Volksbegehren

Wir wirtschaften bienenfreundlich

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Brigitte Früh
am Montag, 18.02.2019 - 09:14

Der Kreisverband Imker Oberallgäu informiert differenziert über Natur und Artenvielfalt. Man ist sich einig, dass nicht alleine die Landwirte verantwortlich für das Insektensterben sind. Gleichwohl besteht Handlungsbedarf.

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Bis auf den letzten Platz besetzt war der große Saal des Union Filmtheaters in Immenstadt, es mussten sogar Besucher abgewiesen werden. Mehr als 200 Personen waren zu einem Informationsabend zum Volksbegehren „Artenvielfalt“ gekommen, den der Kreisverband Imker Oberallgäu organisiert hatte. Vier kurze 3D-Filme der preisgekrönten Meringer Naturfilmer Verena und Günter Peschke entführten zunächst in die faszinierende Welt der Insekten und zeigten Marienkäfer, Haselblattrollerkäfer, Honigbiene und Wespe eindrucksvoll dreidimensional in ihrer Umgebung. Im Anschluss an die Filme informierten Monika Theuring, Vorsitzende des Imkerkreisverbandes, Florian Bartl, Vorsitzender des Imkervereins Sonthofen, und der Schmetterlingskundler Alfred Karle-Fendt über Bienen, andere Insekten und zum Artensterben.

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Ihr Projekt „Wir wirtschaften bienenfreundlich“, das vom Landwirtschaftsamt Kempten betreut wird, stellten die angehenden Landwirtschaftsmeister Florian Wegscheider, Christoph Zweng und Ferdinand Brams vor. Sie besuchen derzeit das dritte Semester der landwirtschaftlichen Fachschule. Auch ihre Betreuerin vom Amt, Julia Sommer, gab in der anschließenden Fragerunde Auskunft.

Die Diskussion um das von der ÖDP initiierte Volksbegehren wurde in der Öffentlichkeit teils sehr emotional und hitzig geführt. Der Bayerische Bauernverband und eine große Mehrheit der Landwirte positionierten sich im Vorfeld klar gegen das Volksbegehren und führten unter anderem mögliche Einkommensverluste und Eingriffe in ihr Eigentum als Gegenargumente an. Für Verdruss sorgte aufseiten der Landwirtschaft aber auch der Ärger darüber, als Sündenbock und Hauptverursacher des Artensterbens, wieder einmal, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.

Befürworter des Volksbegehrens führten an, dass die bisherigen Maßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt keinen Erfolg gezeigt hätten und nun dringend sofort gehandelt werden müsse, um dem weltweit größte Artensterben in der Natur seit der Zeit der Dinosaurier wirksam zu begegnen. Diese Gemengelage ließ eine spannende Diskussion erwarten, zumal Akteure beider „Parteien“ sowohl auf der Bühne standen als auch im Publikum saßen.

Was viele bäuerliche Familien empfinden, brachte der Biolandwirt Christoph Lingg zu Gehör. Er saß im Publikum und ergriff am Ende der Veranstaltung spontan das Wort: „Ihr wisst nicht, wie es für uns und unsere Familien ist, ständig im Fadenkreuz zu stehen und an allem die Schuld zugewiesen zu bekommen. Der Frust ist unbeschreiblich“, sagte der Vorsitzende des Maschinenrings Lindau und Vizevorsitzende des Landschaftspflegeverbandes Lindau ans Publikum gewandt.
Die drei jungen Landwirte beschrieben die freiwilligen Maßnahmen, die sie im Rahmen des Projekts „Wir wirtschaften bienenfreundlich“ ergriffen haben (Unser Allgäu berichtete bereits ausführlich darüber). Sie umfassen einen späteren Schnittzeitpunkt und eine spätere Beweidung auf Teilflächen sowie die Anlage von Blühstreifen. Bei Christoph Zweng werden die Maßnahmen auf der Alpe Hochried durchgeführt. Die angehenden Meister machten aber auch deutlich, dass diese Maßnahmen für sie einen teils erheblichen Mehraufwand – finanziell wie auch arbeitswirtschaftlich – und einen Minderertrag bedeuten. „Wenn man will, kann man etwas machen, allerdings in einem gewissen Rahmen“, betonte Zweng. Auch der momentan fehlende Absatzmarkt für Biomilch und die fehlende Bereitschaft der Verbraucher, für Bioprodukte einen höheren Preis zu bezahlen, kamen zur Sprache.
Die Oberallgäuer Kreisbäuerin Monika Mayer wies in einem Diskussionsbeitrag darauf hin, dass eine hohe Biodiversität, wie sie auf Alpen oft zu finden ist, nicht ohne wirtschaftlich arbeitende Talbetriebe möglich wäre. Als Ursachen für das Artensterben sprach sie auch die Flächenversiegelung, etwa durch Straßenbau, an. Über das Kulap würden die bayerischen Bauern schon viele Umweltleistungen erbringen, betonte Mayer, räumte aber auch ein, dass dies in „Quantität und Qualität“ noch ausbaubar wäre. „Lest Euch das Volksbegehren genau durch“, bat sie schließlich das Publikum.
Alfred Karle-Fendt stellte dar, wie dramatisch das Insektensterben bereits vorangeschritten ist, und zeigte auf, was Privatleute, Kommunen und Landwirte zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen können. Im Grunde genommen brauche es dazu oft nicht viel, sagte der Schmetterlingsexperte und nannte einige Beispiele: Straßenränder, Gräben und Böschungen sich selbst überlassen, Ausgleichsflächen richtig anlegen und nutzen, Gärten mit „unordentlichen“ Bereichen und ohne hochgezüchtete Pflanzen, kleinteilige Strukturen in der Landschaft, Hecken, Brachen und Randstreifen, möglichst im Verbund. Denn: „Ein Großteil unserer Blütenpflanzen sind Hungerleider.“
Das Kulap 1 und 2 bringe nach seiner Ansicht für die Biodiversität gar nichts: „Wenn das bayerische Modell der Freiwilligkeit etwas bringen würde, hätten wir die Probleme nicht“. Bio findet Karle-Fendt zwar „wünschenswert, vor allem aus Gründen des Umweltschutzes“, für den Artenschutz bringe der Ökolandbau aber nicht zwangsläufig Vorteile, „denn auch viele Biobetriebe in Deutschland arbeiten intensiv, und dann macht es für Insekten und Vögel keinen Unterschied“.
Der Sonthofener Imkervereinsvorstand Florian Bartl betonte, dass im Oberallgäu auch nach dem großen Blühen im Frühjahr die Trachtsituation für die Bienen meist noch gut sei – anders als in Ackerbaugebieten mit ausgeräumten Landschaften und Monokulturen. Eine vielfältige, kleinstrukturierte Landschaft stelle den Insekten ein breites Nahrungsangebot zur Verfügung.
Informationen liefern, was jeder einzelne – Landwirte, Kommunen, Unternehmen und Privatleute – für die Artenvielfalt tun kann, das war das Ziel des Imkerkreisverbandes. Einblicke erhalten, um sich gegenseitig besser zu verstehen, Sachargumente austauschen statt Schuldzuweisungen. Im Wissen, dass nur miteinander etwas erreicht werden kann und nicht gegeneinander. Das ist dem Imkerkreisverband Oberallgäu an diesem Abend sehr gut gelungen, wie an der regen und durchwegs sachlichen Diskussion deutlich wurde.
Es gab Gedankenanstöße, das eigene Verhalten hinsichtlich der Auswirkungen auf Natur und Umwelt kritisch zu hinterfragen, und Vorschläge, wie jeder auch im Kleinen etwas bewirken kann. Mehrere Wortmeldungen aus dem Publikum wie auch von der Bühne beschworen das Miteinander, aber auch die Notwendigkeit, das Artensterben in den Blickpunkt zu rücken und sofort Maßnahmen zu ergreifen.