Seminar

Zahl der Umsteller steigt

Dinkel
Michael Ammich
am Dienstag, 13.04.2021 - 11:32

Bei der Umstellung auf den Ökolandbau spielen für die Landwirte nicht nur wirtschaftliche Interessen eine Rolle.

Im zweiten Teil der Online-Reihe des AELF Kaufbeuren zum Ökologischen Ackerbau stand die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Jörg Reisenweber vom Institut für Agrarökonomie an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft stellte Deckungsbeiträge, Erträge und Nährstoffkosten in der konventionellen und der ökologischen Landwirtschaft gegenüber.

Sein Fazit: Derzeit fährt unter vergleichbaren betriebsindividuellen Voraussetzungen der Biobauer eindeutig höhere Gewinne ein als sein konventioneller Berufskollege. Als Leiter des Fachzentrums Ökolandbau am AELF Kaufbeuren eröffnete Franz Högg die Veranstaltung mit einem Blick auf die steigende Zahl der Umsteller in Schwaben. So entschieden sich im vergangenen Jahr 120 Landwirte für einen Wechsel von konventionell zu ökologisch. Damit wirtschaften jetzt in Schwaben insgesamt 2120 Betriebe ökologisch – „mit steigender Tendenz“.

Jörg Reisenweber

Auf das Öko-Pferd setzen auch die 27 Öko-Modellregionen in Bayern. Sie wollen die Produktion von heimischen Bioprodukten ankurbeln und in der Gesellschaft ein Bewusstsein für regionale Identität schaffen, erklärte Ulrich Deuter, Projektmanager der Öko-Modellregion „Stadt.Land.Augsburg“. Darüber hinaus geht es auch um eine bessere Vernetzung der Partner in der Wertschöpfungskette.

Deuter stellte drei Projekte der Öko-Modellregion vor:

  • Neue Absatzwege für Bioprodukte: Die Gemeinschaftsverpflegung in öffentlichen Einrichtungen und Betriebskantinen, durch Catering-Unternehmen und Verarbeitungsbetriebe könnte ein guter Weg sein, den Biobetrieben zusätzliche Vermarktungswege zu öffnen.
  • Förderung des Biohanfanbaus in der Region: Mit der Entwicklung von Bio-Hanf-Brot gemeinsam mit einer regionalen Bäckerei und der Vermarktung von Bio-Hanföl an Kantinen und Bäckereien wurden bereits erste Schritte unternommen, neue Absatzwege zu entwickeln. Als weitere Verwertungsmöglichkeiten des Biohanfs kommen auch Baustoffe und Fasern in Frage.
  • Alte Getreidesorten: Sie sollen erhalten und vermehrt werden, was der Kooperation von Biobauern und Bäckereien bedarf. Zum Projektbeginn wurden bereits mehrere Getreidesorten „ausprobiert“, sagte Deuter.

Bei der Umstellung auf den Ökolandbau spielen für die Landwirte aber nicht nur wirtschaftliche Interessen eine Rolle, sagte Jörg Reisenweber im anschließenden Vortrag. Motive könnten ebenso der Idealismus – „Zurück zu den Wurzeln der Landwirtschaft und zur Natur“ – und der Gedanke des Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutzes sein. Gründe für den Wechsel seien häufig auch politisch-gesellschaftliche Zwänge, wie die Diskussionen um Tier- und Pflanzenschutz sowie das immer engere Korsett an Vorschriften für die konventionelle Landwirtschaft. Und nicht zuletzt hat sich der Gedanke „Klasse statt Masse“ in den Köpfen mancher Bäuerinnen und Bauern festgesetzt.

Bereitschaft für Innovationen mitbringen

Eines aber gilt für Umstellungswillige immer: Sie müssen eine Bereitschaft für Innovationen mitbringen und die Produktionstechnik beherrschen. Ein Biobauer benötigt ausreichend Arbeitskapazität, lokale Abnehmer, ein Lager und eine Möglichkeit zur Aufbereitung. Sein Umfeld muss ihn unterstützen, die Marktentwicklung sollte günstig sein.

Reisenweber zog die Hektar-Deckungsbeiträge im fünfjährigen Mittel für den Vergleich der ökonomischen Vorzüglichkeit von Bio und Konventionell heran.
  • Qualitätsweizen: konventionell 378 €, bio 697 €
  • Dinkel: konv. 674 €, bio 820 €
  • Sommergerste: konv. 264 €, bio 563 €
  • Körnermais: konv. 359 €, bio 974 €.

Davon abgezogen werden müssen Festkosten, Pacht, Fremdkapital und Lohnkosten, um auf den Gewinnbeitrag zu kommen. Die Gewinnschwelle liegt im konventionellen Landbau bei rund 800 €/ha und wird aktuell nur vom Dinkel erreicht. Ein Gewinn lässt sich kulturenübergreifend folglich im Grunde nur durch die Direktzahlungen der EU erwirtschaften, die sich auf den Deckungsbeitrag satteln. Sobald sich eine Überproduktion einstellt, reagieren die Märkte sofort und die Preise sinken. Steigende Preise ziehen wiederum eine Verteuerung von Produktionsmitteln wie Dünger, Saatgut, und Pflanzenschutzmittel nach sich.

Dem Teufelskreis entkommen

Immer mehr Betriebe sehen in der Umstellung auf den Ökolandbau eine Chance, diesem Teufelskreis zu entkommen. Heute wirtschaften in Bayern bereits 9590 der insgesamt 104 170 landwirtschaftlichen Betrieb ökologisch, erklärte Reisenweber, viele davon mit Blick auf die stattlichen Preisdifferenzen zwischen Öko- und konventioneller Ware. So bewegte sich in den vergangenen zwölf Jahren der Erzeugerpreis für konventionellen Weizen zwischen 13 und 16,50 €/dt, der Biobauer bekam für seinen Weizen 25,50 bis 41 €.

Reisenweber ging auch auf das altbekannte Argument ein, dass auf den Ökobetrieben erheblich höhere Kosten für die Nährstoffversorgung der Ackerfrüchte anfallen. Nach jeder Ernte nimmt der Nährstoffgehalt im Boden ab, wenn er ihm nicht neu zugeführt wird. Mangels Mineraldünger ist für Biobetriebe die Zufuhr von Nährstoffen tatsächlich teurer, seien es Kali, Phosphor oder Stickstoff. Der Bio-Ackerbauer ist auf Leguminosen als „Stickstoff-Fabrik“ angewiesen.
Je nach Nährstoffangebot steigt oder sinkt der Ertrag und damit auch der Deckungsbeitrag. Dennoch: „Die Deckungsbeiträge im Ökolandbau sind denen des konventionellen Landbaus haushoch überlegen“, konstatierte Reisenweber. Am wirtschaftlichsten ist die Stickstoffverwertung bei Dinkel, Körnermais und Sommergerste, am schlechtesten beim Sommerhafer. Bei der Bewertung nach Stickstoff schlägt sich im Deckungsbeitrag lediglich das Kleegras schlechter als die verschiedenen konventionellen Kulturen.

Die Deckungsbeiträge der verschiedenen Früchte stellen im Ökolandbau eine gute Grundlage für die Anbauplanung in funktionierenden Fruchtfolgen dar. Zudem bilden die Fruchtfolge-Deckungsbeiträge die beste Grundlage für einen Vergleich von öko mit konventionell. Reisenweber führte eine solche Öko-Fruchtfolge mit ihren jeweiligen Deckungsbeiträgen pro Hektar und Jahr an:

  • Kleegrasbrache: - 398 €
  • Winterweizen: 1057 €
  • Zwischenfrüchte: - 124 €
  • Sommergerste/-hafer: 714 €
  • Futtererbsen: 465 €
  • Dinkel/Winterroggen: 928 €.
Ulrich Deuter

Unter dem Strich ergibt sich hier ein Fruchtfolge-Deckungsbeitrag von 528 €. Wie ihre konventionellen Kollegen können auch die Biobauern zum Deckungsbeitrag noch die Fördergelder hinzurechnen. 2020 beliefen sie sich pro Hektar im Schnitt auf 800 € im Öko- und auf 460 € im konventionellen Landbau. Die Erträge auf den Öko-Äckern betragen mehr als die Hälfte der Erträge auf den konventionellen Äckern, aber die Öko-Erzeugerpreise sind auch mindestens doppelt bis viermal so hoch.

„Derzeit ist öko wirtschaftlicher als konventionell“, sagte Reisenweber. „Ob das so bleibt, hängt aber von den Preisen ab.“ Der LfL-Experte geht davon aus, dass sie bei einem steigenden Angebot sinken werden, und das bei einer nach wie vor eher zurückhaltenden Nachfrage nach Bioprodukten bei den Verbrauchern. Doch die konventionellen Landwirte stehen ebenfalls vor Herausforderungen, wie der Einschränkung des Pflanzenschutzes und der Düngung. Unter Verweis auf die Coronakrise oder politische Entscheidungen erinnerte Reisenweber daran, dass nicht alle Entwicklungen vorhersehbar sind. „Der Ökolandbau verlangt Rückgrat und Durchhaltevermögen.“