Problematik

Der Wolf wird verharmlost

Wolf
Susanne Lorenz-Munkler
am Donnerstag, 18.03.2021 - 16:40

Nur wenige Tage nach einer Online-Info des Bauernverbands fielen in Franken vier Mufflons und mehrere Rothirsche dem Wolf zum Opfer. 18 Stück Damwild wurden in einem Gehege durch einen für den Wolf typischen Kehlbiss umgebracht.

In Deutschland leben seit 1996 wieder Wölfe. Im Jahr 2000 konnte das erste Mal Reproduktion nachgewiesen werden. Die in Deutschland beheimateten Wölfe entstammen größtenteils der Zentraleuropäischen Tieflandpopulation. Im Monitoringjahr 2019/20 wurden 128 Rudel, 35 Paare und zehn territoriale Einzeltiere nachgewiesen. In Bayern sind momentan (Stand Januar 2021) acht Territorien durch Wölfe besetzt. Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr und in der bayerischen Rhön lebt je ein weibliches und in den Allgäuer Alpen grenzüberschreitend zu Österreich ein männliches Einzeltier. So berichtet das LfU.

Der „Bayerische Aktionsplan Wolf“ regelt im Managementplan der Stufe 3 den Umgang mit zunehmend mehr wandernden und standorttreuen Tieren. Erstellt wurde dieser vom bayerischen Umweltministerium mit Behördenvertretern aus Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft, Vertreter der Verbände aus Landwirtschaft, Jagd, Natur- und Tierschutz, Wald- und Grundeigentum sowie weiteren Fachleuten. Der Bauernverband hält den bayerischen Aktionsplan aber für ungenügend und fordert weitere Nachbesserungen.

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Nach Ansicht zahlreicher Teilnehmer der Info-Veranstaltung ist der Wolf eine große Gefahr für die Weidetierhaltung und die Regelungen im Bayerischen Aktionsplan nach wie vor unzureichend. Alfred Enderle, der schwäbische BBV-Präsident, spricht von „bedrückenden Entwicklungen“ wenn man sehe, wie viele Wolfsrudel inzwischen schon in Deutschland unterwegs seien.

Auch das Oberallgäu sei vor zweieinhalb Jahren massiv betroffen gewesen. Enderle: „Wir haben im Jahr 2018 schon einen Entnahmeantrag gestellt. Und bis heute noch keine Antwort der Regierung von Schwaben bekommen.“ Der Wolf werde verharmlost, betont Enderle, und fügt hinzu: „Dieselbe Bevölkerung, die beim Thema Tierwohl in der Landwirtschaft ein riesiges Theater macht, findet es offensichtlich ganz in Ordnung, wenn diese Nutztiere bei lebendigen Leib auseinandergerissen werden.“

Nicht wahr sei auch das Argument, dass Deutschland hier ohne die EU nichts machen könne, sagt Enderle. Die Allgäuer Europaabgeordnete Ulrike Müller (FW) habe ihm einen Bericht von einem finnischen Naturschutzverband zukommen lassen, der sich beklagt, dass die Regierung Wölfe schießt.

Starke Vermehrung der Wolfspopulation

„Die haben ihr Gebiet geteilt. Eine Region, wo der Wolf toleriert wird, und eine Region, wo er wegen der Rentierzüchter geschossen wird. Innerhalb von zwei Jahren sind in Finnland so 106 Wölfe geschossen worden. Die Länder können also doch selbstständig eingreifen, wo es notwendig ist“, so Enderle. Jedes Jahr, das verstreicht, führe dazu, dass sich Wolfspopulation brutal vermehre. „Das ist der helle Wahnsinn. Jede Tierart, die keine natürlichen Feinde hat, muss reguliert werden“, fordert der Bezirkspräsident.

Martin Wunderlich, BBV-Ansprechpartner für Bergbauernfragen, betonte: „Wir können von den Österreichern lernen. Die haben es geschafft, alle relevanten Verbände mit ins Boot zu holen, welche die breite Gesellschaft repräsentieren. Der bayerische Bauernverbandspräsident Walter Heidl habe bei einer Zusammenkunft der alpenländischen Bauernverbände den Schulterschluss mit den Partnerverbänden in Österreich, Schweiz und Südtirol vollführt. Alle Vertreter seien sich da einig gewesen: Der Wolf muss ins Jagdrecht überführt und der Schutzstatus beseitigt werden. Auch die Wirksamkeit von Herdenschutzmaßnahmen soll massiv hinterfragt werden.

Weidezaun

Hans Stöckl vom Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern betonte, dass man dringend eine sachliche Information der Bevölkerung brauche. „In den Berggebieten kommen wir mit dem Wolf nicht zurecht. Deshalb müssen wir nicht schützbare Gebiete durchsetzen“. Das langfristige Ziel müsse sein, Weideschutzgebiete durchzusetzen, in welchen der Wolf keinen Platz hat.

Dr. Michael Honisch vom Alpwirtschaftlichen Verein Allgäu (AVA) betonte: „Es ist sehr wichtig, der Gesellschaft klarzumachen, was passieren würde, wenn der Wolf sich in der Alpwirtschaft ausbreitet, die Bewirtschaftung aufgegeben wird, und wir auf die positiven Leistungen in der Alpwirtschaft verzichten müssen. Auf Leistungen für den Naturschutz, die Artenvielfalt, den Tourismus und die Kulturlandschaft.“

Klares Bekenntnis zur Alpwirtschaft

Neu in dem Aktionsplan sei indes – und da dürfe man der bayerischen Regierung danken, sagte Honisch – ein ganz klares Bekenntnis zur Alpwirtschaft. Regeln, die besagen, ab wann ein Wolf entnommen werden kann etwa. Neu sei auch die geplante Möglichkeit der Einführung von u.a. nicht schützbaren Gebieten. „Da müssen wir schauen, dass wir hin kommen.“ Der Teufel stecke da aber stark im Detail, sagt Honisch.

Wolf

Der AVA fordere schon lange eine möglichst großräumige Abgrenzung, da so ein Wolf locker mal 50 Kilometer am Tag laufe. Die Arbeitsgemeinschaft bayerischer Bergbauern habe sich diesbezüglich an das bayerische Umweltministerium gewandt, mit der Bitte, dass hier eine gute, tragfähige Lösung möglichst schnell gefunden wird.

Trotz der sehr großzügigen Förderung im Herdenschutzprogramm fragen sich viele Älpler: „Wie soll das im Berggebiet funktionieren?“ In der Schweiz werden die Herdenschutzhunde vielfach „als große Lösung“ verkauft. Bei uns ist ihr Einsatz nicht verpflichtend. „Ich sehe diese Lösung bei uns in der Alpwirtschaft nicht, bei unseren zusammengesetzten Rinderherden. Bei den Schafen mag das vielleicht funktionieren, bei den Rindern nicht. Vom Tourismus mal ganz abgesehen.“ Der AVA fordert deshalb u.a.:

  • eine Festsetzung großräumiger, nicht schützbarer Gebiete,
  • eine Herabsetzung des Schutzstatus im EU-Recht und Übernahme des Art. 16 Abs. 1e in das Bundesnaturschutzgesetz mit der Möglichkeit einer anschließenden Übernahme in das Jagdrecht
  • die Möglichkeit einer unverzüglichen Entnahme bei Schadensereignissen.

10-Punkte-Programm wird ausgearbeitet

Martin Erhardsberger, Umweltreferent im Generalsekretariat des Bayerischen Bauernverbandes, erläuterte, dass das „Aktionsbündnis Forum Natur“, dem auch der Bauernverband angehört, die deutschen Umweltminister aufgefordert hat, endlich für ein aktives Bestandsmanagement des Wolfes in Deutschland zu sorgen. Dazu wurde ein 10-Punkte-Programm ausgearbeitet. In diesem 10-Punkte-Programm fordert das Aktionsbündnis das Bundesamt für Naturschutz auf, über den ungebremst wachsenden Wolfsbestand umfassend zu berichten und klar zu benennen, wie viele Wölfe insgesamt in Deutschland leben.

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Um die bayerischen Weidetiere vor dem Wolf zu schützen, seien, wie die LfL 2017 errechnet habe, 327 Mio. € notwendig und jährliche Folgekosten von 35 Mio. €, erklärt Erhardsberger. „Wahnsinnige Summen, die uns der Wolf in Bayern kosten wird. Und zusätzliche Mehrarbeit. Wenn die Tierhalter gezwungen werden, diese Kosten allein zu tragen, bedeutet das das Aus für die extensiv Weidetierhaltung, so wie sie von der Bevölkerung gewünscht wird.“ Das Förderprogramm Herdenschutz, das es seit 2020 gibt, sei ein wichtiger Schritt, löse aber alleine die Probleme nicht.

Der Wolf verursache auch große Probleme in Südtirol, auch in Österreich, wo bereits die ersten Almen deswegen aufgelassen wurden. Es werde berichtet, dass auch das Wild scheuer und schwerer bejagbar werde und größere Schäden macht. Die Dokumentation und Beratungsstelle des Bundes zur Verbreitung des Wolfs erfasse Rudel, Paare und sesshafte Einzeltiere. „Durchwandernde Wölfe tauchen hier nicht auf und werden auch nicht nach Brüssel gemeldet.“ Bayern aber müsse in Zukunft flächendeckend mit dem Wolf rechnen und habe bereits standorttreue Tiere. Bei 30 % Reproduktionsrate werde die Population in den nächsten Jahren enorm zunehmen, wenn nicht rechtzeitig bestandsregulierende Maßnahmen ergriffen würden.

Widersprüche werden nicht aufgelöst

Der Aktionsplan Wolf sei bürokratisch geregelt. Erhardsberger sagt: „Die Möglichkeiten zur Bestandsregulierung sind aus Sicht der Tierhalter nach wie vor unzureichend.“ Zudem werden Widersprüche mit dem Naturschutz oder Baurecht nicht aufgelöst. Im Alpenraum oder als Nebenerwerbsbetrieb habe man unter Umständen gar nicht die Möglichkeit, Wolfszäune zu bauen. Auch seien die Sanktions- und Haftungsrisiken nicht im Sinne der Tierhalter ausgeräumt. Beispiel: „Wenn eine aufgescheuchte Rinderherde ausbricht und vor den ICE rennt, kann es passieren, dass es auf den Tierhalter zurückfällt, weil er seine Herde nicht ausreichend geschützt hat.“

Die Chefredakteure der drei großen Agrarmedien agrarheute, Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt sowie LAND & FORST zeigen die Problematik rund um den Wolf in einem Video auf. Hier sehen Sie das Video:

Positiv sieht Erhardsberger das Bekenntnis des Aktionsplans zur Weidehaltung, die Möglichkeit zur Ausweisung von nicht schützbaren Weidegebieten, aber auch die Festschreibung einer Herdenschutzförderung sowie eines Schadensausgleichs.

Förderrichtlinien im Schadensfall

Martin Erhardsberger erläuterte auch die Regelungen der Förderrichtlinie Herdenschutz sowie der Ausgleichsregelung für Schäden durch Große Beutegreifer. Die Förderung sei möglich innerhalb von festgelegten Förderkulissen. Die Förderklasse richte sich immer nach der Wolfsanwesenheit. Bei aktuellen Übergriffen gebe es adhoc-Förderkulissen. „Es gibt eine eigene Förderkulisse für Herden-Schutzhunde und eine Förderkulisse Zäune“. In sogenannten „Wolfsgebieten im Sinne des Schadensausgleichs“ müssen Landwirte, innerhalb eines Jahres, einen Grundschutz errichten, da ansonsten kein Schadenausgleich mehr gezahlt wird, wenn nach einem Jahr ein Wolfsriss entsteht. „Deswegen ist es so wichtig, dass nun schnellstmöglich die nicht schützbaren Bereiche abgegrenzt werden. Andernfalls werden Landwirte gezwungen, einen Schutz zu machen, den sie gar nicht machen können.“

Gefördert werden in den entsprechenden Kulissen 100 % der förderfähigen Kosten für die Anschaffung von mobilen Zäunen oder mobilen Ställen für Schafe und Ziegen oder elektrifizierte Festzäune auch bei weiteren Tierarten. Herdenschutzhunde werden mit bis 3000 € je Hund gefördert. Die Förderung für Zäune könnten neben Landwirten auch private Tierhalter in Anspruch nehmen um eine Konditionierung des Wolfes zu vermeiden.