Jahresversammlung

Dem Weizen fehlt Stickstoff

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Dr. Michael Ammich
am Freitag, 11.06.2021 - 08:07

Bei der Erzeugergemeinschaft für Qualitätsgetreide Aislingen/Bibertal sieht man jetzt die Sortenzüchter am Zug.

Die Preise für Getreide, Mais und Raps sind kräftig gestiegen, was das eine Auge glänzen lässt. Zugleich macht es die neue Düngeverordnung schwieriger, hochwertigen Winterweizen zu erzeugen, was das andere Auge weinen lässt.

Ein hoher Proteingehalt, wie er von den Verarbeitern erwartet wird, kann bei einer verminderten Stickstoffdüngung nur auf Kosten des Ertrags erreicht werden, sagte Dr. Lorenz Hartl von der Landesanstalt für Landwirtschaft auf der Online-Jahresversammlung der Erzeugergemeinschaft für Qualitätsgetreide Aislingen/Bibertal. Sorten mit einem hohen Proteingehalt gehen nun einmal mit einem geringeren Ertrag einher.

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An seinem heimischen PC konnte Herbert Riehr rund 90 zugeschaltete Gäste begrüßen. Trotz Corona sei die EG im vergangenen Jahr so aktiv wie immer gewesen, um am Markt das Beste für ihre Mitglieder herauszuholen, versicherte der EG-Vorsitzende.

Es sei zu hoffen, dass der eine oder andere Landwirt während der aktuellen Hochpreisphase noch zu Abschlüssen kommt. Zugleich gehe es darum, bereits den Anbau für das nächste Jahr zu planen. Die Vermarktung der Ernte 2020 sei gut gelaufen und die Verarbeiter konnten ausreichend mit Ware versorgt werden.

Zu den hohen Preisen hat Riehr zufolge auch die starke Konjunktur in den USA in Verbindung mit niedrigen Zinsen beigetragen. „Das zieht das Kapital an“, so dass die Rohstoffpreise immer weiter stiegen. „Aber dass sie solche Dimensionen annehmen, hat wohl niemand von uns erwartet.“

Die Züchter sind gefordert

Die Befürchtungen der Landwirte, dass sich aufgrund der eingeschränkten Düngung kaum mehr Qualitätsweizen erzeugen lässt, hätten sich bewahrheitet, stellte der Vorsitzende fest. Jetzt seien die Züchter gefordert, sich um neue Getreidesorten mit einem geringeren Stickstoffbedarf zu kümmern.

Auf Seiten der Verarbeitern sei es wiederum an der Zeit, sich etwas anderes einfallen zu lassen, als den Qualitätsweizen vor allem nach seinem Proteingehalt zu bewerten. Das müsse auch jedes andere Glied in der Wertschöpfungskette begreifen. Riehr schlug vor, bereits Weizen mit einem Proteingehalt von 12 % als Qualitätsweizen einzustufen.

„Die Züchtung wird schon alles richten“ – so einfach ist das nicht, gab Dr. Lorenz Hartl vom LfL-Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung zu bedenken. Der A-Weizen stelle in Bayern den größten Teil der Weizenproduktion, nachdem sich hier nach wie vor gute Qualitäten erzeugen lassen.

Freilich sei der Kornertrag vor allem in den Roten Gebieten deutlich geringer geworden, ebenso Kleber und Backvolumen – und das über alle geprüften Sorten hinweg. Anderes sei nach dem Zurückfahren der Stickstoffdüngung auch nicht zu erwarten gewesen.

Als Beispiele für Weizen mit einem guten Backvolumen, aber schwächeren Proteingehalt führte Hartl die Sorten „Genius“, „Patras“ und „Asory“ an. Letzterer zeige mit seinen immerhin 12 % Proteingehalt einen echten Züchtungsfortschritt.

Ein langwieriger Prozess

„Aber Qualität kostet“, sagte Hartl – in diesem Fall einen hohen Ertrag. Gleichwohl gehe das Bemühen der Züchter dahin, sowohl den Ertrag als auch den Proteingehalt beim Weizen zu steigern. Das sei allerdings ein langwieriger Prozess. Derzeit sei es schwierig, A-Weizen mit geringen Proteingehalten am Markt umzusetzen, räumte Hartl ein. Die Mühlen forderten nämlich nach wie vor hohe Proteingehalte. Deshalb sollten die Anbauer Sorten einsetzen, die trotz ihrer geringeren Erträge hohe Proteingehalte aufweisen, beispielsweise „KWS Emerick“ mit 13,6 % oder „Patras“ mit 13 %. Allerdings sei die Sorte „Patras“ mittlerweile in die Jahre gekommen und damit zunehmend krankheitsanfällig.

Die Landwirte müssten jetzt überlegen, ob sie beim Weizenanbau im Qualitätssegment bleiben wollen und der Markt die entsprechenden Qualitätszuschläge hergibt. Neben der Wahl von Sorten mit hohem Proteingehalt gelte es natürlich auch, auf Fusarienresistenz und Standfestigkeit zu achten.

Ob sich unter der neuen Düngeverordnung überhaupt noch Elite-Weizen erzeugen lässt, stellte Hartl infrage. Derzeit gebe es noch viel guten Backweizen auf dem Markt, so dass die Abnehmer gar nicht erst an höhere Qualitätszuschläge denken. Diese decken aktuell gerade noch die Produktionsmehrkosten.

Der Dillinger BBV-Kreisgeschäftsführer Eugen Bayer erinnerte daran, dass ein Proteingehalt von 12,5 bis 13 % für die Verarbeiter und die Industrie völlig ausreichend sei. Deshalb ermunterte er die Landwirte dazu, lieber ertragreiche Sorten anzubauen, die mindestens 12,5 % Protein enthalten. Dann gleiche nämlich der Mehrertrag die fehlenden Qualitätszuschläge aus.

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Thomas Gerstmeier vom AELF Augsburg stellte den Landessortenversuch am Standort Günzburg mit den E-Weizensorten „Axioma“, „Moschus“ und „KWS Emerick“ sowie den A-Weizensorten „Apostel“, „Asory“, „Patras“ und „RGT Reform“ vor. Die Günzburger Versuchsfläche befindet sich in einem Hochertragsgebiet mit einem für 2021 erwarteten Ertragsniveau von 110 dt/ha. Im Versuch wurde nach Maßgabe der für die Roten und Grünen Gebiete vorgeschriebenen Obergrenzen für die Stickstoffdüngung gedüngt. Geplant sind drei bis vier Stickstoffgaben, die jeweils verringert werden.

Bislang zeigten sich im Versuch beim Monitoring auf Krankheiten keine Auffälligkeiten, erklärte Gerstmeier. Die kühle und feuchte Witterung im April und Mai hat die Entstehung von Krankheiten ausgebremst. „So gesehen ist der Vegetationsrückstand von zweieinhalb Wochen eher positiv einzuschätzen.“

Der geringe Krankheitsdruck sei aber auch dem züchterischen Fortschritt zu verdanken. Die Winterweizen-Bestände stehen im Versuch bislang jedenfalls sehr schön dicht und gleichmäßig. „Da passt alles.“ Selbst der Befall mit Septoria tritici sei nur sehr gering. Zu sehen seien heuer jedoch gelbe Kälte- und Stressflecken, die der Landwirt keinesfalls mit dem Gelbrost verwechseln sollte.

Auch beim Dinkel gebe es am Versuchsstandort Günzburg keine Probleme mit Septoria tritici, Gelb- oder Braunrost. Allerdings könnte sich bei anfälligen Sorten heuer durch den vielen Regen vermehrt Mehltau entwickeln. „Insgesamt darf der Landwirt entspannt auf seinen Dinkel blicken“, schloss Gerstmeier.

Eine rasante Preisentwicklung

Anton Huber warf einen Blick auf die Märkte. Der Referent für Getreide und Ölsaaten im BBV-Generalsekretariat zählte mehrere Gründe für die rasante Preisentwicklung bei Weizen und Raps auf:

  • In der EU, besonders in Frankreich und Rumänien, war die Weizenernte im vergangenen Jahr rückläufig.
  • Durch den Export in den Mittleren Osten, nach Südostasien, China und Nordafrika wurden die EU-weiten Lagerbestände abgebaut.
  • Im Vergleich zum Dollar gewann der Euro an Wert, was jedoch die Konkurrenzfähigkeit des EU-Weizens auf dem Weltmarkt nicht schmälerte.
  • 38 % des weltweiten Gesamtverbrauchs an Weizen liegen derzeit in Lagern, so dass die Versorgung zunächst gesichert ist.
  • Die Nachfrage nach Mais wird 2021 voraussichtlich über der Produktion liegen. Seit 2018 verbraucht China mehr Mais als es produziert.
  • Die kühle und feuchte Witterung, Frost- und Sturmschäden in den USA, die Trockenheit in Russland, den USA und Argentinien führen zu geringeren Maisernten.
  • China hat aufgrund der Afrikanischen Schweinepest die Verfütterung von Speiseabfällen verboten, was die Maisnachfrage stärkt.
  • Die Endbestände an Weizen, Mais und Ölsaaten haben sich weltweit verringert.
  • Russland erhebt eine Exportsteuer auf Getreide, schränkt die Ausfuhren ein und exportiert damit weniger als im Vorjahr.
  • Die USA haben sich wieder auf den Klimaschutz besonnen und mischen den Kraftstoffen als Beitrag zur Kohlenstoffdioxid-Reduktion Bioethanol bei.
All diese Faktoren haben den Weizenpreis nach oben getrieben. Außerdem sorgt spekulatives Kapital an den Börsen für Kursausschläge.
Auch beim Raps wurden die weltweiten Lagerbestände abgebaut, so dass sie Mitte Mai nur mehr für 27 Tage reichten. In der EU liegt die Rapsproduktion deutlich unter dem Verbrauch, was für eine hohe Importquote sorgt. Besonders viel Raps wird aus Kanada eingeführt, das heuer jedoch ebenso wie Frankreich eine schwache Ernte erwartet. „Das führt zu einem angespannten Markt mit Rekordpreisen“, erklärte Huber.
In seinem Kassenbericht vermerkte EG-Geschäftsführer Josef Mahl unter anderem die stattliche Einnahme von 100 000 € aus dem Verkauf eines halben Anteils an der Bayernhof Erzeugergemeinschaften Vetriebs-GmbH. Damit stieg das Gesamtvermögen der EG Aislingen/Bibertal zum Jahresende 2019 auf rund 130 000 €. „Die Bayernhof GmbH bleibt aber weiterhin ein guter Partner unserer Erzeugergemeinschaft“, versicherte Vorsitzender Herbert Riehr. Bislang gebe es noch keine Pläne, den Erlös aus dem Anteilsverkauf zu investieren, wurde informiert.