. Landwirte aufgegeben. Von den verbliebenen 267 000 Betrieben bewirtschafteten 37 .100 eine Fläche von mehr als 100 ha, das sind 60 % der deutschen bäuerlichen Nutzfläche.

Für das Höfesterben machte Dornach insbesondere die geringen Gewinnspannen in der Landwirtschaft verantwortlich. Profitieren würden davon die Industrie und der Lebensmitteleinzelhandel. „Beim Landwirt kommt am wenigsten an.“ Damit er überhaupt überleben kann, sei er auf Subventionen angewiesen, insbesondere auf die 5 Mrd € aus der ersten und die 1,2 Mrd € aus der zweiten Säule, die Deutschland aus dem EU-Agrarhaushalt zustehen. Aber nur von den Geldern aus der zweiten Säule profitierten Gesellschaft und Natur.

Ebenso stieß sich die ÖDP-Politikerin an der Lobbyarbeit des Bauernverbands. Als Beispiel für die Zwickmühle, in der dieser agiert, führte sie den DBV-Präsidenten Joachim Rukwied mit seinen vielen Mandaten, beispielsweise im Aufsichtsrat der BayWa, der Südzucker AG oder R+V Versicherung, an. „Er ist heftig verstrickt mit der Industrie und großen Konzernen, da kommen mir schon Zweifel.“

Dornach zufolge lassen sich die Interessen der Industrie nämlich nur schwer mit den Interessen von kleinstrukturierten bäuerlichen Familienbetrieben in Einklang bringen. „Wir brauchen die Landwirte und die Landwirte brauchen eine Zukunft, ökologisch, ökonomisch, sozial und nachhaltig.“ Diese hätten sie aber nur dann, wenn auch die Artenvielfalt gewährleistet ist. Die Qualität der Messstellen hin oder her - „Deutschland hat ein Nitratproblem“, stellte Dornach fest. In der Förderung sieht sie einen Hebel zum Ankurbeln der ökologischen Landwirtschaft. Eine Erhöhung der Subventionen aus der zweiten Säule eröffne große Chancen für die kleineren Betriebe.

Nicht gegen die Natur arbeiten

Ernährung

Sabine Schmidberger hatte auf dem Podium eine „Lebenspyramide“ aufgebaut: ganz unten der gesunde Boden als Basis, darüber die Pflanzen, die den Boden brauchen, dann die Tiere, die auf Pflanzen angewiesen sind, darauf die Fleischfresser und schließlich als Gipfel der Pyramide der Mensch. Bei jeder Veränderung ihrer Bausteine könne die Pyramide schnell ins Wanken geraten, sagte Schmidberger. Es gehe also darum, dieses austarierte System von Abhängigkeiten vor dem Einsturz zu bewahren.

Als die Biobäuerin versicherte, dass sich das Volksbegheren zur Artenvielfalt keineswegs gegen die Landwirte gerichtet hat, erntete sie jedoch Gelächter aus dem Publikum. Als sie selbst noch konventionell gewirtschaftet habe, so Schmidberger, musste sie nach dem Spritzen zahllose Insekten im Todeskampf sehen. „Da wurde mir bewusst, dass wir nicht gegen die Natur arbeiten dürfen.“ Das müsse auch der Verbraucher berücksichtigen. Seine Macht liege in seinem Konsumverhalten.

Es geht um eine andere Landwirtschaft

Bereits vor 33 Jahren hat Johann Ellenrieder auf den ökologischen Landbau umgestellt. „Ich habe erkannt, dass das, was ich in der Ausbildung und der Landwirtschaftsschule gelernt habe, nicht die Zukunft meines Betriebs sein kann.“ Ellenrieders Milchvieh trägt Hörner und frisst nichts anderes als Gras und Heu, kein Getreide. „Die Kuh ist von Natur aus ein Weidetier. Kein noch so tierfreundlicher Stall kann einer Kuh bieten, was sie braucht.“

Ellenrieder geißelte das „System Landwirtschaft“ als „möglichst billige Produktion von Menge“. Das Wichtigste am Ackerbau seien aber nicht die Menge, sondern ein vielfältiges und gesundes Bodenleben und der Humusaufbau.

Noch vor 50 Jahren habe es imgrunde nur Bio-Betriebe gegeben, bekundete Ellenrieder. Heute dienten 80 % der weltweiten bäuerlichen Nutzfläche der Produktion von Viehfutter. „Würden wir diese Quote verringern, hätten die Menschen Nahrung ohne Ende.“

Ellenrieder gab zu bedenken, dass auf die Billigpreise für konventionelle Produkte eigentlich noch 200% Folgekosten aufgeschlagen werden müssten. „Es geht nicht um Bio oder Konventionell, sondern um eine andere Landwirtschaft.“ Außerdem stieß sich der Biobauer am Begriff der Regionalität: „Was ist daran regional, wenn wir unsere Kühe mit Sojaschrot aus Südamerika anstatt mit unserem heimischen Gras füttern?“

Harter Kampf um Preise

In den bäuerlichen Familien werde viel über die künftige Ausrichtung der Betriebe diskutiert, bestätigte Johann Ritter. Wie auch immer, die gewählte Entwicklungsrichtung müsse wirtschaftlich sein. Bislang jedenfalls halte die Nachfrage nicht mit dem Angebot von Bioprodukten Schritt.

Ohnehin würden die konventionellen Landwirte immer ökologischer wirtschaften und die Biobauern in absehbarer Zeit nicht mehr ihre gewohnten Gewinne erzielen können. Daher seien beide Formen der Landwirtschaft nötig.

Ritter erinnerte daran, dass ein Drittel der Direktzahlungen an die Bauern wieder als Einkommensteuer an den Staat zurückfließen. Im Übrigen sei es jedesmal ein harter Kampf, in den Preisverhandlungen mit den Molkereien auch nur einen zehntel Cent herauszuschlagen. „Jede Gesellschaft hat die Landwirtschaft, die sie verdient.“

Hoher Druck lastet auf den Bauern

„Viele Verbraucher wissen gar nicht, unter welchem Druck die Landwirte stehen“, bestätigte Bildungsreferent Roman Aigner. Beschlossen wurde die Veranstaltung mit einer intensiven Diskussion zwischen Podium und Publikum (siehe Kasten). Die Vorsitzende der KLB Krumbach, Claudia Stegmann, forderte die Gesellschaft und die Landwirte auf, immer fair miteinander umzugehen, die eigenen Konsumgewohnheiten zu überdenken und sich zu fragen: Was kann ich selbst zu einer gesunden Umwelt und Landwirtschaft beitragen?