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Bilanz

Zu wenig Nachfrage für die „Marktschwärmer“

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Anja Kersten
am Freitag, 26.11.2021 - 13:47

Das Konzept der „Marktschwärmerei“ könnte etwas mehr Zuspruch vertragen. In Bayern gibt es bislang 22 aktive Schwärmereien.

Erzeuger und Verbraucher zusammenzubringen und damit einen nachhaltigeren Konsum und Regionalität zu fördern, das ist die Idee von „Marktschwärmer“. Und so geht das: Über eine digitale Plattform kann der Verbraucher Lebensmittel bei unterschiedlichen regionalen Landwirten und Erzeugern bestellen. Diese Plattform stellt die Firma Marktschwärmer zur Verfügung. Die Erzeuger liefern die Lebensmittel oder Waren, meist einmal in der Woche, zu einer festgelegten Zeitspanne an einen bestimmten Platz. Dabei sind sie selbst vor Ort. Für die Anlieferung und Abholung stellt eine so genannte Gastgeberin oder ein Gastgeber einen Standort zur Verfügung. Die Bezahlung erfolgt über das Internet. Die Preise legen die Erzeuger selbst fest.

In Bayern gibt es nach Auskunft der Marktschwärmerei in Berlin 22 aktive Schwärmereien, darunter acht in Oberbayern, eine davon in Landsberg am Lech. In Schwaben sind drei im Aufbau befindlich, in Ottobeuren, Augsburg und Steindorf. Eine Marktschwärmerei in Mindelheim wurde kürzlich geschlossen.

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„Das schwierigste war nicht Lieferanten, sondern einen Standort zu finden“, sagt Sabine Klaumünzner, die seit April Gastgeberin für eine Marktschwärmerei in Landsberg am Lech ist. Ein Landwirt aus Landsberg stellte ihr schließlich im Landsberger Osten einen Platz mit Unterstand zur Verfügung. Seit November findet die Verteilung im Bistro einer der Lieferanten, der Metzgerei Jakob aus Landsberg, statt.

Lieferanten aus der Umgebung zu finden, sei dagegen relativ leicht gewesen. Klaumünzer war selbst erstaunt, wie viele Landwirte und regionale Anbieter gleich mitgemacht haben. „Ich finde die Idee gut, denn es ist eine neue Art der Vermarktung“, meint Barbara Wiedemann vom Straußennest Wiedemann in Hofstetten, die Nudeln, Straußenfleisch und -wurst anbietet und spricht damit aus, was auch die anderen Anbieter dazu bewegt hat, bei der Marktschwärmerei mitzumachen.

Ein erfolgsversprechendes Konzept

„Im Internet bestellen ist heute selbstverständlich“, sagt etwa Martin Klas von der Bäckerei Klas aus Hofstetten. Man könne mit der Familie seinen Einkauf online planen, in Ruhe die Produkte aussuchen und dann den Einkauf bei der Marktschwärmerei abholen. Er sei zuversichtlich, dass dieses Konzept Erfolg hat, meint auch Michael Rink, der selbst gebrautes Bier anbietet.

Die Erzeuger bestimmen selbst, was sie auf die Plattform von Marktschwärmer stellen und zum Verkauf anbieten wollen. Ihre Produkte müssen sie selbst auf der Plattform einstellen und dabei auch die Preise festlegen. Der Kunde wählt aus dem Angebot, bestellt und holt die Ware dann, wie in Landsberg, am übernächsten Tag in einem bestimmten Zeitfenster, aktuell 1,5 Stunden, und an einem Ort ab. Bezahlt wird online. 81,65 % seiner Einnahmen abzüglich Steuern bleiben beim Erzeuger, den anderen Anteil erhält der Gastgeber der Schwärmerei und das Marktschwärmer-Team.

Regionalen Erzeugern ein Gesicht geben

Das Prinzip gleicht dem eines Online-Shop mit einem wesentlichen Unterschied: Die Kunden holen ihre bestellte Ware nicht nur ab, sondern die Erzeuger geben die bestellten Waren vor Ort am Standpunkt der Gastgeberin aus.

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„Bei den Marktschwärmern soll den regionalen Erzeugern ein Gesicht und ein Sprachrohr gegeben werden“, umschreibt Sabine Klaumünzner das, was die Marktschwärmer von einer Online-Bestellung im Supermarkt unterscheidet. Da bleibe immer noch ein bisschen Zeit für ein Gespräch, seinen Betrieb und die Anbaumethoden vorzustellen oder, wenn es Corona wieder zulässt, auch für eine kleine Verkostung. So wie an diesem Donnerstag als Michaela Jakwerth von d´Gmiasbaura aus Türkheim Hanf zum Knabbern und Selbstgebackenem mit Hanf einlädt. Und ganz nebenbei ergibt sich dann das eine oder andere Gespräch.

Gemüse, Fleisch, Nudeln, Mehl, Eier, Fisch, Aronia-Produkte, Honig, Öl, Hanfprodukte und Bier – das ist im großen und ganzen das derzeitige Angebot der Marktschwärmerei in Landsberg. Insgesamt sind auf der Seite 16 Erzeuger mit insgesamt 280 Produkten gelistet. Registriert bei den Marktschwärmern als Mitglieder sind laut Aussagen von Sabine Klaumünzner derzeit 470. Einige davon bestellen jede Woche, viele jede zweite bis dritte Woche. Die Mitglieder zahlen keinen Mitgliedsbeitrag. Es gibt keinen Mindestbestellwert.

Unnötige Fahrten einfach vermeiden

Das Konzept lebt von der Vielfalt des Angebots, denn dahinter steht auch die Idee, regionale Produkte an einem Standort zu bündeln und unnötige Fahrten von einem Direktvermarkter zum anderen zu vermeiden. Momentan aber achte sie noch darauf, dass sich das Angebot der Erzeuger nicht überschneidet, damit die Anbieter sich nicht gegenseitig Konkurrenz machten. Je mehr Kunden und je größer die Nachfrage, desto mehr Erzeuger könnten natürlich mitmachen, sagt die Gastgeberin.

Die Idee, saisonale, regionale Produkte und nachhaltige Produkte anzubieten, ist gut, da sind sich die Direktvermarkter und Kunden einig. Denn angeboten wird wirklich nur das, was aus der Region um 40 km kommt. Das heißt aber auch, dass es im Winter eben keine Tomaten gibt, sondern nur saisonales Wintergemüse. „Dem Verbraucher soll damit wieder bewusst werden, was in welcher Jahreszeit Saison hat“, zählt die Gastgeberin ein Prinzip der Marktschwärmerei auf.

„Mir ist es wichtig, regional und saisonal einzukaufen“, meint dann auch eine Kundin und gibt einen Karton, in dem die Tomaten verpackt waren, an Max Hauser vom gleichnamigen Biohof in Großaitingen zurück. Anders als bei einem Einkauf im Supermarkt spare sie sich hier die Verpackung. Mehr Auswahl wünscht sich eine andere Kundin. Ein Anbieter mit Käse und Milchprodukten, sei abgesprungen. Jetzt suche sie nach Ersatz. Generell suche sie nach weiteren Anbietern, besonders mit Obst, Gemüse und Kräutern. Wild und weiteren Fisch möchte sie ebenfalls in das Sortiment aufnehmen. Auch Nischenprodukte, wie zum Beispiel Quinoa, seien willkommen.

Mangelndes Angebot an Obst

Das mangelnde Angebot an Obst sehen auch die teilnehmenden Direktvermarkter als Manko. Es fehle an Waren des täglichen Bedarfs. Denn damit die Sache für sie rentabel sei, müssten auf jeden Fall mehr Kunden kommen. „Es wird einfach zu wenig angenommen“, bedauert Beatrix Wallner vom Biohof Wallner in Landsberg. Max Hauser meint knapp: „Ich bin zwar zufrieden, aber es könnte auf jeden Fall besser sein.“

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Der Anfang im April und Mai wäre gut gewesen. Als dann die Restaurants wieder aufmachen durften, wären die Leute wieder mehr essen gegangen und die Nachfrage hätte spürbar nachgelassen. Auch die Sommerferien führten dazu, dass weniger bestellt worden wäre und auch jetzt wäre man nicht mehr auf dem Niveau von April oder Mai, beschreiben die Direktvermarkter die Entwicklung. Das kann Sabine Klaumünzner bestätigen. Angefangen hätten sie mit wöchentlich 50 bis 70 Bestellungen, momentan wären es 25 Bestellungen. Ihr Ziel wären 50 bis 60 Bestellungen.

Dass er als Anbieter keine Retoure hat, das wäre für ihn auf jeden Fall ein Vorteil, erklärt Bäcker Martin Klas. Auch Gemüsebauer Max Hauser sieht das im Sinne der Nachhaltigkeit positiv. Da müsse man nichts wegschmeißen. Die Leute überlegen sich vorher, was sie haben wollen. Da entfallen Spontankäufe. Das ist aber nur die eine Seite. „Den Leuten fehlt bei dieser Art des Einkaufens das Einkaufserlebnis“, nennt Martin Klas einen möglichen Grund für die verhaltene Nachfrage. Wenn man in der Stadt auf dem Markt einkaufe, könne man sich inspirieren lassen, treffe vielleicht den einen oder anderen Bekannten und müsse sich nicht vorher schon festlegen.

Als Händler finde er das Bezahlsystem über die Plattform gut, führt Martin Hauser einen Vorteil für sich an. Vielleicht aber schrecke genau die Art der Bezahlung ältere Kunden ab, überlegen die anderen Direktvermarkter. Gut sei die Idee auf jeden Fall und manche Dinge bräuchten einfach Zeit, da sind sich die Händler einig oder wie Martin Klas es treffend formuliert: „Bis der Verbraucher sein Verhalten ändert, dauert es.“