Bildung

Wissen an Schüler hautnah vermitteln

4)FM_Team
Anja Worschech
am Donnerstag, 25.02.2021 - 16:21

Für das Projekt „Schule fürs Leben“ sucht der Bauernverband noch dringend Landwirte und Hauswirtschafterinnen. Wie ein Schulbesuch auf der Alpe ablaufen kann, erzählen Christoph und Eva Zweng von der Alpe Hochried.

Auf 920 Metern liegt die Alpe Hochried am Aufstiegsweg zum Immenstädter Hausberg: dem Mittag. Im Winter liegt die Hütte verlassen da. Gelegentlich holt sich ein Wanderer ein Stückchen Sennalp-Bergkäse und Speck aus dem Selbstbedienungskühlschrank. Im Sommer dagegen ist hier oben ein reges Treiben: Familie Zweng aus Rettenberg bewirtschaftet die Alpe mit ihren 34 Milchkühen, Ziegen, Pferden und Schweinen.

Auch Schulklassen aus der Umgebung kommen immer wieder zu Besuch. Darunter die Zweitklässler der Immenstädter Königsegg-Grundschule im Rahmen des Naturparkschulunterrichts. Dann sind teilweise bis zu 60 Kinder auf einmal da, die fasziniert die Kühe im Stall beobachten und den sich suhlenden Schweinen zuschauen.

„Es sind immer wieder Kinder dabei, die tatsächlich zum ersten Mal eine Kuh sehen“, sagt der 24-jährige Junglandwirt Christoph Zweng. Viele Schüler seien allein schon davon fasziniert, hautnah zu sehen und zu hören, wie die Tiere Ausscheidungen produzieren. „Dann gibt es erst mal viel Gekicher zu hören. Das Highlight sind aber immer die Schweine“, ergänzt Mutter Eva Zweng.

Lebendiger Heimat- und Sachunterricht

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Die Aktion ist aber kein bloßer Besuch. Für die Schüler geht es um einen lebendigen Heimat- und Sachunterricht – sie sind da, um zu lernen. Die Älplerfamilie hingegen will den Kindern die Kreisläufe in der Alpwirtschaft und den Wert von regionalen Lebensmitteln näherbringen.

So ist das auch bei dem neuen Projekt „Schule fürs Leben“ angedacht. Ab dem nächsten Schuljahr haben alle Schulklassen – von der Grundschule bis zu den weiterführenden Schulen – eine verpflichtende Projektwoche mit landwirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Themen zu organisieren. Dafür sind Kooperationen mit Landwirten angedacht, um beispielsweise Hofbesuche zu realisieren. Der Bauernverband sucht daher händeringend nach Landwirten und Hauswirtschafterinnen, die mitmachen und ihr Wissen an Schüler weitergeben wollen.

Ein Schulbesuch auf der Alpe Hochried bedeutet viel Trubel auf kleinem Raum und braucht daher eine gute Vorbereitung, erzählen Christoph Zweng und seine Mutter Eva. In mehreren Stationen lernen die Kinder wie das Käsen in der Sennküche funktioniert und wie Butter hergestellt wird.

Die Kinder aktiv einbeziehen

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Christoph Zweng übernimmt die Stallführung. Die erste Frage, die die Kinder stellen, lautet meist: „Warum sind die Schwänze der Kühe angebunden?“ Der Junglandwirt lässt die Kinder dann erstmal selbst beobachten, was das mit ihren Exkrementen zu tun haben könnte, und erklärt anschließend die Gründe.

Später lässt er die Kinder beispielsweise schätzen, wie viel Gras es braucht, um eine Kuh satt zu bekommen. Dafür gibt er ihnen ein Seil und den Auftrag an die Hand, die entsprechende Wiesenfläche abzustecken. „Es ist wichtig, dass die Kinder aktiv etwas machen können“, sagt der Junglandwirt. Sonst verlieren sie schnell die Aufmerksamkeit. Aber man müsse auch realistisch sein: „Einen Teil der Schüler gibt es immer, die es absolut nicht interessiert, was man erzählt.“ Umso ermutigender sei es, wenn Kinder ins Fachsimpeln kommen, weil sie in der Familie oder der Verwandtschaft selbst einen Hof haben.

Auch kritischen Fragen zum Tierwohl muss sich Christoph Zweng immer wieder stellen. Diese beantwortet er aber gelassen. Er will den Kindern zeigen, dass sich der Großteil der Landwirte gut um seine Tiere kümmert und dass das der Normalzustand ist.

Schon während seiner Ausbildungszeit an der Landwirtschaftsschule Kempten haben die angehenden Landwirtschaftsmeister geübt, ihren Berufsstand und ihre Arbeit zu präsentieren. Kooperationen nach der Methode „Schüler unterrichten Schüler“, bei denen die Junglandwirte anderen Schülern die Landwirtschaft erklären, helfen dabei, Fachwissen allgemeinverständlich zu erklären. Und auch Diskussionsrunden und Podiumsdiskussionen bereiten auf den Umgang mit sämtlichen (kritischen) Fragen vor.

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„Wir wollen die kommende Generation für ein nachhaltiges Leben und die Herkunft von regionalen Lebensmitteln sensibilisieren“, erklärt Eva Zweng die Motivation ihrer Familie ihre Alpe für Schulklassen zu öffnen. „Und es macht auch einfach Spaß“, ergänzt sie. Und auch Christoph Zweng ist aufgeschlossen, empathisch und hat schlicht Freude daran, sein Wissen zu vermitteln. „Man muss es einfach mögen, dann gelingt es“, sagt er.

Familie Zweng sieht auch einen großen Mehrwert darin, den Schülern die Alpwirtschaft näherzubringen. Immer mehr Menschen haben keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft. „Diese Wissenslücke wollen wir über die Kinder schließen.“

Denn oft geben die Kinder ihr frisch erlerntes Wissen an die Eltern weiter. Nicht selten kommen die Schüler später sogar noch einmal auf der Alpe – mit den Eltern oder Großeltern zusammen. „Wenn das Wissen fruchtet, ist das einfach schön zu sehen“, sagt Eva Zweng.

Nichtsdestotrotz brauchen solche Aktionen auch Vorlauf und damit verbunden viel Zeit. Mindestens ein Tag Vorbereitung stecke hinter einer Schulaktion, sagt Eva Zweng. Zuerst müsse man sich ein Konzept überlegen. Christoph Zweng empfiehlt, sich Schwerpunkte wie beispielsweise das Futter, das Melken, den Stall oder die Feldarbeit eines Landwirts zu suchen. Zwei Orte mit Mitmachstationen seien ideal dafür. Damit es möglichst spannend wird, versetzt er sich in die Kinder und überlegt, was für sie interessant sein könnte. Die Schlüsselbegriffe „Erleben“ und „Anfassen“ fallen dabei immer wieder. „Das sind die Aktionen, die nachhaltig sind.“ Zu beachten sind bei einer Führung auch die Sicherheitsaspekte, gibt Zweng zu bedenken. Es müsse gut überlegt werden, wo die Kinder hindürfen und wo nicht, welche Tür zu bleibe und welchen Bereich man eventuell absperren müsse. Und gerade auch bei einer Besichtigung der Sennküche seien hohe Hygienestandards einzuhalten.

Auf das Thema vorbereiten

Ein vorbereitendes Gespräch zwischen Schule und Landwirt sei daher vor solchen Aktionen unbedingt notwendig. Die Kinder sollten auf das Thema vorbereitet werden. Zudem sollten ausreichend Lehrer und Betreuer bei der Aktion dabei sein, damit sich die Älplerfamilie auf das Vermitteln der Inhalte konzentrieren kann.

Das neue Projekt „Schule fürs Leben“ findet Familie Zweng gut. Sie könnten sich sogar vorstellen, wenn das Thema Landwirtschaft über mehrere Jahre in den Unterricht eingebunden ist, auch auf komplexere Themen wie Nitrat einzugehen, sagt Christoph Zweng. Er und seine Familie haben jedenfalls gern regelmäßig eine Schulklasse zu Besuch, weil sie auf diese Weise dazu beitragen, dass „in Zukunft eine Gesellschaft heranwächst, die Ahnung von der Landwirtschaft“ hat.

So kann man mitmachen

  • Wer kann alles mitmachen beim Projekt „Schule fürs Leben“?

Mitmachen können alle Bauern und Bäuerinnen, Jungbauern und Jungbäuerinnen und alle mithelfenden Familienmitglieder, Hauswirtschafter/innen, Meister/innen sowie BBV-Ernährungsfachfrauen, Erlebnisbäuerinnen, „Erlebnis Bauernhof“-Teilnehmer/innen, Lernort Bauernhof Mitglieder und Kräuterbäuerinnen, die sich am Projekt „Schule fürs Leben“ mit Schul- und / oder Hofbesuchen beteiligen möchten.

  • Infos zum Projekt und zu Fortbildungen sowie zur Anmeldung gibt es beim

BBV Oberallgäu, Tel. 0831-704910; Mail: kempten@bayerischerbauernverband.de

BBV Lindau, Tel. 08382-260140; Mail: lindau@bayerischerbauernverband.de

BBV Unterallgäu, Tel. 08336-813940; Mail: erkheim@bayerischerbauernverband.de

BBV Ostallgäu, Tel. 08341-9093630; Mail: kaufbeuren@bayerischerbauernverband.de

Man kann sich auch online anmelden. Den Meldebogen gibt es auf der Homepage des Bayerischen Bauernverbands. Das Projekt startet voraussichtlich im Schuljahr 2021/2022. Infos zu Fortbildungsmöglichkeiten gibt es beim BBV und den Landwirtschaftsämtern.

Hintergründe zum Projekt

Viele Jahre haben die Landfrauen im BBV für mehr Alltagskompetenz in Bayerns Schulunterricht gekämpft. Voraussichtlich ab dem Schuljahr 2021/2022 gibt es an allen bayerischen Grundschulen und weiterführenden Schulen verpflichtende Projektwochen namens „Schule fürs Leben“. Dabei stehen die fünf Themengebiete Ernährung, Gesundheit, Haushaltsführung, Verbraucher- und Umweltverhalten im Mittelpunkt. Die Allgäuer Kreisbäuerinnen sehen das Projekt als riesengroße Chance, den Konsumenten von morgen zu zeigen, wo die Lebensmittel herkommen, die ihre Brotzeitbox täglich füllen.