Gesextes Sperma

Zeitweise fast ausverkauft

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Josef Berchtold
Josef Berchtold
am Donnerstag, 11.03.2021 - 17:11

Die RBG Memmingen nutzt doppelt so viele Termine zum Samensexing wie letztes Jahr. Grund ist die massiv gestiegene Nachfrage.

Das gesexte Sperma boomt, weltweit und besonders bei den milchbetonten Rassen. In der Schweiz werden schon 60 Prozent der Jersey-Besamungen mit gesextem Sperma gemacht. Jetzt kommt es auch im Allgäu ins Laufen. „Wir nutzen doppelt so viele Termine zum Samensexing wie im letzten Jahr“, erklärt Konrad Bischof, Geschäftsführer der Besamungsgenossenschaft Memmingen (RBG).

Die Anzahl der ausgegebenen weiblich gesexten Samendosen bei Brown Swiss hat sich im Besamungsgebiet der RBG in den letzten drei Monaten (1.12.20 bis 28.2.21) im Vergleich zum Vorjahresquartal um 44 Prozent auf 1915 Dosen gesteigert. Bei Holstein wurden 958 Dosen ausgegeben, das sind 93 Prozent mehr als vor einem Jahr. Bei Fleckvieh waren es in diesen drei Monaten nur 55 Dosen, das sind trotzdem 129 Prozent mehr als in den drei Monaten vor einem Jahr. Eine stark steigende Nachfrage gibt es auch nach männlich gesexten Sperma von Fleischrassen. In drei Monaten lieferte die RBG davon 856 Dosen im eigenen Stationsgebiet aus, das sind 280 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Steigerung von 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr

Über alle Rassen lag die Anzahl der gesexten Samendosen in diesen drei Monaten bei 3784 Dosen, das ist eine Steigerung von 82 Prozent zum Zeitraum vom Dezember 2019 bis einschließlich Februar 2020.
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Letzte Woche berichtete Unser Allgäu von dem Boom in Greifenberg. In Memmingen sieht es nicht anders aus: Das geschlechtsbestimmte Sperma, aus dem man auf Wunsch Kuh- oder Stierkälber erhält, ist hoch im Kurs. Wie auch bei der Station am Ammersee nutzt man in Memmingen die beiden Sexing-Labors in Bad Waldsee und Cloppenburg, um das Sperma der besten Bullen „sexen“ zu lassen und so den Wunsch aufs Kuhkalb zu erfüllen.

Männlich gesextes Sperma hingegen gibt es derzeit nur aus dem Labor in Cloppenburg. Das junge Labor der Bad Waldsee, das erst im Mai 2020 die Arbeit aufgenommen hat und das mit einer anderen Technik arbeitet, kann derzeit nur „weiblich gesextes“ Sperma herstellen. Zusätzlich männlich gesextes Sperma wird für das laufende Jahr 2021 in Aussicht gestellt. Dieses Labor in Bad Waldsee, betrieben von einer Tochter der Rinderunion Baden-Württemberg (RBW), nahm den Routinebetrieb im August 2020 auf und scheint gerade zum richtigen Zeitpunkt entstanden zu sein. Und man legt dort bereits nach: Gut ein halbes Jahr nach Start der Anlage wird die Produktionskapaziätät von derzeit 8000 auf 16 000 gesexte Dosen pro Monat verdoppelt.

Landwirte, die dank des gesexten Spermas aus den besten Kühen und Rindern Kuhkälber bekommen, haben Kapazitäten frei, um den Rest der Herde mit Fleischvererbern zu besamen. Immer mehr Bauern verwenden dabei männlich gesextes Fleischrassensperma. Die schlechten Kälberpreise für reinrassige Holstein- und Brown-Swiss-Stierkälber haben diesen Trend beschleunigt. Mit Hilfe des gesexten Spermas stellen sich somit immer mehr Betriebe, die mit milchbetonten Rassen arbeiten, neu auf: Aus den besten Kühen werden reinrassige Kuhkälber geboren, und aus den Kühen, die nicht ganz so leistungsstark oder vital sind, kommen männliche Kreuzungskälber einer Fleischrasse zur Welt. Aus milchbetonten Rassen wie Holsteins oder Brown Swiss werden so gut mastfähige Nutzkälber geboren.
Dieser Run hat jetzt das Allgäu erreicht, und so ist man auch in Memmingen von der steigenden Nachfrage überrascht. „Seit Januar ist ein richtiger Run auf gesextes Sperma“, erklärt auch Johannes Rupp, der für die Spermalogistik zuständig ist. Im Dezember hatte man noch einen stattlichen Vorrat, zwischenzeitlich sei man fast ausverkauft gewesen.
In der Regel werden Milchrassen weiblich und Fleischrassen männlich gesext. Inzwischen gebe es für den Einsatz von Weiß-Blauen Belgiern auf Rinder sogar vereinzelte Nachfragen nach weiblich gesexten Belgiern, berichtet Konrad Bischof. Kuhkälber kommen in der Regel leichter zur Welt und so plant man, vom WBB-Stier Idefix einen Sprung weiblich sexen zu lassen.

Techniker hat gesextes Sperma dabei

„Unsere Besamungstechniker haben gesextes Sperma routinemäßig dabei“, erklärt Stationsleiter Konrad Bischof. Bei Tierärzten gelte das nur zum Teil. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte das mit seinem Besamer vorher abklären und gegebenenfalls gesextes Sperma bestimmter Stiere über den Besamer oder an der Station bestellen. Folgende Stiere sind in Memmingen derzeit gesext verfügbar:
Brown Swiss: AG Cavallo, AG Andaman, AG Bison, AG Veles Pp und AG Veritas sowie Restportionen von AG Vasan PP, AG Viper Pp, Hegall und Jubs. Geplant sind AG Vassri und AG Vollmacht;
Holstein: Hotgun, Snickers Pp, Mail Pp, Barman PP, geplant ist Belluno;
Weiß-Blaue-Belgier: Männlich gesextes Sperma von Otto und Istanbul; zum Einsatz auf Rinder ist geplant, weiblich gesextes Sperma von Idefix zu produzieren.
Der Qualitätszuschlag zum Grundpreis von 5€/Dose liegt für RBG-Mitglieder bei den aktuellen Bullen Brown Swiss zwischen 24 und 28 Euro, bei Restdosen zwischen 20 und 24 Euro. Etwas teurer sind Zukaufssperma und andere Rassen, etwa männlich gesext Weiß-Blaue Belgier mit 29 Euro Qualitätszuschlag. Auf Wunsch besorgt die RBG auch das gesexte Sperma anderer Stiere von den Stationen aus dem In- und Ausland, hier gelten meist etwas höhere Preise.