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Wolfsmanagement

Wolf im Alpengürtel - Politik muss endlich handeln

Gesprächsbedarf: Der BBV Ostallgäulud Abgeordnete zur Besprechung der Wolfsproblematik nach Pfronten ein. Kreisbäuerin Karina Fischer und Kreisobmann Andreas Schmid (2. v. r.) trugen MdB Stephan Stracke (l.) und MdL Bernhard Pohl (r.) am Fuße des Kienbergs ihre erheblichen Bedenken vor.
Franz Kustermann
am Freitag, 09.09.2022 - 07:15

Der BBV Ostallgäu diskutiert mit Politikern die höchst emotionale Problematik.

Pfronten/Lks. Ostallgäu „Alle drei Jahre verdoppelt sich die Wolfspopulation. Bei Garmisch-Partenkirchen und Lindau häufen sich die Wolfsrisse und die Politik ist völlig untätig“, beklagt der Ostallgäuer BBV-Kreisvorstand.

Die Landwirte fühlen sich alleingelassen: BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler habe einen von allen Kreisobmännern und Kreisbäuerinnen unterzeichneten Brandbrief an Umweltminister Thorsten Glauber geschickt. Die Forderungen der Landwirte seien unmissverständlich und deutlich, wie Kreisobmann Andreas Schmid auf der Rechtler-Wald- und Weidegenossenschaft Pfronten am Fuße des Kienberges vor beiden Abgeordneten MdB Stephan Stracke und MdL Bernhard Pohl erklärte: Die Politik wurde oft auf die Häufung der Wolfsrisse angesprochen, aber es sei „nicht wirklich viel passiert“, beklagte Schmid.

Kreisbäuerin Karina Fischer meint, es müsse der Bevölkerung klar werden, „was man sich damit einhandelt, wenn wir das Tier bei uns beheimaten lassen“. Vielen sei nämlich überhaupt nicht bewusst, wer an der Weidewirtschaft alles dranhängt: Gerade die touristischen Events wie die beliebten Alpabtriebe machen deutlich, was die Weidewirtschaft – die Grundlage für den Erhalt der gesamten Kulturlandschaft – für die gesamte Region bedeutet. Bei Garmisch etwa mussten die Tiere heuer vorzeitig von den Alpen abgetrieben werden, weil der Wolf die Tiere und Tierhalter dort massiv verunsichere. Auch der Lawinenschutz hänge essenziell von der Bewirtschaftung der Alpen ab. Wenn die Bewirtschaftung am Berg durch die Bauern nicht mehr gewährleistet werden kann, bringe dies ganz viele Nachteile auch für die nichtlandwirtschaftliche Bevölkerung.

Wolffreie Zone

Weidezäune und Hütehunde seien nur eine „theoretische Idee“: Touristische Regionen mit hohen Zäunen auf felsigem Gestein dauerhaft wirksam einzuzäunen sei äußerst schwierig. Die so genannten Hütehunde seien speziell ausgebildet, die Viehherden zu schützen; gegen alles was sie bedrohen könnte: Der Wanderer und Spaziergänger werde von den Kampfhunden genauso massiv angegriffen, wie etwa der Wolf. „In den Bergen sind ganz viele Tier- und Pflanzenarten beheimatet, doch der Wolf gehört dort definitiv nicht hin“, meint die Kreisbäuerin.

Und Stracke bekräftigte dann: „Unser Ziel muss sein, dass wir eine Wolf-freie Region werden, der gesamte Alpenraum muss wolffrei werden.“ Mit der Veränderung des Bundesnaturschutzgesetzes sei bereits ein großer Schritt gemacht. Nun müsse auch das Europäische Recht verändert werden. Hier müsse der gesamte Alpenraum eng zusammenarbeiten.

Pohl sieht für den Wolf die Zuständigkeit sowohl im Umwelt- wie auch im Landwirtschaftsministerium: Ein wesentlicher Punkt sei, den Wolf jetzt ins Jagdrecht zu überführen. Allerdings sei die bayerische Staatsregierung bereits mit etlichen Bundestagsinitiativen zur Regulierung des Wolfes gescheitert. In Norddeutschland sehe man das Problem nämlich ganz anders. Realistisch müsse man sehen, dass sich die Zahl der Wölfe deutlich erhöht habe und sich der Bestand irgendwann zu einem „Habitat“ entwickeln könne.

Alpenraum als Tierpark?

Kreisobmann Schmid machte deutlich: „Es gibt keine Herdenschutzmaßnahme, die noch nicht vom Wolf überwunden wurde!“ Der Zaunbau in dem felsigen Gelände gestalte sich zudem äußerst schwierig, da die Alpen mit unzähligen Wanderwegen durchzogen seien. Es sei eine Landschaft, welche die Landwirte seit Jahrhunderten durch ihre Bewirtschaftung so geschaffen und erhalten hätten. Die Menschen wollen auch Tiere auf der Weide sehen. Wollte man jede Weide einzäunen, wäre es wie im Tierpark, wo die Natur beidseits der Wege durch einen Zaun abgezäunt wäre. Zäune mit 1,30 Meter Höhe seien ohnehin nur eine „Leute-Verdummerei“.

Und Herdenschutzhunde machen laut dem Kreisobmann keinen Unterschied zwischen Wolf, Wanderer oder Landwirt: Der Hund werde alles angreifen, was er als „Bedrohung“ ansieht. In der Schweiz gäbe es bereits jedes Jahr 300 Angriffe durch Herdenschutzhunde auf Touristen. Pohl mahnte: „Die Diskussion wird eine andere sein, wenn der erste Wolf den Menschen angreift!“

Wochenlanges Warten

Ein Riesenproblem sei zudem die Probenahme zum Nachweis eines Wolfsrisses: Nur wenige LfU-Mitarbeiter dürften diese Proben von einem gerissenen Tier entnehmen, wobei bis zur Probenentnahme oftmals mehrere Tage vergehen. Schmid verlangt deshalb: „Es müssen die örtlichen Veterinäre befähigt werden, diese Proben zu nehmen. Denn die sind am schnellsten vor Ort!“

Schmid kritisiert vehement, dass die Allgäu-GmbH und Landrätin Maria Rita Zinnecker sich beim Thema Wolf immer noch nicht positionierten: „Die wollen keine Gäste vergraulen, weil sie gegen den Wolf sind!“ Der Kreisobmann wartet derweil noch immer auf die Definition der „nicht zäunbaren Regionen“. Auch wenn der BBV schon anmahnte, dass diese Karte erstellt wird, wurde diese von der Weideschutzkommission vor Ort noch nicht definiert. Laut dem Kreisobmann wäre hierfür eine „Ortsbegehung“ nötig, wobei auch durch diverse Bayernkarten vom Schreibtisch aus eine Vorauswahl für die „nicht schützbaren Gebiete“ getroffen werden könnte.

Schmid erwartet bei der drastischen Zunahme des Beutegreifers, dass der Wolf in ein paar Jahren auch in entfernteren Regionen in die Fläche geht; etwa in offene Stallungen mit Kälbern in Einzelboxen. Laut BBV-Geschäftsführer Thomas Kölbl werden die Tiere bei einer Begegnung mit dem Wolf aber „förmlich traumatisiert“. Die Panik bleibe ihnen ihr Leben lang: „Wenn im Laufstall Panik ausbricht, dann werden die Tiere übereinander rennen und sich gegenseitig verletzen.“