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Öffentlichkeitsarbeit

Wiesenmähtag: Gülle ist wie ein Powerriegel

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Anja Kersten
am Dienstag, 02.08.2022 - 07:44

Junge Landwirte betreuen bei einem „Wiesenmähtag“ in Rauhenzell bei Immenstadt vier Stationen. Dort zeigen sie Grundschülern, was es ineinem Wiesenstück an Lebewesen so zu entdecken gibt.

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Insekten, Spinnen und Würmer sollen sie finden. Aber wo sind sie nur? Eifrig beugen sich die Schülerinnen und Schüler der 1. Klasse der Königsegg-Grundschule in Immenstadt über das Stück Wiese, das sie zusammen mit Johanna, Pirmin, Simon, Jacob und Niklas ausgegraben haben, und untersuchen jeden Krümel Erde.

„Ich hab’ einen Regenwurm“, schreit ein Kind freudig auf und nimmt den Regenwurm vorsichtig auf die Hand. Eine Station weiter sammeln die Kinder Kräuter, Gräser und Blumen von der frisch gemähten Wiese und versuchen zusammen mit den Schülerinnen und Schülern des Landwirtschafts-BGJ-Kempten herauszufinden, was der Kuh wohl besonders gut schmecken könnte. „Klee ganz bestimmt“, meint eine Schülerin und zeigt ihren roten Klee. Der riecht nämlich gut, begründet ihre Nachbarin auch gleich die Antwort.

An insgesamt vier Stationen lernen die Erstklässler, welche Tiere im Boden leben, was sie machen und warum sie so wichtig sind, was die Kuh isst, damit sie Milch geben kann, wie man Heu und Silo macht und warum man eine Wiese düngen muss. Alle sind sie mit Feuereifer dabei.

Sie stecken ihre Nase tief in die Kräuter und riechen am Gras, sie versuchen sich am Heumachen und stellen eine winzige Menge Silage her. Sie fühlen die Regenwürmer auf ihrer Hand, schauen sie unter dem Mikroskop an und dürfen in einem Traktor sitzen, den Landwirt Markus Singer mitsamt einem leeren Güllefass auf seinem Feld zur Verfügung gestellt hat.

Kindgerecht - das ist ganicht so einfach

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„Es ist gar nicht so einfach das ganze kindgerecht rüberzubringen und zu unterrichten“, gibt BGJ-ler Benedikt zu, der die Station Düngung übernommen hat. Er erklärt, woher die Gülle kommt, dass das nicht Abfall oder nur „Bäh“ ist, sondern wertvoller Dünger für den Landwirt ist.

Als er sagt, dass die Gülle wie ein Power-Riegel für die Pflanzen ist, sieht man an den Gesichtern der Kinder, dass sie das ohne viele weitere Erklärungen sofort verstehen. Wenn die Eltern heute fragen, was sie in der Schule gemacht haben, werden sie vielleicht schon wieder vieles vergessen haben, das aber sicher nicht. Mit diesen Bildern, so hofft Benedikt, nehmen die Kinder viel von diesem Tag mit.

So wie Benedikt sind 24 Schülerinnen und Schüler des BGJ Landwirtschaft in Kempten heute in die Rolle des Lehrers geschlüpft. Die Landwirte von morgen machen so bereits am Anfang ihrer Ausbildung erste Schritte in Richtung Öffentlichkeitsarbeit.

Lehrer-Experten-Tandem

Das sieht die (inzwischen ehemalige) Oberallgäuer Kreisbäuerin Monika Mayer als eine besondere Stärke dieses Projektes, bei dem Bauernverband, Landwirte, Berufsschule, Grundschule und Naturparkschule eng zusammenarbeiten. „Das Lehrer-Experten-Tandem, das hier gelebt wird, ist einfach genial“, sagt sie, „ein großes Gemeinschaftsprojekt“.

Ziel der verschiedenen Projekte ist es, die Schülerinnen und Schüler für die Einzigartigkeit der Region zu begeistern und die Themen Land-, Alp- und Forstwirtschaft sowie Naturschutz und Handwerk im Unterricht zu koordinieren, ergänzt Elisabeth Mayr von der Naturparkschule Nagelfluh. Die Schulen halten einen Tag ihres Heimat- und Sachunterrichts im „Klassenzimmer Naturpark“ mit den jeweiligen Akteuren vor Ort als Experten.

„Naturpark Nagelfluhkette macht Schule“ wurde 2015 mit der Pilotschule Königsegg-Grundschule in Immenstadt gestartet. Mittlerweile sind neun Grund- und Volksschule, vier davon im Allgäu und fünf in Vorarlberg, zertifizierte Naturparkschulen. Jedes Jahr besuchen ca. 650 Schulkinder einen Bauernhof und eine Alpe. Bei jeder Schule wird auf die jeweilige Gemeinde und ihre Besonderheiten eingegangen.

Im Allgäu ist Landwirtschaft immer ein Thema

Das Thema Landwirtschaft spiele dabei im Allgäu natürlich eine wichtige Rolle. Und so sind die Kinder heute auf den landwirtschaftlichen Milchviehbetrieb von Petra und Markus Singer in Immenstadt-Rauhenzell gekommen. Die Schülerinnen und Schüler des BGJ haben sich im Vorfeld überlegt, wie sie den Kindern die Themen näherbringen und welche Hilfsmittel sie dafür einsetzen wollen.

Um den Kindern zu zeigen, wie wichtig Lebewesen im Boden sind, haben Johanna und Klemens einen Spaten mitgebracht. Gemeinsam wird jetzt erst einmal ein Stück Wiese abgestochen und auf eine weiße Plane gelegt. Denn wer weiß schon, dass in einem Stück Erde viele winzige Lebewesen leben, die man normalerweise gar nicht beachtet?

Sofort beugen sich die Kinder über das Stück Erde, wühlen, krümeln die Erde zwischen den Händen auf der spannenden Suche nach Spinnen, Insekten, Ameisen oder einem Regenwurm. „Ihr müsst die Beine zählen“, sagt Johanna zu den Kindern, „dann wisst ihr, ob es ein Käfer oder eine Spinne ist. Spinnen haben acht Beine, Käfer sechs.“ „Und das hat gar keine Beine“, plappert ein Mädchen dazwischen. „Dann ist es ein Wurm“, gibt ein anderes Mädchen die Antwort.

Was machen die kleinen Tierchen im Boden

Aber was machen die kleinen Tierchen im Boden? Warum sind sie wichtig? „Die krabbeln herum“, versucht sich ein Bub an einer Antwort und strahlt, als Johanna sagt, dass er schon auf der richtigen Spur ist und jetzt nachfragt, was denn passiert, wenn die Tiere durch die Erde krabbeln. „Die machen Löcher“, finden die Kinder gemeinsam mit Klemens und Johanna heraus.

Um zu zeigen, welche Funktion die Tiere damit erfüllen, haben sich die BGJ-ler ein kleines Experiment einfallen lassen. Zwei Stücke Styropor, einmal mit eingestanzten Löchern, einmal ohne sollen den Boden mit und ohne Bodenlebewesen darstellen. „Wenn es jetzt regnet, was passiert dann, fragt Klemens in die gespannten Gesichter und lässt es aus einer Flasche auf das Styropor „regnen“. Da braucht er nicht mehr viel zu erklären, die Kinder sehen auch so, dass sich das Wasser in den Löchern gleichmäßig verteilen kann, ohne Löcher aber bleibt das Wasser stehen. Durch die Löcher im Boden bekommen die Pflanzen besser Wasser für ihre Wurzeln und auch Luft. Dann „können sie besser wachsen“, folgern die Erstklässlern dann sofort richtig.

Viele gute Ideen und Beispiele

Es sind viele gute Ideen und Beispiele, die sich die BGJ-Klasse für diesen Tag einfallen haben lassen. Sie halten keine Vorträge, die Kinder dürfen selbst aktiv werden und sie merken selbst, wie gut das bei den Kindern ankommt. Anfangs noch etwas zaghaft in der Rolle der Lehrer, hört man bald darauf an den verschiedenen Stationen munteres Gerede und Lachen. Der BGJ-Klasse scheint der Unterrichtstag und der Rollentausch als Lehrer jetzt doch viel Spaß zu machen.

Auch Markus und Petra Singer schauen mit einem Schmunzeln auf die Schülerinnen und Schüler, die so viel Freude an diesem besonderen Schultag haben und auf der Wiese herumwuseln. Sie würden als Landwirte gern ihren Beitrag dazu leisten, dass die Kinder Landwirtschaft und die Natur mit allen Sinnen und hautnah erleben dürfen. Zum Abschluss darf jede Klasse noch eine Tüte voll Heu, das zu Anschauungszwecken mitgebracht wurde, als Erinnerung mitnehmen. In vier Wochen steht dann ein Besuch auf einem Bauernhof auf dem Programm. Da dürfen es die Kinder gerne an die Kühe der Familie Schwarzmann verfüttern, verspricht Elisabeth Mayr.