Rinder

Weidehaltung - vorwärts in die Vergangenheit

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Michael Ammich
am Dienstag, 06.11.2018 - 08:37

Verein zur Förderung naturnaher Weidelandwirtschaft plädiert für ein Umdenken in der Landwirtschaft.

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Früher war immer alles besser. Diesen Eindruck könnte der Verbraucher gewinnen, wenn er den Ausführungen der Naturschützer zur Landwirtschaft folgt. Die Kühe und Schweine standen auf der Weide und in den Hutewäldern, wo sie durch das selektive Fressen und ihren Dung für das ungehinderte Wachsen von Orchideen und die Entfaltung einer hoch diversen Insekten- und Vogelwelt sorgten. Auf den Triebwegen transportierten die Tiere in ihrem Fell über weite Strecken Pflanzensamen und sicherten auch dadurch die Verbreitung und den Erhalt der Wildpflanzenbestände. In seinem Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Respektive Natur“ der Natur- und Kulturstiftung Schwäbisches Donaumoos warf Dr. Alois Kapfer in Leipheim einen kritischen Blick auf die Entwicklung der Viehhaltung im Allgemeinen und der Weidehaltung im Besonderen.
Kapfer setzt sich seit vielen Jahren als Vorsitzender des Vereins zur Förderung naturnaher Weidelandschaften Süddeutschlands für ein Umdenken in Richtung alter, naturverträglicher Formen der Viehwirtschaft ein. „Am Anfang war die Weide – auch bei uns! Von der Bedeutung von Hirten und Herden in Geschichte und Gegenwart“ war sein Vortrag überschrieben, der eine stattliche Anzahl von Besuchern in den Leipheimer Zehntstadel lockte. Begrüßt wurden sie dort von Dr. Ulrich Mäck. Der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Schwäbisches Donaumoos stellte den Referenten vor, der heute in Tuttlingen als Agraringenieur und Landschaftsplaner arbeitet. Kapfer stammt aus dem Dorf Demmingen auf der Schwäbischen Ostalb im Grenzbereich der Landkreise Dillingen, Donau-Ries und Heidenheim. Seit Anfang der 90er-Jahre beschäftigt er sich mit der Beweidung unter dem Aspekt des Naturschutzes, in den er auch die Wirtschaftlichkeit für die Landwirtschaft miteinbezieht. „Bei der Beweidung von ökologisch sensiblen Flächen gehen die Meinungen im Kreis der Naturschützer auseinander – von schlecht bis sehr gut“, räumt Mäck ein. Er weist darauf hin, dass auch die Arge Schwäbisches Donaumoos seit einigen Jahren Weideprojekte in dieser großartigen Natur- und Kulturlandschaft betreibt. Derzeit steht die Gründung eines Weidevereins im Raum, der die Landwirtschaft bei der naturnahen Beweidung unterstützen soll.

Blick in die Geschichte

In seinen Recherchen zur Entwicklung der Weidewirtschaft in den vergangenen Jahrtausenden stellte Kapfer fest, dass ehedem auch in Nordschwaben die Dörfer von Viehweiden umgeben waren. Bereits in der Eiszeit vor rund 30 000 Jahren grasten Rentiere, Mammuts, Wiesente, Elche, Wildpferde und Hirsche ohne menschliches Zutun auf den damals nahezu baumlosen Flächen der Schwäbischen Alb und wurden dort von den altsteinzeitlichen Sammlern und Jägern gejagt. Als der Mensch vor rund 5500 Jahren sesshaft geworden war, begann er domestizierte Tiere, die meist aus dem asiatischen Raum stammten, auf Weiden zu halten. Auch in der Jungsteinzeit, in der die Menschen erstmals Ackerbau betrieben, wurde die Weidehaltung beibehalten. Auf den Weiden standen damals zu nahezu gleichen Anteilen Rinder, Schweine und Schafe mit Ziegen.
Bereits bei den Germanen lassen sich große Tierbestände nachweisen. Im frühen Mittelalter zur Zeit der Alemannen entwickelte sich eine noch dünne Besiedlung mit kleinen Weilern, deren Mittelpunkt jeweils ein Herrenhof bildete. Die Tiere aus diesen Fronhöfen weideten im „Brühl“ und die Zugtiere auf dem „Espan“. Häufig diente aber auch das Niemandsland wie der Wald, Heiden oder Berge, das zu keinem herrschaftlichen Besitz gehörte, als Weidefläche. Da die Tiere damals sehr robust waren, genügte ihnen im Winter bei Futtermangel getrocknetes Laub als Grasersatz. Noch heute finden sich in manchen Wäldern mächtige Buchenstämme, die knapp über Kopfhöhe der Weidetiere abgeschnitten wurden, um mittels dieser „Kopfbaumwirtschaft“ Futterlaub zu gewinnen.

Wandel im Mittelalter

Zu einem grundlegenden Wandel in der Viehwirtschaft kam es im Hochmittelalter, als die Bevölkerungszahl stark zugenommen hatte und günstige klimatische Bedingungen herrschten. Die Siedlungsfluren vergrößerten sich, die Weiler wurden zu Dörfern und die Fronhöfe in mehrere Einheiten aufgeteilt, die jeweils von abgabepflichtigen Bauern bewirtschaftet wurden. Die Dreifelderwirtschaft etablierte sich: Auf großen Teilflächen der Gemeinden wurden wechselsweise zu jeweils einem Drittel Winter- und Sommergetreide angebaut, das restliche Drittel zur Brache umgeackert. Die Weidehaltung war durchdacht in die Dreifelderwirtschaft integriert, da sie sich nur auf größeren Flächen durchführen ließ. Beaufsichtigt wurde das Weidevieh von angestellten Hirten. In den großen Dorfherden liefen Pferde, Ochsen, Kühe, Kälber, Schafe und Ziegen mit. Die Weiden waren von mobilen Holzzäunen umgeben.
Bis in das 19. Jahrhundert hinein begann die Weidesaison mit der Frühjahrsvorweide Ende Februar bis April auf den Wiesen. Das Winterfutter war knapp, deshalb sollte die Einstallungszeit so kurz wie möglich sein. Wiesen gab es damals vor allem auf nassfeuchten Standorten, wo kein Getreide gedieh. Nach der Frühjahrsvorweide waren die Wiesen für das Vieh „gebannt“, damit sich der Grasbestand erholen und später daraus Heu für die Winterfütterung gewonnen werden konnte. Das Vieh wurde auf den Anger, die dorfnahe Allwetterweide, getrieben. Auf den Angern standen oftmals Bäume, um eine Mehrfachutzung zu ermöglichen. Nach der Angerweide dienten die Brachflächen der Dreifelderwirtschaft als nächste Futterreserve. Zugleich waren die Brachen ein bedeutender Lebensraum für Wildtiere wie Rebhühner, Hasen, Vögel und Insekten. „Diese Brachen sind es, die uns heute so sehr fehlen“, bedauert Kapfer.
Weitere Sommerweiden waren die Auen entlang von Flüssen wie der Donau, aber auch Moore wie das Schwäbische Donaumoos. Auf einschnittigen Wiesen durfte sich das Vieh erst wieder ab Juli aufhalten. Danach ging es zur Stoppelweide auf den abgeernteten Getreidefeldern. „Dort wuchs noch jede Menge Futter, weil damals ja noch nicht alles totgespritzt wurde“, stellt Kapfer fest. Im Herbst erfolgte die Nachweide der Wiesen. Auch die Magerrasen und Wacholderheiden der Schwäbischen Alb wurden nicht nur wie heute von Schafen, sondern auch von Rindern beweidet.
So fand also über das Jahr und die gesamte Gemarkung der Dörfer hinweg eine Beweidung statt. Auf ihrer großräumigen Wanderung von Weidefläche zu Weidefläche und auf den Triebwegen zu den großen Viehmärkten in der näheren und weiteren Umgebung transportierten die Nutztiere in ihrem Fell viele Pflanzensamen mit oder schieden diese nach dem Fressen wieder aus. Das sorgte für die Verbreitung und den Erhalt einer vielfältigen Flora. „Die Beweidung hat einen Riesen-Einfluss auf die Biodiversität“, betont Kapfer. Auf den Weiden lassen die Tiere viele Pflanzen stehen, die dann wiederum ein Lebensraum und eine Nahrungsquelle für Insekten und Vögel sind. Auch der Dung der Weidetiere bildet die Lebensgrundlage vieler Insektenarten. „So ergibt sich eine extrem große Artenvielfalt auf kleinstem Raum.“
Die alten Dorfordnungen schrieben vor, dass jeder Bauer nur so viel Vieh halten durfte, wie er es mit seinen Vorräten aus dem Sommer durch den Winter bringen konnte – ein frühes Zeugnis nachhaltigen Wirtschaftens. Schweine wurden im Mittelalter nur selten gehalten, weil sie als Nahrungskonkurrent des Menschen galten. Das Schwein frisst alles, was auch der Mensch isst. Die Wiesen waren für Schweine tabu, weshalb die Borstentiere zur Weide in die Wälder getrieben wurden.
Der große Bruch in der Geschichte der Weidehaltung erfolgte mit der Aufklärung zu Beginn des 19. Jahrhunderts, erklärt Kapfer. Der ackerbauliche Anbau von Futterpflanzen und die ganzjährige Fütterung der Nutztiere im Stall führten zur Aufgabe der Hutweide, einem Verbot der Waldweide und zum Ende der Mehrfachnutzung ein und derselben Fläche, die nunmehr einer intensiven Einfachnutzung unterlag. „Mit ihrem seit fast zwanzig Jahren laufenden Projekt der naturnahen Moorweide hat die Arge Schwäbisches Donaumoos eine Jahrtausende alte Tradition wiederentdeckt.“