Waldbau

Eine Wunderbaumart gibt es nicht

Baumarten
Toni Ledermann
am Dienstag, 14.01.2020 - 09:43

FBG und AELF Mindelheim blicken in die Zukunft der heimischen Wälder.

Türkheim/Lks. Unterallgäu - Einen „guten Riecher“ hatte die Vorstandschaft der FBG Mindelheim mit dem Thema „Was kann ich eigentlich noch pflanzen...?“ Die Waldbauern kamen zahlreich in den großen Saal des „Rosenbräu“ in Türkheim. Referent war der Mindelheimer Amtsleiter Rainer Nützel. Die Waldbesitzer sorgten sich immer mehr um die Zukunft ihrer Wälder, sagte der Vize-Vorsitzende der FBG Johann Weber. Er freute sich den Ehrenvorsitzenden Ulrich Klaus und Türkheims Bürgermeister Chri­stian Kähler begrüßen zu können.

Die weltweite Klimaveränderung heize die Erde immer schneller auf, was auch die beiden letzten Sommer zeigten, stellte Nützel eingangs fest. Diese Veränderungen könne man durchaus schon als Einstieg des Klimawandels werten. Hinzu kommen allerorten Stürme und lang anhaltende Trockenheit. Nützel legte eine Statistik vor, die die steigenden Temperaturen von 1880 bis heute zeigt. Auch in den vergangenen Wintern war eine stetige Erwärmung festzustellen.

Szenarien von Fachleuten zufolge werde die Durchschnittstemperatur im Raum Unterallgäu auf 8 bis 9,5 Grad ansteigen! Da bekanntlich der heimische Wald „vor dem Klimawandel nicht davonlaufen kann und Bäume eine sehr lange Lebenszeit haben, muss nach Lösungen für Zukunftspflanzungen gesucht werden“, sagte Nützel. Zumal sich Bäume nicht schnell an die veränderte Klimasituation anpassen können. Eine natürliche Anpassung dauert Jahrhunderte und nicht angepasste Wälder sind gefährdet. Kurz gesagt: „Zwischen Backofen und Kühlschrank liegt das Dilemma.“

Das Risiko streuen wie bei einer Geldanlage

Als Folge dieses Szenarios steigen freilich auch die Risiken bei der Waldbewirtschaftung. Durch die im Allgäu immer wieder auftretenden Starkwinde und den nachfolgenden Borkenkäfer werde die Fichte bei uns schon in etwa 30 Jahren deutlich weniger zu sehen sein. Indes ist laut Nützel auch klar: „Die Wunderbaum­art gegen den Klimawandel gibt es auch künftig nicht. Enttäuschungen sind deshalb vorprogrammiert.“

Was also soll der Waldbesitzer von heute nachpflanzen? Wie bei einer Geldanlage soll man zunächst das Risiko breit streuen. „Dies heißt Mischwald und weg von Reinbeständen!“ Habe man dies vor Augen, so sei man schon ein gutes Stück weitergekommen. Damit bleibt als wichtigste Information die Standortkarte in der die Bodenart, der Wasserhaushalt und die Wasserverfügbarkeit fixiert sind. Diese können bei den FBGs und im Forstamt eingesehen werden. Daraus sei abzuleiten, welche Baumart aus heutiger Sicht auf den aufzuforstenden Böden in Frage komme. Im Allgäu sei man in der vergleichsweise glücklichen Lage, dass deutlich mehr Regen fällt als beispielsweise in Franken.

Wichtig sei, auch Bewährtes wie die Fichte generell zu hinterfragen. Gleichwohl habe die Fichte auf entsprechend gutem Untergrund nach wie vor ihre Berechtigung. In welchem Umfang hänge vom Standort und der weiteren Klimaentwicklung ab. Mit einem Augenzwinkern merkte Nützel an, dass „die schlauen Allgäuer“ denken könnten: „Wenn alle auf andere Baumarten setzen – dann erfährt die Fichte doch einen Aufschwung?“ Dies könne durchaus sein. Aber dem entgegen stehe die Tatsache, dass Fichten auf (lehmigem) Sand bereits mittelfristig keine Zukunft mehr haben. Deshalb müsse der Grundsatz bei steigender Temperatur gelten: „So viel Fichte wie möglich, so viel Mischbaumarten wie nötig!“

Nützel erinnerte daran, dass jeder Waldbesitzer auch Unternehmer ist und Entscheidungen treffen müsse. Leider könnten diese in zehn oder 20 Jahren bereits wieder anders aussehen. Bayern habe keine Gesetzesvorschriften, das eine oder das andere zu tun, deshalb müsse jeder für sich und seine Nachfolger entscheiden.

Keine Baumart ist ohne Feinde

Doch ganz ohne praktische Hinweise mussten die Besucher der Veranstaltung nicht nach Hause gehen. So seien aus heutiger Sicht zukunftsfähige Mischbaumarten zur Fichte etwa Weißtanne und Buche als rechtzeitiger Vorbau sowie Bergahorn und Douglasie als Ergänzungspflanzungen.

Gleichwohl gebe es auch Risiken und Schädlinge, etwa die Tannenstammlaus, den Nectria-Pilz und den Wildverbiss, die Ahorn-Rußrindenkrankheit (die schon an der Donau angekommen ist) und den Douglasien-Schüttepilz. Kurzum: Leider gibt es keine Baumart ohne Feinde!

Zu den weiter gut geeigneten Mischbaumarten zählt Nützel auch Spitz­ahorn, Vogelkirsche, Schwarz­erle, Flatterulme, Roteiche und Birke, die alle möglichst in Gruppen gepflanzt werden sollen. Weiter Feld­ahorn, Wildbirne und Sommerlinde, die gut an Süd- und Westrändern gedeihen.

Wichtig zu wissen: Die Stieleiche ist trockenresistent. Ihr machen auch sechs Wochen ohne Regen nichts aus, problematischer ist der Schneedruck, da sie relativ lange ihre Blätter behält. Allerdings könnte durch den Temperaturanstieg auch „Nassschnee“ weniger Thema sein als bisher!

Zur „Europäischen Lärche“ führte Nützel aus, dass sie eher im südlichen Unterallgäu geeignet sei, gesichert sei dies aber nicht. Lärchen mögen es grundsätzlich kühl und trocken. Auch „fremde“ Baumarten wie Schwarznuss, Mehlbeere, Elsbeere, Esskastanie und Platane könne man auf Kleinflächen durchaus pflanzen. Allerdings lägen hier bezüglich Genetik und Standortansprüchen noch nicht allzu viele Erkenntnisse vor.

Auf kleinen Forstflächen durchaus experimentieren

Auch zu Konkurrenzverhalten zu heimischen Baumarten sowie zur waldbaulichen Behandlung, Holzverwertung und -krankheiten könne man noch wenig sagen, so Nützel. Auf kleinen Teilflächen seien Exoten wie der Mammutbaum und die Libanonzeder durchaus möglich. Dies falle dann aber eher unter das Stichwort „Experiment“. Also: Neue Baum­arten in überschaubarem Umfang pflanzen, im Bewusststein, dass diese Investition auch schief gehen kann!

Als positive Beispiele nannte Nützel die Roteiche und die Douglasie, bei denen unsere Vorfahren auch nicht wussten, ob die Douglasie hier eine Zukunft hat. Entschieden sprach sich der Experte gegen geklonte Bäume aus. Solch ein „Gruselkabinett“ habe sich nicht durchgesetzt.

Bevor die Gäste nähere Einzelheiten über das Dienstleistungspaket und die Holzpreise durch FBG-Geschäftsführer Raymund Ball erfuhren, beantwortete Nützel Fragen, etwa „Warum stehen in Waldfriedhöfen so tolle Bäume?“ Dies sei wohl so, weil sie wegen des großen Abstandes zu den anderen Bäumen große Kronen entwickeln können. Ein Waldbauer wollte wissen, ob kerosinablassende Flugzeuge den Forst schädigen, da der Allgäu-Airport ja sehr nah ist? Dies verneinte Nützel, da auf keinem Anflugweg bisher außerhalb des Waldes negative Spuren entdeckt wurden.