Wolfsmanagement

Die Wölfe kommen – was tun?

Schröder
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Externer Autor
am Montag, 13.05.2019 - 08:52

Wildbiologie-Professor Dr. Wolfgang Schröder bringt in Sonthofen anschauliche Beispiele, was im Oberallgäu passiert, sollten die Raubtiere im Rudel jagen.

Die Wölfe in den Allgäuer Bergen hinterlassen nur wenig Spuren. Doch der Kälberreißer vom Sommer 2018 erregte die Gemüter. Professor Dr. Wolfgang Schröder von der TU München kennt die Szene in Österreich, Italien, der Schweiz und auch in Nordamerika. Unter dem Titel „Die Wölfe kommen!“ schilderte er im Haus Oberallgäu in Sonthofen die dynamische Ausbreitung des Raubtiers im gesamten Alpenraum.

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Die Alpwirtschaft möchte die Berge im Allgäu am liebsten wolfsfrei erklärt sehen, seit im Sommer 2018 fünf Kälber und drei Schafe gerissen wurden. Doch dem steht der nach EU-Recht strenge Schutz des Wolfes entgegen. Die bislang im Allgäu aufgetauchten Wölfe stammen aus Nord- und Ostdeutschland, wo an die 70 Wolfsrudel Nachwuchs produzieren, erklärte Schröder. Die Ankömmlinge selbst blieben meist unentdeckt, sie hielten sich vorwiegend an Reh, Rotwild oder Gams. „In Zukunft wird es weitere Zuwanderer geben, aus der Schweiz etwa, wo in Graubünden nahe Chur ein Rudel zum 7. Mal Junge produziert und etwa 40 Jungwölfe auf Wanderschaft geschickt hat“, ist sich Schröder sicher.

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Aufschlussreich sei die 1000 km lange Wanderung eines in Slowenien mit Halsbandsender ausgestatteten Wolfsrüden. Dieser zog durch Österreich bis in die Lessinischen Berge östlich des Gardasees, wo er 2013 mit einer italienischen Wölfin ein Rudel gründete. Die von den Forschern Slavc und Julietta genannten Rudelgründer begannen mit ihrem Nachwuchs bald, sich an Rindern zu vergreifen, erklärte Schröder. Inzwischen gibt es sieben Rudel, die die Berge herauf bis nach Südtirol hinein jagen. Schröder: „Alle Nachkommen von Slavc und Julietta haben den Geschmack auf Rinder beibehalten!“

Anders ein siebenköpfiges Rudel, das auf Schweizer Wölfe zurückgeht: Sie jagen unweit von Bozen nur Rotwild und Rehe. Die 1000 Rinder auf neun Almen in ihrem Territorium bleiben laut Schröder unangetastet.

„Wo immer es Wölfe gibt, ist die Bevölkerung tief gespalten, in eine Pro-Wolf-Fraktion in den Städten, die oft blauäugig annimmt, man könne mit dem Wolf in Harmonie leben, und in Wolfsgegner in ländlichen Gebieten, die mit den Schäden konfrontiert sind und auch Angst um ihre Kinder haben“, erklärte Schröder.
Probleme mit dem Wolf kennen zum Beispiel die Dene-Indianer im Norden Kanadas nicht, weil in der Subarktis außer Schlittenhunden keine Nutztiere leben. „Der Wolf ist dort ein geschätztes Pelztier“, weiß Schröder aus eigener Anschauung.
Der Wildbiologie-Professor legte dar, was in den Allgäuer Bergen zu erwarten wäre, wenn Wölfe nicht nur zu Besuch vorbeikämen, sondern auch im Rudel jagten. Bei einem Spitzenwert von nahezu 30 000 aufgetriebenen Rindern auf über 600 Alpen sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich Wölfe auch an Rinder halten.
Die Erfahrungen mit neuen Wolfsrudeln lehrten: Gämsen meiden felsarme Gebiete, die sie auf Alpen heute schätzen. Bei Rotwild ist der Einfluss am größten: Die Tiere verlagern Standorte aus dem Kerngebiet des Wolfsrudels, denen dann wiederum die Wölfe folgen. Das habe gravierenden Einfluss auf das heute eingespielte Fütterungssystem und die Lage der Brunftgebiete. Insgesamt sei dadurch das in der Hochwildhegegemeinschaft etablierte „Einserhirsch-System“ mit Revierverpachtung und Berufsjägern infrage gestellt.
Der Hauptgrund für die Zunahme der Wolfspopulation sei der gesetzliche Schutz in den Ländern Europas, sagte Schröder. Und weiter: „Wir haben den Wolf streng geschützt, haben Kontrollabschüsse erschwert. Kaum einer hat anfangs geahnt, dass der Wolf mit seinem Vermehrungspotenzial in der Lage ist, sich so auszubreiten.“ Jetzt habe man gesehen, wie die Rudelbildung funktioniert: Jungwölfe wandern aus ihrem Elternrudel ab – oft mehrere Hundert Kilometer – und treffen auf einen Partner. Wenn sie in Ruhe gelassen, nicht gewildert werden, gründen sie ein Rudel. Truppenübungsplätze spielten dabei eine Rolle. Dort haben sie ausreichend Ruhe vor menschlicher Nachstellung. Der Lärm stört die Tiere nicht.
Die Konflikte in der Weidetierhaltung und die grundsätzliche Ablehnung von Wölfen in Teilen der ländlichen Bevölkerung rühre wohl daher, dass Wölfe sich auch an Rinder in der Alpwirtschaft halten können. Das Problem ist noch nicht gelöst, sagte Schröder.
In der Diskussion tauchte die Frage auf: Wie gefährlich sind Wölfe für den Menschen? Schröders Antwort: „Wölfe sind sehr flexible Raubtiere, sehr scheu, wenn ihnen nachgestellt wird. Sie lernen aber auch, die Nähe des Menschen zu ertragen, wenn ihnen nichts geschieht. Dann können Wölfe auch dreist werden und sich dem Menschen nähern. Solche Wölfe müssen dann geschossen werden.“ Doch am besten sei, man lasse es nicht so weit kommen. „Wölfe lernen in Generationen, zum Beispiel, dass ihnen Rinder munden“, erklärte Schröder. Es gebe auch Regionen, wo illegal gehandelt werde – nach dem Motto: „Schießen, schaufeln, Schnauze halten!“

Auf Nachfrage sagte Schröder, es bleibe wohl nichts anderes übrig, als die Politiker unter Druck zu setzen. Unabhängig vom Oberallgäu sieht er folgenden Handlungsbedarf:

  • Den Schutzstatus des Wolfes lockern, um eine pragmatische Regulierung zu ermöglichen.
  • Den Wolf in das Jagdrecht überführen, um Wildtiermanagement mit einem effektiven Team, Jagdverwaltung und Landwirtschaft in einem Haus zu vereinen.
  • Die Jäger schrittweise in den Umgang mit dem Wolf einbinden.

Ein Professor vom Bauernhof

Professor Wolfgang Schröder (78 Jahre) von der TU München ist auf einem Bauernhof in der Steiermark in Österreich aufgewachsen. Er studierte Landwirtschaft und Wildbiologie in Europa und den USA. Sein Interesse galt von jeher dem Hochgebirge. Einige seiner Studenten arbeiten heute in der Forschung an Großraubtieren. Im Landkreis Oberallgäu ist er durch seine Schalenwildplanungen bekannt.