Waldschäden

Windbruch: Extreme Bedingungen

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Susanne Lorenz-Munkler
am Donnerstag, 16.04.2020 - 10:47

Der Orkan Sabine hat neue Windwurfschäden am Burgberger Hörnle verursacht. Die Aufarbeitung des Schadholzes ist schwierig, das Gelände steil.

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Die Bewohner der Gemeinde Burgberg im Oberallgäu machen sich derzeit nicht nur Gedanken über Corona. Sondern auch über die Holzarbeiten an ihrem Hausberg, dem „Burgberg Hörnle“. Diese sind nicht zu übersehen oder überhören. „Warum wird denn der ganze Bergwald abgeholzt?“, will eine Spaziergängerin wissen. Förster Robert Baldauf vom AELF Kempten, der in Burgberg wohnt und über 20 Jahre diesen Bergwald betreut hat, gibt der Frau gerne Auskunft: „Hier wird nichts abgeholzt. Es handelt sich um eine Schadholzaufarbeitung im extremsten Schutzwaldgelände. Hier können die vom Sturm geworfenen Bäume nur mit einer Langstrecken-Schwebebahn und dem Hubschrauber heruntertransportiert werden.“
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Eigentlich sollten die Burgberger an diesen Anblick und den Lärm schon gewöhnt sein. Hatten sie doch schon vor zwei Jahren ein ähnliches Szenario: Nachdem Sturmtief Burglind Anfang Januar 2018 am kleinen Nachbarn des Grünten unzählige fast 200 Jahre alte Fichten wie Streichhölzer abgeknickt und entwurzelt hat. Und massive Windwurfschäden im extremen Schutzwaldgelände hinterließ. Auf insgesamt 10 ha lagen seinerzeit Baumstämme kreuz und quer im steilen und unerschlossenen Gelände.
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Und jetzt wieder. Das Sturmtief Sabine im Februar dieses Jahres machte weiter. Diesmal wurden auf etwa zwei Hektar Fläche Bäume entwurzelt und abgeknickt. „Die Schadholzaufarbeitung ist nicht nur wegen des äußerst schwierigen Geländes kompliziert und gefährlich“, berichtet der Holzdienstleister Bernhard Zeller, der die Holzbringung und Aufarbeitung mit der Langstreckenbahn organisiert und koordiniert. Auf einer Distanz von 850 bis 1250 Höhenmetern. Begleitend dazu erarbeiten die Bergwaldoffensive und das Schutzwaldmanagement am AELF Kempten ein Konzept zur Borkenkäferabwehr und Wiederaufforstung.
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„Es ist eine schwierige Baustelle“, meint Baldauf, der immer wieder hier vorbeischaut. Schließlich hat der Burgberger diesen Wald hier zwanzig Jahre lang betreut und die Maßnahme vor zwei Jahren noch durchgeführt. Er kennt sich hieraus wie in seiner Westentasche. „Es eilt“, erklärt er. „Bis Mai sollte das gesamte Schadholz im Tal sein, denn es droht eine gewaltige Borkenkäferkalamität. Die Buchdrucker konnten in den vergangen, trockenen und zu warmen Jahren eine hohe Population aufbauen. Zum ersten Schwärmflug, der bei beständigen Lufttemperaturen über 16° C so ab Mitte April stattfindet, stehen so viele Borkenkäfer bereit, wie schon lange nicht mehr. „Die Schädlinge vermehren sich rasend schnell in frisch liegendem Fichtenholz und greifen anschließend in riesigen Horden selbst gesunde, stehende Bäume an“, weiß Baldauf.
Aktuell habe die Schutzwaldsanierung am AELF Kempten, die Bergwaldoffensive und die FBG Oberallgäu mehrere Dinge zu beachten. Zum einen die schnelle Holzbringung per Langstreckenbahn. Zum anderen die Rettung des noch relativ intakten Waldbestands zwischen den alten Schadflächen und der jetzigen neuen Schadfläche. „Dort sind bereits verschiedene Käfernester aufgetaucht. Die Kollegen vom Schutzwaldmanagement haben die betroffenen Bäume gefällt. Diese wurden teilwiese vor Ort entrindet, damit hier kein Käfer mehr brüten kann. Andere werden mit dem Hubschrauber ausgeflogen, da man in diesem bis zu 35 Grad steilen, unzugänglichen Gelände nicht einmal entasten oder entrinden kann.“
Wichtig sei, so Baldauf, dass man sofort wieder bepflanzt. Spätestens nach Ostern kämen junge Fichten, Buchen, Lärchen und Kiefern. „Es gibt im Moment noch genügend Pflanzen, da in diesem Jahr viele mit der Schadholzaufarbeitung nach den drei Februarstürmen beschäftigt sind. Es handle sich um spezielle Pflanzen aus einem Extra-Anzucht-Programm für Bergwaldbäume: Topfpflanzen mit Wurzelballen, damit sie ein gewisses Substrat zum Anwachsen auf diesen trockenen und humusarmen Flächen haben.

Corona hemmt
den Holzverkauf

Zusätzlich zum Zeitdruck, unter dem die Förster und die Mitarbeiter des Forstdienstleisters arbeiten, kommt ein weiteres Problem. Das Holz (das der Gemeinde Burgberg gehört) sollte zeitnah über die FBG Oberallgäu vermarktet werden. Aber: „Die Coronakrise hat erhebliche Auswirkungen auf den Holzmarkt. Die Vermarktung läuft zäh. Die Kette des Holzflusses ist durch Exportbeschränkungen fehlende Arbeitskräfte und die starke Verunsicherung an den Märkten empfindlich gestört“, berichtet Geschäftsführer Roman Prestele, Geschäftsführer der FBG Oberallgäu. Wenn die 500 m3 Holz zwischengelagert werden sollen, müsse dies in mindestens 500 m Entfernung von dem noch intakten Wald passieren. Das ist selbstredend an einem Berg kaum möglich. Die FBG suche derzeit ein Zwischenlager für das Holz.
Baldaufs Prognose ist eher düster. „Die Waldbestände hier sind überall an- und aufgerissen. Es handelt sich um einen überalterten Bergwald und das Risiko ist relativ hoch, dass es beim nächsten Sturm zu weiteren Schäden kommt. Es liegen zudem vereinzelt Bäume an Stellen, wo man gar nicht hinkommt und wo sich der Käfer wohl fühlt. Entscheidend wird das Wetter in diesem Frühjahr sein. Je kälter und feuchter desto weniger Käfer-Schäden sind zu erwarten.“