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Landfrauentag

Worte, die die Seele streicheln

Patrizia Schallert
am Dienstag, 17.03.2020 - 09:41

EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm: "Bauern tragen das Leben der Gesellschaft".

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Harburg/Lks. Donau-Ries - Die mangelnde Wertschätzung der Landwirtschaft tut nicht nur den bäuerlichen Familien weh. Sie geht auch jedem anderen nahe, der noch ein gewisses Maß an Empathie für eine Berufsgruppe aufbringt, die im Einklang mit der Natur die Ernährung der Menschen sicherstellt. Auf dem Donau-Rieser Landfrauentag in Harburg bekannte sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, mit Nachdruck zur bäuerlichen Landwirtschaft. „Ich spüre, wie besonders in Bayern die bäuerlichen Familien das tägliche Leben der Gesellschaft tragen.“

Kreisbäuerin Ruth Meißler hieß rund 800 Landfrauen und Personen des öffentlichen Lebens zum Landfrauentag willkommen. Das „LandFrauenlied“, mit dem der Donau-Rieser Landfrauenchor den Festtag eröffnete, passe gut in die Zeit, sagte die Kreisbäuerin. „Wir sind Frauen auf dem Land, können viel bewegen, miteinander die Zukunft bauen ...“. Zu einem solchen Miteinander rief Meißler auch die Politik und Gesellschaft auf. Es gelte alle an die Hand zu nehmen, denn allein könne die Landwirtschaft den Klimawandel, das Artensterben, die Nitratbelastung im Grundwasser und die CO2-Bilanz nicht schultern.Jeder Einzelne könne und müsse einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten. Ein „Weiter so“ werde es nämlich für alle nicht mehr geben. „Deshalb muss unser Berufsstand mit einer Stimme sprechen und darf sich nicht auseinanderdividieren lassen“, forderte Meißler. “

Bewusst werden, was die Landwirtschaft leistet

Mit einer ökumenischen Andacht, die von Dekan Robert Neuner und seinem evangelischen Amtskollegen, Johannes Heidecker, gestaltetet wurde, stimmten sich die Festgäste auf den Tag ein. Anschließend stärkten die Grußredner, der schwäbische Regierungspräsident Dr. Erwin Lohner, Landrat Stefan Rößle und Harburgs Bürgermeister Wolfgang Kilian der Landwirtschaft den Rücken. Die bäuerlichen Familien benötigten Verlässlichkeit und Sicherheit. Außerdem sollte sich die Bevölkerung wieder mehr bewusst werden, was die Landwirtschaft leiste.

Dem schloss sich auch Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm an. Der EKD-Ratsvorsitzende schätzt die Einstellung der Bäuerinnen und Bauern, die weder den Klimawandel leugnen, noch behaupten, es gebe in der Landwirtschaft keine Probleme. Doch es genüge nicht, wenn nur sie allein bereit sind, Lösungsansätze für die Probleme zu finden, auch die Gesellschaft sei gefordert. Bedford-Strohm bedauerte, dass die Fördergelder für die Umstellung auf den ökologischen Landbau aufgrund der geringen Nachfrage nach Bio nicht ausgeschöpft werden. Hier seien nicht nur die Produzenten, sondern auch die Verbraucher am Zug. „Der Weg in eine besser Zukunft ist nur möglich, wenn jeder seinen Beitrag dazu leistet.“

Ende der Kultur des Anprangerns

Der Landesbischof wünschte sich ein Ende der Kultur des Anprangerns und stattdessen mehr Nachdenklichkeit und Sachlichkeit. Vor allem sollte die Bevölkerung den Menschen begegnen, über die sie die ganze Zeit spricht, nämlich den Bäuerinnen und Bauern. Diese seien unverzichtbar in den Kommunen, weil sie das tägliche Leben der Gesellschaft tragen. „Wer den Berufsstand des Landwirts neben andere Berufe stellt, wer die Arbeit, den Fleiß und die Leistung der Wirtschaftlichkeit gegenüberstellt, kann denen, die das jeden Tag tun, nur großen Respekt zollen.“

Alles nicht mehr so schön wie früher

Für so manchen landwirtschaftlichen Betrieb sei es angesichts der Globalisierung, der niedrigen Lebensmittelpreise und der notwendigen hohen Investitionen immer schwieriger einen Hofnachfolger zu finden. Viele junge Menschen sähen keine Chance mehr für eine Fortführung des Betriebs, der oft schon seit Generationen im Familienbesitz ist. Mit dieser Unsicherheit und Perspektivlosigkeit gingen zunehmend eine Abwanderung aus dem ländlichen Raum, Burnout und Depressionen einher. „Das sind persönliche Schicksale, von denen die Öffentlichkeit meist nichts erfährt.“ Nur wer das ganze Bild sehe, könne erkennen, dass die ständigen Diskussionen um die Landwirtschaft eine starke persönliche Dimension haben.

Die Gesellschaft und die Welt befinden sich in einem extremen Wandel. Immer wieder bekomme er zu hören, dass alles nicht mehr so schön sei wie früher, sagte Bedford-Strohm. „Da wird eine heile Welt heraufbeschworen, die es nie gegeben hat. Auch in der Vergangenheit mussten die Menschen mit Problemen kämpfen, sie waren nur anders gelagert.“

Seit dem Zweiten Weltkrieg habe ein Prozess der Individualisierung stattgefunden. Heute könnten viele Menschen selbst entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Das seien Chancen und Risiken zugleich, weil die Eltern sich nicht mehr darauf verlassen können, dass der geplante Hofnachfolger den Betrieb auch tatsächlich übernimmt.

Am Nachmittag des Landfrauentags gab die Allgäuer Mundartdichterin Waltraud Mair „Lustiges aus dem Alltag“ zum Besten. Mair ist auch als „Meichlböcks Zenta“ aus dem Schwäbischen Fasching in Memmingen bekannt.