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Vortrag

Wissen die Landwirte schon alles?

Milchviehtag
Michael Ammich
am Mittwoch, 08.01.2020 - 09:53

Das geringe Interesse am Milchviehhaltertag der Landwirtschaftsämter Krumbach und Mindelheim überraschte.

Oberwiesenbach/Lks. Günzburg - Was der Züchter in den ersten Lebenswochen des Kalbs versäumt, lässt sich später nicht mehr gutmachen. So wäre für jede 100 Gramm, die das weibliche Kalb in der Aufzucht täglich zunimmt, nach der ersten Laktation der späteren Kuh eine Steigerung der Milchleistung um 150 kg zu erwarten. Auf dem Milchviehhaltertag der ÄELF Krumbach und Mindelheim erklärte Johannes Kraus  von den Landwirtschaftlichen Lehranstalten Triesdorf, wie die Kühe erfolgreich durch die Transitphase kommen und ihre Kälber zu gesunden Leistungsträgern im Milchviehstall werden.

Bei der Eröffnung der Veranstaltung in Oberwiesenbach zeigte sich Brigitte Stoll vom merklichen Besucherschwund seit dem vorangegangenen Milchviehhaltertag irritiert. Für die Leiterin des Sachgebiets Landwirtschaft am AELF Krumbach ist die schwache Teilnehmerzahl umso weniger verständlich, als die Milchviehhaltertage doch stets ein attraktives Programm mit hochkarätigen Referenten böten. Die Landwirte, die sich heuer dafür Zeit nahmen, wurden mit wertvollen Tipps zur Kälbergesundheit belohnt.

Tipps zur Kälberaufzucht

Johannes Kraus leitet an den Landwirtschaftlichen Lehranstalten in Triesdorf das Sachgebiet Rind und hat eine mehrjährige Erfahrung in der Kälberaufzucht vorzuweisen. Dabei seien die ersten Lebenswochen des Kalbs ganz entscheidend für seine spätere Leistung als Milchkuh, betonte Kraus. Aber auch die Vorbereitung der Kühe in der Transitphase spiele eine wesentliche Rolle für die gute Entwicklung der Kälber.

Die wichtigste Maßnahme gleich zu Beginn der Geburtsvorbereitung ist das Abstellen von allen Störungen, die der Kuh Stress bereiten und ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Wohl fühlt sich eine Kuh, wenn sie in der Abkalbebucht mindestens 15 m² Platz hat und viel Futter aufnehmen kann.

So könnte laut Kraus ein gutes Trockenstehermanagement aussehen:

  • In der Phase 7 bis 8 Wochen vor der Kalbung eine Gestaltung des Futters nach der Jungviehration, ansonsten keine erhöhten Anforderungen,
  • in der Phase 2 bis 3 Wochen vor der Kalbung erfolgen die Umstallung der Kuh in einen eingestreuten Komfortbereich und eine maximale Trockenmasseaufnahme. In Triesdorf wird den Kühen eine Ration vorgelegt, die möglichst wenig Natrium, Kalium und Calcium und dafür mehr Schwefel, Chlor und Phosphor enthält. Die Ration sollte also eher mais- und rapslastig sein, Heu und Grassilage sind in der zweiten Trockensteherphase weniger geeignet. Außerdem sollte die Ration 14,5% nutzbares Rohprotein aufweisen, damit die Eiweißversorgung der Kuh vor dem Kalben steigt. Dies hat großen Einfluss auf die Biestmilchmenge nach der Kalbung. Zu achten ist auch auf eine ausreichende Versorgung der Kuh mit Vitamin E und Selen aus geschützter Selenhefe. Nur über die Hefe lässt sich das notwendige Selen von der Kuhmutter auf das Kalb übertragen.

Biestmilch fürs Kalb

Fortbildung

Die wichtigste Maßnahme der gesamten Kälberaufzucht ist die gute Versorgung der Kälber mit Biestmilch, so Kraus. Für die Überprüfung der Kolostrumqualität leistet ein Refraktometer gute Dienste. Ein einziger Tropfen Biestmilch auf das Prsima des Refraktometers genügt, um festzustellen, ob sich der Brix-Wert, also der Gehalt an Trockenmasse, bei mindestens 22 % bewegt. Dem Brixwert kann ein bestimmter Immunglobulingehalt zugeordnet werden. Brix-Werte unter 22 % sprechen für eine qualitativ minderwertige Biestmilch. Im Handel sind geeignete Refraktometer bereits für 20 € erhältlich.

Ein weiteres Instrument zur Biestmilchkontrolle ist der ColostroCheck, eine Schöpfkelle mit einem kleinen Abfluss. Nach dem Befüllen der Kelle werden die Sekunden gezählt, die das Kolostrum für das vollständige Ablaufen benötigt. Die Messergebnisse der Brix-Werte durch das Refraktometer und den ColostroCheck weichen in der Regel nur um 1 % voneinander ab.

Passt die Qualität der Biestmilch, sollte davon ein Teil in 500 ml-Flaschen eingefroren werden, um einen Vorrat an guter für die Mischung mit geringwertiger Biestmilch zu haben. Das Kolostrum wird den Kälbern mit einer Tränkeflasche verabreicht. Auf jeden Fall sollte ein Kalb mehr als zwei Liter Biestmilch zu sich nehmen. „Geben Sie dem Kalb so viel Biestmilch, wie es will, und wenn es vier Liter sind“, empfahl Kraus den Milchviehhaltern. Nimmt das Kalb weniger als zwei Liter auf, sollte es gedrencht werden, und das besten über die Nase, weil dies schonender als das Drenchen in den Schlund ist. Zudem nehmen die Kälber die Biestmilch über die Nase besser an als über den Schlund. Die für das Tier unangenehme Prozedur ist immer noch tierwohlgerechter als spätere Durchfälle, versicherte Kraus. „Bedenken Sie, dass ein Kalb ohne Immunschutz auf die Welt kommt.“

Eimer mit Vollmilch

Unmittelbar nach der ersten und zweiten Biestmilchgabe sollte am Kälberiglu ein Eimer mit Vollmilch oder Milchaustauscher hängen, aus dem sich die Tiere nach Belieben bedienen können, um ihren Erhaltungs- und Leistungsbedarf abzudecken. Der gedeckte Erhaltungsbedarf kompensiert die Energie für die Fortbewegung der Kälber, für die Verdauung und für die Thermoregulation.

Während Kälte die Kälber wenig beeinträchtigt, kann sie Zugluft schnell krank machen. Zu beachten ist jedoch, dass der Erhaltungsbedarf der Kälber für die Thermoregulation bei Temperaturen unter 0 °C um 33 % ansteigt. Deshalb ist die Tränkemenge im Winter entsprechend zu erhöhen. Ein abgedeckter Leistungsbedarf sorgt wiederum dafür, dass das genetische Potenzial für das Wachstum genutzt werden kann.

Pflanzenprotein ist für Kälber nicht verdaubar

Ob bei der Kälbertränke Vollmilch grundsätzlich besser ist als ein Milchaustauscher, lasse sich nicht sagen, erklärte Kraus. Auf jeden Fall aber kostet ein Milchtauscher teures Geld und liefert Eiweiß. Dieses sollte aus Magermilchpulver hergestellt worden sein und sich auf einen Anteil von mindestens 40% belaufen. Pflanzenprotein ist für Kälber nicht verdaubar, Milchaustauscher mit Weizenprotein oder Sojaproteinkonzentrat führen vermehrt zu Durchfall. Kein Problem sind dagegen pflanzliche Fette im Milchaustauscher, sofern sie nicht roh, sondern in raffinierter Form enthalten und daher feiner strukturiert sind.

Ein Liter Vollmilch entspricht 160 g Milchaustauscher, wenn in beiden Gaben dieselbe Menge an Inhaltsstoffe enthalten sein soll. Das hat seinen Preis: Ein qualitativ hochwertiger Milchaustauscher ist nicht für unter 2 € pro Kilogramm zu erhalten. In seinen ersten drei Lebenswochen benötigt ein Kalb mit einem Gewicht von 45 kg, das täglich ein Kilogramm zunehmen und im Alter von sechs Wochen verkauft werden soll, 1400 g Milchaustauscher oder 8,8 l Vollmilch pro Tag.

Hohe Nährstoffaufnahme in den ersten sechs bis acht Wochen

Damit ein Kalb zu einer Kuh wird, die mit hohen Leistungen glänzt und dabei wenig Stoffwechselprobleme hat, ist eine hohe Nährstoffaufnahme in den ersten sechs bis acht Lebenswochen erforderlich. Für jede 100 Gramm, die das weibliche Kalb in der Aufzucht täglich zunimmt, kann der Milcherzeuger nach der ersten Laktation der späteren Kuh mit einer Steigerung der Milchleistung um 150 kg kalkulieren.

Bei einer guten Nährstoffaufnahme bildet sich nämlich deutlich mehr Euterdrüsengewebe. Wird diese entscheidende Phase vernachlässigt, lässt sich der zu erwartende Leistungsverlust schon wenige Wochen später nicht mehr durch eine optimierte Versorgung korrigieren. „Also geben Sie bei der Kälberaufzucht in den ersten acht Wochen richtig Gas“, mahnte Kraus die Landwirte.

Ad Libitum Fütterung

In Triesdorf werden die Kälber von Beginn an bis zum Alter von vier Wochen ad libitum mit 12 bis 14 Litern täglich getränkt. „Besonders in den ersten Lebenswochen sollte der Tränkeeimer niemals leer sein“, sagte Kraus. Auf diese Weise kommt ein Kalb gar nicht erst in Versuchung, sich zu übertränken, weil es Angst hat, dass nicht genug Milch oder Milchaustauscher vorhanden ist.

Zudem wird in Triesdorf die Kälbermilch angesäuert, um die Keimvermehrung zu unterbrechen. Durch die Ansäuerung wird der pH-Wert auf 5,3 bis 5,5 zurückgefahren, wodurch die Tränkeaufnahme zwar langsamer, aber dafür häufiger erfolgt. Hohe tägliche Tränkemengen führen nicht zu Durchfällen, versicherte Kraus. Der Kot wird lediglich erkennbar weicher.

So sieht der Tränkeplan in Triesdorf aus

  • An den ersten drei Lebenstagen wird dem Kalb nicht angesäuerte Biestmilch gegeben.
  • Am 4. und 5. Lebenstag erfolgt die Umstellung von der Muttermilch auf Taximilch, in dem beide Komponenten jeweils zur Hälfte gemischt werden.
  • Ab dem 6. Lebenstag werden die Milch oder der Milchaustauscher angesäuert. Die Kälber erhalten zweimal täglich jeweils 6 Liter, im Winter 2 Liter zusätzlich.
  • Ab der 3. oder 4. Lebenswoche werden die weiblichen Kälber in Gruppen mit ad libitum-Tränke gehalten.
  • Bis zum Ende der 11. Lebenswoche wird die Milchaustauschertränke schrittweise zurückgefahren.

Kraus wies die Milchviehhalter darauf hin, dass die Produkte zur Ansäuerung der Tränke eine Futtermittelzulassung haben müssen. In den ersten Wochen trinken Kälber lieber warme als kalte Milch. Die optimale praxistaugliche Tränketemperatur bezifferte Kraus auf rund 30°C, im Winter auf 35°C. Durch die ad libitum-Tränke haben sich die Kälberdurchfälle in Triesdorf erheblich verringert. Jedes intensiv getränkte Kalb geht etliche Tage früher aus dem Betrieb und macht seinen Platz im Iglu für ein anderes Tier frei. „Die Metzger suchen nach jungen und zugleich schweren Kälbern“, sagte Kraus.

Als Ergänzung zur Tränke empfahl er die „Triesdorfer Kälber-TMR“. Sie kann bereits in der ersten Lebenswoche zusammen mit frischem Wasser angeboten werden. Damit die Kälber die TMR auch annehmen, muss sie schmackhaft, hochverdaulich und ausreichend strukturiert sein. Laut Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung müssen Kälber ab dem 8. Lebenstag Zugang zu strukturiertem Futter und ab dem 15. Lebenstag zu frischem Wasser haben. Um eine frühe Futteraufnahme zu fördern sollte ihnen aber schon in der ersten Lebenswoche Futter und Wasser angeboten werden.

Die Triesdorfer Kälber-TMR enthält für die ersten drei Monate 6 % Stroh, 9 % kurzes Luzerneheu, 13 % Gerste, 26 % Körnermais, 20 % gentechnikfreien Sojaextraktionsschrot, 5 – 10 % Mineral-, Konservierungs- und Geschmacksstoffe, 16 % Isomaltulose-Melasse. Damit belaufen sich der Rohproteingehalt auf 17,5 % und der Energiegehalt auf 12 MJ  pro Kilogramm Trockenmasse. Die TMR für 4 bis 6 Monate alte Kälber besteht aus 16 % Stroh, 9 % kurzem Luzerneheu, 13 % Gerste, jeweils 20 % Körnermais und gentechnikfreiem Sojaextraktionsschrot, 5 % Mineral-, Konservierungs- und Geschmacksstoffen, 1 % kohlensaurem Kalk und 16 % Isomaltuose-Melasse. Der Rohproteingehalt der TMR bewegt sich bei 16,5 % und der Energiegehalt bei 11 MJ/kg Trockenmasse.