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Marktlage

Zuckerrübenbauern sind wütend und enttäuscht

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Michael Nagel
am Dienstag, 19.03.2019 - 15:23

Winterversammlung der Zuckerrübenanbauer

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Aislingen/Lks. Dillingen Enttäuschung und Wut – so lässt sich die Stimmung unter den schwäbischen Zuckerrübenanbauern zusammenfassen. Enttäuschung, weil sie mit der stets für ihre hohe Wettbewerbskraft gelobten Rübe kein Geld mehr verdienen. Wut, weil die Politik ihr Versprechen, dass es nach dem Ende der Zuckermarktordnung EU-weit einheitliche Wettbewerbsbedingungen geben wird, nicht eingehalten hat. Auf der Winterversammlung des Verbands bayerischer Zuckerrübenanbauer in Aislingen machten die Verbandsvertreter und die Landwirte aus ihrem Ärger keinen Hehl.
Bereits vor der Versammlung zeigten die Anbauer und ihre Abnehmer, die Südzucker AG und die Zuckerfabrik in Rain, ihren Unmut mit einem kurzen, aber deutlichen Protest. „Fair Play für heimische Zuckerrüben“ hatten sie in großen Lettern auf ein Transparent geschrieben. Damit spielten sie auf die unfairen Rahmenbedingungen der Rübenproduktion in Deutschland an. Im Saal wurde Helmut Friedl konkret. In manchen EU-Staaten erhalten die Anbauer gekoppelte Zahlungen, um die Einkommensverluste zu verringern – in Deutschland nicht, ärgerte sich der Verbandsvorsitzende. In elf EU-Staaten, darunter auch im Nachbarland Österreich, darf weiterhin mit Neonicotinoiden gebeiztes Rübensaatgut eingesetzt werden – in Deutschland nicht. „Ja, geht es denn den Bienen in Österreich besser als bei uns?“
Die verzerrten Wettbewerbsbedingungen hätten zu einer Situation geführt, wie sie die Rübenbauern zuvor nicht kannten. „Die Fallhöhe ist groß.“ Es sei ein Unterschied, ob die Wirtschaftlichkeit einer Frucht von den Kräften des Markts oder, wie jetzt im Fall der Zuckerrübe, von der Politik beeinflusst wird. Nach der Abschaffung der Zuckermarktordnung habe die Politik signalisiert, dass für die Produktion der Rübe ein freier Markt gilt und sie künftig nur noch dort angebaut werden soll, wo beste Anbaubedingungen herrschen. Doch jetzt werde der Anbau in Ländern mit weniger guten Bedingungen staatlich gefördert. Außerdem würden immer weniger Pflanzenschutzmittel für den Rübenanbau zur Verfügung stehen. „Das lassen wir so nicht auf uns sitzen“, kommentierte Friedl den Ernst der Lage. Gesellschaft und Politik müssten sich gar nicht erst etwas vormachen: Wo die Rübe aus Bayern verschwindet, wird der Mais die Ersatzfrucht sein.

Anbau ausgeweitet

Laut Friedl wurde der Zuckerrübenanbau nicht zuletzt aufgrund der Zusicherungen der Politik in Deutschland um 45 %, in Frankreich um 38 % und in Polen um 18 % ausgeweitet, sodass die Anbauer und die Zuckerindustrie auf den Export angewiesen sind. Doch dann trat Indien auf den Plan, das erstmals Zucker in großen Mengen exportierte. „Das hat den Weltmarkt zum Einsturz gebracht.“ Zugleich ist der Zuckerkonsum in Europa spürbar zurückgegangen. Inzwischen sei der deutsche Zuckerpreis auf dem Weltmarktniveau angekommen. Die rote Linie, unter der die Anbauer Verluste schreiben, bezifferte Friedl auf einen Zuckerpreis von 400 €/t. Derzeit sei die Tonne jedoch nur mit 320 € bewertet – kein Vergleich zu den 500 €, die noch 2017 bezahlt wurden.
Das damals hohe Preisiniveau habe der Anbauerverband mitnehmen wollen und deshalb zur Ausdehnung des Rübenanbaus aufgerufen, erklärte Friedl. Dann habe es jedoch die genannten Entwicklungen gegeben, die nicht vorhersehbar waren. Die Südzucker AG nimmt 700 000 t Zucker vom Markt, um ihn zu entlasten. Außerdem wurden zwei Zuckerfabriken in Deutschland stillgelegt. Jetzt, so Friedl, gelte es, wenigstens die Zuckermarktanteile im Binnenmarkt zu verteidigen. In einem Gespräch mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner habe er jedes Interesse vermisst, an der prekären Lage der deutschen Rübenanbauer etwas zu ändern. „Dieses Ministerium brauchen wir künftig nicht mehr.“
Jedermann wünsche sich eine bäuerliche, überschaubare Landwirtschaft, wie sie in Bayern gang und gäbe sei. Und genau dafür ist die Zuckerrübe ein Garant, betonte Georg Stark, Vertreter der Anbauregion Schwaben-West im Verbandsausschuss. Die Zuckerrübe sei nämlich die einzige Kultur, mit der die Bauern bisher noch etwas verdienen konnten. Die Anbauer hätten jedoch verdrängt, dass der Wegfall der EU-Zuckermarktordnung zu Problemen führen kann. „Jetzt ist es noch schlimmer gekommen, als viele erwartet haben.“ Es sei zu hoffen, dass die Landwirte auch künftig der Rübe treu bleiben, weil sie im Vergleich zu anderen Kulturen immer noch höhere Gewinne verspreche.
Im Regierungsbezirk Schwaben wurden 2018 auf einer Fläche von 9400 ha von insgesamt 1274 landwirtschaftlichen Betrieben Rüben kultiviert, davon 2100 ha im Landkreis Dillingen sowie 916 ha in den Kreisen Günzburg und Neu-Ulm. Im Gebiet der Rainer Zuckerfabrik standen auf 16 810 ha Rüben. Der Hektarertrag belief sich dort auf durchschnittlich 85,7 t bei einem Zuckergehalt von 18,31 %. In der Südzucker AG wurden aus 29 Mio. t Rüben insgesamt 4,6 Mio. t Zucker gewonnen. Der Konzernumsatz blieb mit rund 7 Mrd. €. nahezu stabil.
Wie der Geschäftsführer des bayerischen Anbauerverbands, Dr. Rudolf Apfelbeck, berichtete, begann das Rübenjahr 2018 mit der Aussaat Ende März bis Anfang April. Die sommerlichen Temperaturen nach der Aussaat bescherten den Rübenpflanzen einen Wachstumsvorsprung, der jedoch im Juli und August durch Hitze und Trockenheit wieder verloren ging. „Umso erstaunlicher war es, dass in Bayern insgesamt eine nur leicht unterdurchschnittliche Zuckerrübenmenge erreicht werden konnte“, sagte Apfelbeck.

Mangel an Bor

Benjamin Kirchberger, Leiter der Rohstoffabteilung der Zuckerfabriken Rain und Plattling, musste auf zahlreichen Rübenfeldern aufgrund der extremen Sommertrockenheit einen Mangel an Bor feststellen, dazu ein gehäuftes Auftreten von Nematoden und Rübenmotten. Wo der Pflanzenschutz nicht termingerecht durchgeführt wurde, spielten auch Blattkrankheiten eine Rolle. Die Rübenkampagne begann in der Rainer Zuckerfabrik am 13. September und endete am 22. Januar. Dabei zeigte sich, dass viele Rüben nach der Rodung durch den Wassermangel und die Hitze schwarz und schwelig geworden waren. Dennoch wurden im Süden des Anbaugebiets und allgemein auf guten Böden rekordverdächtige Erträge eingefahren. Weniger erfreulich war für Kirchberger der hohe Unkrautanteil.
Versuchstechniker Anton Meier von der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Zuckerrübenanbaus lenkte den Blick auf die schwierige Zulassungssituation von Beizwirkstoffen und Pflanzenschutzmitteln. Nachdem heuer kein mit Neonicotinoiden gebeiztes Rübensaatgut mehr ausgebracht werden darf, muss das gesamte Restsaatgut entsorgt werden. Allein für die beiden Zuckerfabriken in Rain und Plattling beläuft sich der Wert dieses Saatguts auf mehr als 2 Mio. €. Selbst das für heuer zugelassene Saatgut muss noch im laufenden Jahr aufgebraucht werden, da der darin enthaltene Wirkstoff Thiram nicht mehr in die Liste der von der EU erlaubten Wirkstoffe aufgenommen wurde, erklärte Meier. Michael Ammich