Pädagogik

Wichtige Rolle als Vermittler

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Michael Ammich
am Montag, 26.04.2021 - 08:28

Jeder Erlebnisbauernhof braucht ein Konzept und geeignete Betriebsleiter. Kinder lernen so die reale Landwirtschaft und all ihre Facetten kennen.

Was gibt es Schöneres als neugierigen Kindern und Jugendlichen ein ebenso authentisches wie positives Bild vom eigenen Berufsstand zu vermitteln? Die Erlebnisbäuerinnen und Erlebnisbauern haben es mit in der Hand, welches Bild die späteren Erwachsenen von der Landwirtschaft haben. Aber von nichts kommt nichts. Daher benötigen Erlebnisbauernhöfe ein durchdachtes Konzept und vor allem Betriebsleiter, die dieser Aufgabe emotional und pädagogisch gewachsen sind. Eine gemeinsame Online-Infoveranstaltung der Öko-Modellregionen Paartal undStadt.Land.Augsburg mit dem AELF Augsburg zeigte die Chancen auf, die der Hof als Lern- und Erlebnisort mit sich bringen kann.

Kathrin Seidel, Projektmanagerin der Öko-Modellregion Paartal, und ihr Kollege von der Öko-Modellregion Stadt.Land.Augsburg, Ulrich Deuter, stellten die Ziele der beiden Projekte vor. In diesen spielen die Erlebnisbauernhöfe eine wichtige Rolle als Vermittler zwischen der Bevölkerung und der Landwirtschaft. Es geht darum:

  • die Produktion heimischer Bio-Lebensmittel voranzubringen und zu unterstützen,
  • in der Gesellschaft das Bewusstsein für regionale Identität zu stärken,
  • die Partner in der Wertschöpfungskette zu vernetzen und zur Zusammenarbeit zu bewegen,
  • Unterstützung bei der Realisierung von Modellprojekten anzubieten.

Neue Absatzwege für Bioprodukte

Wie Ulrich Deuter erklärte, haben sich in der Modellregion Stadt.Land.Augsburg mehrere Modellprojekte etabliert. Dazu gehört beispielsweise der Anbau von Biohanf mitsamt Austausch der Hanfanbauer auf Feldtagen und der Entwicklung eines Hanfbrots gemeinsam mit einer Bäckerei. Ein weiteres Projekt ist das Erschließen neuer Absatzwege für Bioprodukte. „Hier steckt vor allem in der Außerhausverpflegung noch ein riesiges Potenzial für die regionalen Biobetriebe“, versicherte Deuter.

Die Öko-Modellregion Paartal im Landkreis Aichach-Friedberg ruht auf drei Säulen, erklärte Kathrin Seidel:

  • Bio vom Acker auf den Teller,
  • Bio außer Haus in aller Munde und
  • die Stärkung des Nachhaltigkeitsgedankens in der Gesellschaft.
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Einer der Betriebe, die sich diesen Aufgaben stellen, ist der Biohof der Familie Kreppold in Wilpersberg bei Sielenbach. Zwischen Mai und Oktober kommen wöchentlich zwei bis drei Schulklassen und andere Gruppen auf den Hof. Theresia Kreppold hat eine Ausbildung zur Erlebnisbäuerin absolviert und schilderte den mehr als 40 Teilnehmern der Online-Veranstaltung ihre Erfahrungen.

Kommen die Schulkinder auf ihrem Betrieb an, erklärt die Bäuerin ihnen die Zusammenhänge in der Urproduktion und Verarbeitung der Lebensmittel. Die Schülerinnen und Schüler seien sehr aufgeschlossen, wenn man altersgerecht mit ihnen spricht und sie mit kleinen Aktivitäten zu begeistern versteht. „Uns war es schon immer wichtig, transparent zu arbeiten. Aus dieser Grundhaltung hat sich auch unser Erlebnisbauernhof entwickelt.“ Für Kreppold ist diese Arbeit eine „wunderbare Aufgabe“. Viel gelernt hat sie über Fortbildungen, an denen sie regelmäßig teilnimmt und dort beispielsweise erfährt, wie sie mit schwierigen Menschen umgehen kann. „Heute macht mir keine Gruppe mehr Stress.“

Für eine nachhaltige Welt begeistern

Der Erlebnisbäuerin kommt es darauf an, ihre Hofbesucher vom Kindergarten bis zu den neunten Klassen für eine nachhaltige Welt zu gewinnen. Die Themen ihrer Bauernhofpädagogik werden von ihrem Gefühl für die jeweilige Altersstufe und natürlich auch von den Gegebenheiten des Hofs bestimmt. Kreppold versucht sich in die Kinder und Jugendlichen hineinzuversetzen und ihre Interessen zu erspüren. Oft seien darunter allerdings Stadtkinder, denen jegliches Interesse an der Landwirtschaft abgeht. „Solche Kinder für die Landwirtschaft zu öffnen, ist eine spannende Aufgabe.“ Dabei wird sie nach Bedarf von Praktikanten und Fremdarbeitskräften unterstützt, die ein pädagogisches Händchen mitbringen.

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Für ihren Erlebnisbauernhof werben muss Theresia Kreppold längst nicht mehr. Über Mundpropaganda und gute Erfahrungen der Schulen ist ihr Betrieb als „Lernort Bauernhof“ zu einer Institution geworden. Das führt jedoch auch dazu, dass am Sonntag schon einmal Familien im Hof stehen und sich umsehen wollen, freilich ohne Entgelt. Aber dieses Problem lasse sich mit dem Hinweis, dass auch Bäuerinnen und Bauern ihre Sonntagsruhe brauchen, ganz einfach lösen.

Besondere gesetzliche Vorschriften für die Hygiene bei der Lebensmittelzubereitung gemeinsam mit den Kindern kennt Kreppold nicht. „Das ist ein Graubereich.“ Sie fragt jedoch stets die Lehrer, ob Kinder mit Allergien oder Unverträglichkeiten mit dabei sind. Selbstverständlich gibt es auf dem Biohof Toiletten und Handwaschgelegenheiten, die von den Schulklassen genutzt werden können. Wer nach ein paar Stunden den Erlebnisbauernhof in Wilpersberg verlässt, für den ist die Landwirtschaft gewiss kein mediales Zerrbild mehr.

Erfahrungen in der Pädagogik sammeln

„Jeder Bauernhof ist ein Schatzkästchen“, bekundete Henrike Thies vom AELF Augsburg. Um es zu öffnen, brauche es nur ein paar Schritte. Ganz am Anfang stehe der Mut, einfach einmal auszuprobieren, wie es ist, wenn Kinder auf den Betrieb kommen, und dabei erste eigene Erfahrungen in der Bauernhofpädagogik zu sammeln. Dann gilt es zu überlegen, ob neben dem Hof auch die Bäuerin und der Bauer die betrieblichen, persönlichen und familiären Voraussetzungen für die Teilnahme am Programm „Erlebnis Bauernhof“ erfüllen. Dazu gehört auch die Bereitschaft zur Aus- und Fortbildung.

„Erlebnisbäuerin“ oder „Erlebnisbauer“ darf sich nur nennen, wer entweder einen eintägigen Fit-Tag besucht oder eine sechszehntägige Qualifizierung absolviert hat. Anders als die Teilnehmer am Fit-Tag dürfen Letztere neben der Durchführung des Lernprogramms und der Verpflegung auch Übernachtungen anbieten und neben den Schulklassen weitere Zielgruppen ansprechen.
Der Bauernhof ist im Lehrplan als außerschulischer Lernort verankert, erklärte Thies. Zum Lernprogramm gehören Themenfelder wie „Von der Milch zu Butter und Käse“, „Vom Ei zum Huhn“, „Lebensraum Streuobstwiese“ oder auch „Der Bauernhof als Energielieferant“. Im Vordergrund steht dabei immer die Förderung der Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Sie sollen zu einem selbstbestimmten Verbraucherverhalten geführt werden, zum richtigen Umweltverhalten und zu einer bewussten, gesunden Ernährung.
Damit dies auf einem Erlebnisbauernhof gelingen kann, müssen die Bäuerin und der Bauer zu dem stehen, was sie sagen und tun, betonte Thies. „Authentizität ist das Allerwichtigste.“ Bei der Erlebnispädagogik gehe es um das Ansprechen von Herz, Kopf und Hand. Um bei den Kindern alle Sinne zu berühren, muss ihnen die Möglichkeit gegeben werden, selbst aktiv zu werden. Dadurch entwickle sich in ihnen eine emotionale Bindung an die Landwirtschaft und die Erlebnisse auf dem Bauernhof werden den Kindern dauerhaft im Gedächtnis bleiben.

Bezug zur Landwirtschaft erhalten

Dem Willen der bayerischen Staatsregierung nach soll jedes Schulkind mindestens einmal auf einem Bauernhof gewesen sein. Dabei soll es einen Bezug zur realen Landwirtschaft und zur Erzeugung der Lebensmittel erlernen, so dass am Ende auch eine Wertschätzung des bäuerlichen Lebens und Arbeitens entsteht. Außerdem ist es eine Aufgabe der Erlebnisbauernhöfe, die Kinder zur Verantwortung für die Natur und Umwelt zu führen und insgesamt den Dialog mit der Gesellschaft zu fördern.

Die Lehrkräfte suchen sich einen Erlebnisbauernhof aus und vereinbaren einen Termin. Nach dem Bauernhofbesuch unterschreibt die Lehrkraft eine Besuchsbestätigung, welche die Erlebnisbäuerin oder der Erlebnisbauer bei der FüAk zur Abrechnung einreichen kann. 170 € Aufwandsentschädigung erhalten sie pro Klasse und Durchführung des drei- bis vierstündigen Lernprogramms. Für die Schulklassen ist die Teilnahme kostenfrei. In der Coronakrise lassen sich gegenwärtig keine Hofbesuche von Schülergruppen ansetzen. Je nach geltenden Kontaktbeschränkungen ist es möglich, Kindergeburtstage und Angebote für geschlossene Gruppen durchzuführen, sagte Thies. „Manche Erlebnisbauernhöfe pausieren derzeit, andere haben kreative Lösungen entwickelt.“