Forstwirtschaft

Zeitfenster wird immer unberechenbarer

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Susanne Lorenz-Munkler
am Freitag, 09.04.2021 - 10:08

Die Witterungsschwankungen der vergangenen Jahre bereiten den forstwirtschaftlichen Zusammenschlüssen im Allgäu zunehmend Probleme.

Kaum ein Wirtschaftszweig ist so von Wetter und Klima abhängig wie die Forstwirtschaft. Das Wachstum und letztlich die Ertragshöhe hängen entscheidend von den meteorologischen Rahmenbedingungen Wetter, Witterung und Klima ab. Die Forstwirtschaft befasst sich mit der nachhaltigen Bewirtschaftung und Nutzbarmachung von Wäldern sowie deren Bedeutung für die Umwelt. In den Forstwirtschaftlichen Zusammenschlüssen übernehmen das eine Handvoll Experten für tausende von Privatwaldbesitzern. Aber wie flexibel kann eine FBG oder WBV reagieren, bei Wetterkapriolen wie in diesem Frühjahr? Wir besuchten Theo Sommer, den Geschäftsführer der FBG Memmingen.

Wir schreiben den 3. Februar 2021. 12 Grad plus und strahlender Sonnenschein. Ich stehe mit Theo Sommer in einer Waldlichtung bei Trunkelsberg im Landkreis Unterallgäu. Die Vögel zwitschern, der Specht hämmert an einen Totholzbaum, die Sonne strahlt. Die ersten Zitronenfalter flattern. Der moosbedeckte Boden ist nass wie ein Schwamm.

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Am etwa 200 m entfernten Forstweg transportiert ein Lkw Holzstämme ab. Ein Masten-Sortiment, das zeitnah entrindet nach Italien geliefert werden soll. Für das Holz bekommt der Waldbesitzer einen guten Preis. Es hat viel geregnet und es war überdurchschnittlich warm. Die Böden sind durchweicht. „Nur mit speziellen Breitreifen (75 – 80 cm) und sogenannten Bändern konnten sich Schäden in den Rückegassen vermeiden lassen“, erklärt Sommer.

Diese Szene zeigt die Schwierigkeiten, die die fortwirtschaftlichen Zusammenschlüsse in Zeiten des Klimawandels zu bewältigen haben. Die Waldeigentümer müssen kurzfristig positive Zeitfenster am Holzmarkt nutzen. Die Rundholzmärkte entwickelten sich in den letzten Jahren sehr volatil. Sie sind so unberechenbar wie die Witterung geworden und die Wetterextreme mit den damit einhergehenden Kalamitäten.

Jahreszeitliches Arbeiten im Wald ist schwierig. „Normalerweise würde man im Februar das Altholz durchforsten, die Stammzahl reduzieren, motormanuell und maschinell. Und zusammen mit den FBGen und WBVen das Holz gut verkaufen“, erklärt Sommer. Heuer hat es tagelang geregnet und war viel zu warm. Keiner ist im Wald.

„Im Jahr zuvor hatten die Frühjahrsstürme für andere Rahmenbedingungen gesorgt. Innerhalb von nicht einmal vier Wochen waren drei Stürme mit Orkanstärke über das Allgäu gefegt und hatten Bäume wie Streichhölzer umgeknickt oder entwurzelt. Nach groben Schätzungen lagen zwischen 250 000 und 300 000 fm Schadholz zur Aufarbeitung im Wald. Die Hälfte davon im Privatwald. Das Schadholz musste teilweise für 30 €/fm verkauft werden, da solche immensen Mengen Sturmholz auf dem Markt waren.

Informationen per Newsletter

„Man müsste jetzt eigentlich hier eine Voranbaugruppe planen und pflanzen“, erklärt Sommer. Dafür muss der Boden im März aufgetaut sein. Aber: Der Wetterbericht hat sibirische Kälte vorhergesagt. Und sollte recht behalten. Dann können schlimmstenfalls die Baumschulen die Forstpflanzen aus dem Freiland erst später ausheben und es verschiebt sich wieder alles nach hinten. „Wir senden ständig die aktuellen Informationen per Newsletter an unsere Mitglieder“, sagt Sommer. Informationen zum Holzpreis, zum Witterungsverlauf und darüber, welche Arbeiten im Wald anstehen.

Eine planmäßige Forstwirtschaft ist seit einigen Jahren kaum mehr möglich. „Wir laufen immer mehr den Kalamitäten hinterher. Trotzdem möchten wir für das Holz möglichst gute Preise erzielen. Das erwarten unsere Mitglieder von uns“, weiß Sommer.

Die Mitglieder werden immer mehr und haben immer kleinere Wälder. Das kommt vor allem durch die traditionelle Erbteilung in der Landwirtschaft. Allein die FBG Memmingen hat 2380 Mitglieder mit einer Waldfläche von 12 591 ha. 66 Prozent unserer Mitglieder haben nur etwa 2 ha, nur noch 17 % haben größeren Waldbesitz. Das sind meist Kommunen und Gemeinden. „Wir machen von der Pflanzung über die Pflege und Durchforstung bis zur Ernte alles“, erklärt Sommer das Dienstleistungsangebot seiner WBV. „Das größte Problem sind dabei manchmal wir selbst. Für Wälder von fast 2500 Menschen zuständig zu sein, ist wie einen Sack voller Flöhe zusammenzuhalten“, meint Sommer. „Jedes Mitglied ist ein Individuum und jeder will etwas anderes. Beim einen stehen ökologische Interessen im Vordergrund, beim anderen ökonomische. Zum Beispiel wenn beim Bau eines dringend notwendigen Forstwegs von den 30 bis 40 beteiligten Waldbesitzern einer nicht mitmacht, können wir das ganze Projekt vergessen. Wir müssen ständig abwägen, die Mitglieder gut beraten, aber auch die Kunden beliefern und den Forstdienstleistern Arbeit geben. Denn am Holz hängen viele Arbeitsplätze.“

Witterungsextreme waren heftig

Die Witterungsextreme in den vergangenen fünf Jahren waren für das gesamte Ökosystem Wald heftig. Sommer: „Mich bewegt das sehr. Es tut richtig weh, wenn wir so lange Trockenperioden haben. Gottseidank haben wir schlagkräftige Unternehmer. Mit einer maschinellen Holzernte kann man einfach schneller sein, zum Beispiel bei der Käferprophylaxe.

Sabrina Wunderl (002)

Seit den 90er Jahren hat sich das kombinierte Verfahren, motormanuelles Zufällen und maschinelle Aufarbeitung bewährt.“ Dadurch konnte man die Borkenkäfer-Kalamitäten einigermaßen bewältigen. „Doch die Herausforderung wird nichtsdestotrotz immer größer. Deshalb müssen wir vor allem zunehmend mehr in der Beratung tätig sein. Erfreulicherweise erfuhren wir in den letzten Jahren, dass das Interesse an unseren Waldbegängen auch bei jüngeren Waldbesitzern steigt. Das motiviert.“ Über 20 Präsenz-Veranstaltungen im Jahr, unabhängige fachliche Begleitung bei Waldbegängen der Jagdgenossenschaften und seit Corona Online-Veranstaltungen. Und eine gute, laufend aktualisierte Homepage. „Aber trotzdem sollten wir noch mehr social media nutzen, um die Jungen mitzuziehen“, meint Sommer.

Eine Frage allerdings bewege alle: „Welche Baumarten sind für die Zukunft die richtigen? „Man blicke ständig auf die forstliche Standortkartierung als Fundament für Entscheidungen für die richtige Baumarten-Wahl. Klimatolerantere Mischbaumarten müssen dringend schon jetzt angepflanzt werden, kombiniert mit der Naturverjüngung von Fichte, Tanne, Bergahorn oder Buche.

Welche Pflanzen die globale Klimaerwärmung in 50 Jahren noch aushalten können, liegt im Bereich der Spekulation. In einer Online-Veranstaltung der FBG Memmingen stellte Sabrina Wunderl, Referendarin am AELF Mindelheim, mögliche zukunftsfähige Baumarten vor: die Baumhasel, Edelkastanie, Flatterulme und Schwarznuss. Exotische Arten, die viele der Teilnehmer noch nicht kannten.

Die Baumhasel: Sie ist sehr widerstandsfähig, hat eine geringe Schneebruchgefahr und ist sehr immissionsverträglich. Sie kommt aus Süd-Osteuropa, aus der Türkei und Afghanistan und dem West-Himalaya. Wenn es bei uns in 50 Jahren 2 Grad wärmer würde, würde sie passen. Sie hat ein sehr wertvolles Holz und wächst von 200 bis auf 2000 m über dem Meeresspiegel. Sie mag eine Durchschnittstemperatur 5 bis 13 Grad, hat eine hohe Kälte- und Hitze-Toleranz und hält auch sehr gut eine Sommerdürre aus. Die Baumhasel kann 400 Jahre alt und 30 m hoch werden. Sie mag frische bis trockene und auch flachgründige Standorte, hat geringe Ansprüche an den Boden, als Pfahlwurzler kann sie auch Ton durchwurzeln. Die Baumhasel mag allerdings keine Staunässe. Die Halbschattenbaumart lässt sich wunderbar mit der bestehenden Naturverjüngung ergänzen. Sie wächst sehr schnell (fast einen Meter pro Jahr). Man muss sie früh durchforsten und fördern, damit sie eine große Krone ausbilden kann. Das Holz ist sehr wertvoll und schön mit rötlichem Kern und für Möbel und Furniere geeignet.

Die Edelkastanie: Sie ähnelt unserer Rosskastanie. Ihre Frucht, die Marone ist essbar. Sie kommt in den Pyrenäen und den Alpen vor, in Frankreich, Spanien, Slowenien und dem Balkan. Im Sommer mag sie Durchschnittstemperaturen zwischen 17 und 19 Grad und Jahresdurchschnittstemperaturen von bis zu 14 Grad. Sie erträgt sehr gut Trockenheit in den Sommermonaten, aber sie verträgt überhaupt keinen Spätfrost. Als Lichtbaumart mag sie Eichen, Hainbuchen und Laub-Mischwälder. Beim Boden ist der Pfahlwurzler anspruchsvoll. Sie braucht sehr lockere, gut durchlüftete Böden. Diese sollten leicht sauer sein, denn Kalk mag sie nicht, ebenso Staunässe. Sie braucht viel Licht und hat ein extrem hohes Höhen- und Dickenwachstum, vor allem in der Jugend wächst sie bis zu 1 m im Jahr. Deshalb muss sie früh durchforstet und die Kronen freigestellt werden. Ihr Holz ist sehr dauerhaft und eignet sich zum Beispiel für Lawinenverbauung und Spielgeräte im Außenbereich. Sie ist allerdings anfällig für Ringschäle, Kastanienrindenkrebs, Schneebruch und Spätfrost.

Die Flatterulme: Die Flatterulme hat als einzige europäische Art Brettwurzeln und kann deshalb die Überflutung mit Wasser sehr gut tolerieren. Sie wächst in Süd-Finnland, im nördlichen Griechenland, Mittelfrankreich, Belgien und im westlichen Ural. In Deutschland findet man sie vereinzelt in Flussniederungen. Die Auwald-Baumart wächst auf circa 600 Höhenmetern, braucht frische und feuchte Standorte, kann aber auch zähe Böden erschließen. Die Halbschattenbaumart ist ein guter Ersatz für Eschenstandorte und wächst ideal in Mischung. Ihr schönes Holz ist in der Möbelindustrie, für Furniere oder Parkett gefragt. Die Flatterulme ist sehr viel resistenter gegen den Ulmensplintkäfer als andere Ulmen und insgesamt sehr resistent gegen Krankheiten und Schäden.

Die Schwarznuss: Sie hat eine lange astfreie Schaftlänge und Nüsse fast wie die Walnuss. Sie kommt aus Amerika, aus tieferen Lagen wie Flussniederungen, wächst aber auch bis 2500 m Höhe. Sie mag eine Jahresdurchschnittstemperatur von 7 bis 20 Grad und 600 bis 1700 mm Jahresniederschläge. Sie hält bis zu minus 40 Grad aus, ist aber sehr spätfrostempfindlich. Sie ist sehr anspruchsvoll, was den Boden betrifft, will total nährstoffreiche tiefgründige Böden und mag keine Staunässe. Sie hat eine sehr hohe Volumen- und Wertleistung, ein gutes Höhen-Wachstum und Konkurrenzkraft und ist gut mischbar mit andere Laubbaumarten. Man muss sie frühzeitig fördern, damit die Krone gut wird. Sie ist wenig verbissgefährdet, aber gegen Fegeschäden empfindlich. Ihr edles Holz wird gerne für Furniere und die Innenausstattung von edlen Autos verwendet. Sie ist wenig anfällig für Schädlinge. In Europa sind jedenfalls noch keine bekannt.

FBG Memmingen

Gründung: 1969,

Mitglieder: 2380,

Waldfläche der Mitglieder: 12 591 ha,

Jährliches Holzaufkommen Stammholz: 60 000 fm,

Jährliches Holzaufkommen Hackgut: 11 500 Srm,

Jährliche Pflanzenbeschaffung: 95 000 Pflanzen, davon 46 % Mischbaumarten,

Betreute Waldfläche mit Pflegevertag: 112 ha privat und Kirche mit 816 ha, 14 Kommunalwald mit 1880 ha,

Leihmaschinen für Mitglieder: Trommelhacker,

Zertifizierung nach den PEFC- Richtlinien,

Forst befindet sich im Wandel

Die Serie von Unser Allgäu stellt die forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse heute und morgen vor. Mehr Infos zur Serie finden Sie hier.

Im ersten Teil der Serie geht Ignaz Einsiedler auf die Veränderungen im Laufe der Zeit ein. Einsiedler gibt nach fast 50 Jahren den Vorsitz der WBV Kempten ab und kann auf einen starken Wandel im Wald zurückblicken, den Unser Allgäu beschreibt. Den Artikel über Ignaz Einsiedler finden Sie hier.

Im zweiten Titel lädt Andreas Täger, der Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Westallgäu, zu einem Rundgang ein. Hierbei wird deutlich, welche besonderen Wälder in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Hier finden Sie den Artikel.

Im dritten Teil geht es um die Forstreform, die inzwischen 15 Jahre her ist. Doch nicht immer ist nach wie vor nicht eindeutig, wer wofür zuständig ist. Roman Prestele klärt auf. Den Artikel finden Sie hier.

Im vierten Teil stellen wir Dieter Stosik, Geschäftsführer der FBG Füssen, vor. Mit Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit will Stosik das Verständnis für die Forstwirtschaft wecken. Waldbesitzer brauchen ein Gesicht in der öffentlichen Wahrnehmung, sagt er. Hier finden Sie den zugehörigen Artikel.

Im fünften Teil geht es um die Frage, ob der Einsatz schwerer Maschinen bei der Arbeit im Wald nachhaltig ist. Diese Fragt ploppt immer wieder auf, insbesondere, wenn Fotos von gravierenden Schäden am Waldboden in der Öffentlichkeit kursieren. Was stimmt also? Philipp Götzfried, Geschäftsführer der WBV Kempten Stadt und Land, beantwortet im Interview unsere Frage. Hier finden Sie den Artikel.

Im sechsten Teil beschäftigen wir uns mit dem inneren Geheimnis der Bäume: Wie schaffen sie es eigentlich, mit ihren ausladenden Kronen so stabil zu sein? Es sind die Holzfasern. Ein Element der Bäume, das Förster Raymund Ball von der FBG Mindelheim fasziniert. Wir haben mit dem Fachmann darüber gesprochen.