Brauchtum

Weihnachtskrippe: Gehegt und gepflegt

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Anja Kersten
am Mittwoch, 23.12.2020 - 16:00

Eine äußerst filigran gearbeitete Krippe von Josef Wiegel ist auf dem Hof von Familie Miller in Billenhausen, Lks. Günzburg, zu sehen.

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Die Überraschung war groß als Marlies Miller, ehemalige Bäuerin aus Billenhausen die kleine Zigarrenschachtel aufmachte. Ihr vor sieben Jahren verstorbener Mann Max hatte sie 1991 als einer von 28 Erben seines Onkels Otto Miller bei einer Teilungsversteigerung in Memmingen gekauft. „Kreuz und quer lagen die Figuren in der Schachtel“, kann sich Marlies Miller noch immer über den achtlosen Umgang mit den Figuren empören. Vor allem weil sie und ihr Mann beim genauen Hinsehen erstaunt feststellten, das es sich um Figuren des schwäbischen Krippenschnitzers Josef Wiegel handelte.

Zu gewisser Berühmtheit gelangt

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Beide kannten sie die Krippenfiguren von dem zu einiger Berühmtheit gelangten 1845 in Burgau geborenen Wiegel, der später nach Augsburg gegangen ist. „Mein Schwiegervater stammte aus der Zitherbäckerei in Krumbach. Sein Großvater hatte 1870 seiner Frau eine Krippe mit Figuren von Josef Wiegel geschenkt. Für uns hieß diese Krippe fortan Zitherbäckkrippe“.

Nun erzählt Marlies Miller was die Wiegel-Krippe mit ihrer Familie zu tun hat. Die „Zitherbäckkrippe“ mit viel größeren Figuren steht bei ihrem Sohn Max Miller. Der Hof des Landwirts steht nur einige Meter vom Haus der Mutter entfernt. Die Miniaturausgabe der Wiegel-Krippen mit 92 Figuren steht bei Marlies Miller und wird seit dem Fund jedes Jahr an Weihnachten aufgebaut. Denn die Figuren aus Lindenholz sind mit ihren zwei Zentimeter winzig. Manche der Figuren sind sogar so klein, dass der Schnitzer sie mit einem kleinen Drahtstift ausgestattet hat, mit der man sie in der Krippenlandschaft festmachen kann.

Figuren lassen Mimik erkennen

Trotzdem kann man an allen Figuren eine Mimik erkennen, bis in die kleinste Feinheit sind sie sorgfältig gearbeitet wie bei dem Soldaten, der einen Speer trägt, den Ziegen mit den geschwungenen Hörnern, deren Hörner Tierkrallen sind oder dem Hirten, der ein Schaf auf dem Rücken trägt. Beim genauen Hinschauen fällt dann noch etwas anderes auf. Die Figuren sind hinten kleiner als vorne, sodass eine Perspektive entsteht. Das Geschehen scheint weiter weg zu sein. Da mag es nicht überraschen, dass die heilige Familie im Vordergrund steht, die Hirten eher schwäbisch gekleidet sind.

Dass Josef Wiegel ursprünglich einmal den Beruf Maurer gelernt hat, kann man an den perfekten Schnitzereien nicht erahnen. Er muss mit einer Lupe gearbeitet haben, so fein sind die Linien ausgeführt. Eine Schnitzerschule besucht oder gelernt hat der Maurer aus Schwaben dieses Handwerk nie. Die Begeisterung für das Schnitzen hatte er wohl von seinem Vater, gleichfalls Maurer und begeisterer Schnitze.

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Doch sein Sohn hat es mit seiner besonderen Fähigkeit und Gabe gar so weit gebracht, dass er heute unter Krippenfreunden eine Berühmtheit ist. Zu Lebzeiten war ihm dieser Ruhm nicht beschieden. Mit 17 Kindern, von denen nur acht überlebten, wohnte er mit seiner Frau arm in Augsburg, wo er 1918 starb.

Krippenberg für die Wiegel-Figuren

Die Geschichte von Marlies Miller und den wiederentdeckten Krippenfiguren war übrigens nach dem freudigen Fund in der Zigarrenschachtel noch nicht zu Ende. Denn dort, wo Figuren sind, musste eigentlich auch ein von Josef Wiegel gestalteter Krippenberg sein, so die Überlegungen von ihrem Mann und ihr. So stieg ihr Mann nach dem Erwerb der Wiegel-Figuren auf den Dachboden seines verstorbenen Onkels. Schließlich fand er den Krippenberg für die Wiegel-Figuren, voll mit Schmutz, aber noch in einem Zustand, in dem man ihn retten konnte, erzählt Marlies Miller. Das haben sie getan und dürfen sich seit dieser Zeit an dieser Krippe erfreuen, die, selbstverständlich für die Familie, nicht verkäuflich ist. Interessierten Besuchern wird die Krippe aber gern gezeigt.