Marketing

Werbung für die ganze Landwirtschaft

Thumbnail
Anja Kersten
am Freitag, 02.11.2018 - 13:48

Führungen durch die Hofkäserei Lipp in Rückholz sind gefragt bei Jung und Alt.

Thumbnail

Rückholz/Lks. Ostallgäu „Eigentlich sind wir ausgebucht“, erklärt Andrea Lipp den Urlaubern, die erwartungsvoll bei ihr im Laden die Käsereiführung buchen wollen. Doch dann drückt sie doch noch ein Auge zu, schließlich ist die Familie mit den Kindern extra hier hergewandert, um ihre Käserei in Rückholz anzuschauen. „40 Besucher sind die absolute Grenze“, meint sie mit einem Blick auf die wachsende Besucherschar, unter denen viele Kinder sind. So drängeln sich Groß und Klein in den Raum, in dem ihr Mann Johann Lipp erzählt, wie er aus der Milch seiner Kühe Käse macht.

Thumbnail

Lipp ist ein routinierter Erzähler, immerhin macht er die Führungen seit 17 Jahren, und weiß, dass sich die Kinder schnell langweilen, wenn er einen Monolog hält. Deshalb bezieht er die Kinder immer mit ein, fragt, welche Tiere sie kennen, die Milch geben, was für Inhaltsstoffe die Milch hat, warum sie für den Menschen so gesund ist und wie oft Kühe gemolken werden. „Alle Säugetiere geben Milch“, erklärt er den erstaunten Kindern, die natürlich Kühe, Ziegen, Schafe aufgezählt haben, nicht aber an Hunde und Katzen gedacht haben. Richtig aber sei, dass die meiste Milch auf der Welt von Kühen komme, lobt Lipp die Antworten der Kinder und alles hätte, was der Mensch so zum Leben brauche.

Thumbnail

„Ich sehe die Führungen nicht nur als Werbung für unseren Käse, sondern für die gesamte Landwirtschaft“, meint Lipp dann auch auf die Frage, warum er die Führungen anbiete. Die Menschen, so seine Erfahrung der letzten Jahre, sind auf der Suche nach einer Idylle, anders als im Alltag haben sie im Urlaub genug Zeit, sich Geschichten von dieser Idylle erzählen zu lassen. Auf diese Weise erfahren sie, dass die Milch so wie sie von den Kühen kommt verarbeitet wird, der Milch Lab zugesetzt wird, damit sie stockt, und dann „wie Pudding“ aussieht, wie sich der Landwirt wieder an die Kinder wendet. Dabei verschweigt er nicht, dass das Lab ursprünglich aus dem Kälbermagen kommt, heutzutage aber auch gentechnisch gewonnen wird. Mit welchem Lab der Käse letztlich gemacht werde, erfahre der Verbraucher aber nicht, erklärt er und fügt hinzu, dass er das „ursprüngliche Lab“ verwendet.

Thumbnail

Anschaulich erklärt er wie die geronnene Milch weiterverarbeitet wird, was eine Käseharfe ist, warum der Käse gepresst wird, in ein Salzbad kommt und anschließend gepflegt werden muss. Als er erwähnt, dass man für ein Kilo Käse das Zehnfache an Milch braucht, ist leises Raunen zu hören und mancher der Erwachsenen mag da ins Grübeln kommen wie es dann sein kann, dass das Kilogramm Käse im Discounter oft weniger als zehn Euro kostet. „Dass ich qualitativ hochwertige Lebensmittel nur zu einem bestimmten Preis bekomme, darüber machen sich viele Leute keine Gedanken“, meint Johann Lipp.

Thumbnail

So spannend Johann Lipp auch von der Käseherstellung berichtet, bei den Kindern kommt langsam Unruhe auf. Hatten ihnen ihre Eltern nicht versprochen, dass sie am Ende der Führung selbst Butter machen dürfen? „Wir haben ja wenig zum Anschauen für die Kinder“, meint Andrea Lipp, die vollstes Verständnis dafür hat, dass bei den Kindern nach spätestens einer halben Stunde das Interesse nachlässt. Doch wenn es darum geht, dass jedes der Kinder ein Glas mit Sahne so lange schütteln soll bis daraus Butter wird, sind alle wieder bei der Sache. Da wird geschüttelt bis der Arm weh tut und nur noch Mama und Papa weiterhelfen können. Wie ein kostbarer Schatz wird die Butter eingewickelt und stolz mit nach Hause genommen. .„Wir fahren jetzt extra in die Ferienwohnung, damit wir die Butter schnell in den Kühlschrank legen und heute essen können“, meint eine Mutter lachend.

Was nichts kostet,ist nichts wert

Nach etwa 45 Minuten ist die Käsereiführung vorbei. 2,50 € kostet sie pro Erwachsenem, Kinder sind frei. Anfangs hätten sie für die Führung nichts verlangt, erinnert sich das Ehepaar, aber mehr und mehr das Gefühl bekommen, dass „was nichts kostet auch nicht so viel wert ist“. Aber wir wollten auch Familien mit mehreren Kindern die Möglichkeit geben, an der Führung teilzunehmen. Deshalb seien die Kinder, egal welchen Alters frei. Nach der Führung besteht die Möglichkeit den Käse im angrenzenden Laden zu probieren und zu kaufen, wovon die Meisten Gebrauch machen „Eine bessere Werbung als die Führung gibt es nicht“, meint deshalb auch der Landwirt und fügt hinzu, dass er eng mit den Vermietern in der Umgebung zusammenarbeitet und diese auf seine Veranstaltungen aufmerksam machen. Der Rest sei Mund-zu-Mund Propaganda.

Ein reines Familienunternehmen sind Andrea und Johann Lipp. Zusammen bewirtschaften sie den 15-Hektar-Betrieb mit 23 Milchkühen. Er käst, sie macht den Laden und gemeinsam bewirten sie die Gäste bei den regelmäßig stattfindenden Raclette-Essen. Seit 1864 ist der Betrieb im Familienbesitz. Johann Lipp hat Molkereifachmann gelernt und den elterlichen Betrieb 1998 übernommen. Dass er von dem kleinen Milchviehbetrieb allein nicht leben konnte, war ihm von vornherein klar. „Wie viele Landwirte auch, hätte ich weiter in meinem Beruf arbeiten können“, zählt er die Alternativen auf. Doch weil er wusste, dass die Wertschöpfung im Handel am größten ist, beschloss er diese Wertschöpfung für sich zu behalten. „Jetzt gehe ich halt zum Arbeiten nach Haus“.

Der Anfang war schwer, heute läuft der Laden

Johann Lipp schaffte das Jungvieh ab, baute die Käserei mit angrenzendem Laden überwiegend mit Eigenleistung und verkäst seitdem alle zwei Tage zwischen 300 und 700 l Milch. „Der Anfang war schwer. Wie ein Vertreter sei er von Haus zu Haus gefahren, um seinen Käse an Privatpersonen zu verkaufen, hat Einzelhändler angesprochen, um seinen Käse zu vermarkten. Im Handwerk sagt man, brauche es sieben bis acht Jahre bis es läuft, das sei bei ihm nicht anders gewesen.
Diese Zeiten sind zum Glück vorbei, vielleicht auch, weil immer mehr Leute nach handwerklich hergestellten Produkten suchen. Mittlerweile verkauft er den meisten Käse über den Hofladen, der wochentags jeden Tag außer Mittwoch von 9 bis 12 Uhr und von 17 bis 19 Uhr geöffnet hat, Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 9 bis 12 Uhr. Der Preis pro Kilogramm liegt beim milden Bergkäse bei 13,90 €, bei Spezialitäten wie Bärlauchkäse bei 17,90 €.

Gefragt ist vor allem der Bergkäse

Vor allem in der Urlaubszeit ist die Nachfrage nach dem Rohmilchkäse der Hofkäserei Lipp groß und hier vor allem nach Bergkäse. Etwa die Hälfte der Milch verkäst Johann Lipp zu Bergkäse. Daneben macht er Spezialitäten wie Bärlauchkäse, Käse mit Bockshornkleesamen, Pfefferkäse oder Kümmelkäse. Insgesamt sind es 13 t Käse im Jahr, die er nur aus seiner eigenen Milch herstellt. Verarbeitet wird die gesamte Milch. Rohmilch, Quark oder Butter gehören nicht in sein Sortiment. „Käse ist lange haltbar, nicht aber Milch und Quark, auf denen er im Zweifelsfall sitzen bleibe, begründet er die Auswahl. Um das Geschäft auch im Winter aufrechtzuerhalten, wenn weniger Gäste ins Allgäu kommen, aber auch weil es bei hochsommerlichen Temperaturen einfach zu riskant ist, kann man den Käse in den Wintermonaten auch online kaufen und sich schicken lassen.
Die eigenen Produkte möglichst gut zu vermarkten, das war von Anfang an die Überlegung von Johann Lipp und so begannen er und seine Frau vor 14 Jahren mit Raclette-Abenden. Ein Veranstaltungsraum, in dem bis zu 40 Personen Platz haben, oberhalb der Käserei, war bereits vorhanden und wurde von Andrea Lipp, die gelernte Hotelfachfrau ist und ein Händchen für Gestaltung hat, geschmackvoll dekoriert und gestaltet. Auch hier, so meint Johann mit einem Blick auf den Raum, lassen sie den Raum eine Geschichte erzählen. So finden sich als Dekoration Gegenstände aus der Landwirtschaft.
Spezielle Raclette-Öfen aus der Schweiz, bei denen von einem Käselaib Käse abgeschmolzen wird, stehen auf den Tischen. „Den Käse haben wir. Alles, was wir noch brauchen, sind Gurken, Zwiebeln und Brot“, erklärt der Molkereifachmann das stimmige Konzept, das sowohl von den Gästen als auch von Einheimischen gern angenommen wird und pro Person 12,50 € kostet. Getränke gehen extra.
Auf diese Weise ist die Arbeit von Andrea und Johann Lipp gut zu bewerkstelligen. Mit Führungen und Raclette-Essen kommen sie auf etwa 100 Veranstaltungen im Jahr und mit der Käserei, dem Verkauf im Laden, in dem Andrea Lipp auch Käseplatten anbietet und der Landwirtschaft auch an ihre Kapazitätsgrenzen. Auch wenn der Erfolg sich erst nach ein paar Jahren einstellt, sie haben schon vor 17 Jahren die Zeichen erkannt haben, dass regionale Lebensmittel in Zukunft stärker nachgefragt werden. „Diesen Trend bemerken wir auf jeden Fall“, meint der Molkereifachmann, „allerdings ist dieser Trend nur auf eine ganz bestimmte Schicht beschränkt. Für den Großteil der Verbraucher steht nach wie vor der Preis an erster Stelle.“ Anja Kersten

Der Betrieb Lipp

Andrea und Johann Lipp bewirtschaften einen konventionellen Milchviehbetrieb mit 23 Milchkühen und 15 Hektar Grünland in Stelle in Rückholz.

Die gesamte Milch wird jeden zweiten Tag in der hofeigenen Käserei verarbeitet. Insgesamt werden 13 t Rohmilch aus der silofreien Milch pro Jahr produziert. Vermarktet wird der Käse ausschließlich über den Hofladen. Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag von 9 bis 12 Uhr und von 17 bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 9 bis 12 Uhr.

Im Winter wird der Käse auch online vermarktet. Jeden Donnerstag findet um 11 Uhr eine öffentliche Führung statt, einmal in der Woche am Dienstag das Raclette-Essen. Bei beiden Veranstaltungen ist eine Anmeldung nötig. Führungen und Raclette-Essen für Gruppen sind nach Absprache möglich. Nähere Informationen unter Tel. 08369-361 oder im Internet: www.hofkaeserei-lipp.de.