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Milchviehhaltung

Weidegras als wichtigstes Futtermittel

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Eberhard Westhauser
am Mittwoch, 09.02.2022 - 08:12

Inwiefern unterscheidet sich die Milchviehhaltung und Weidewirtschaft in Irland von der in Deutschland? Ein Seminar gibt Einblicke.

Die Landwirtschaft in den europäischen Ländern unterscheidet sich. Es gibt verschiedene Voraussetzungen und Bedingungen – und unterschiedliche Wege, wie Landwirte darauf reagieren. Ein Seminar, veranstaltet von Enterprise Ireland und Dairymaster, über Milchviehhaltung und Weidewirtschaft in Irland, gab dazu einen aufschlussreichen Einblick.

„Das Gold der Grünen Insel aus irischer Weidemilch“ – so wirbt Kerrygold für seine Produkte. Diese Werbung ist nicht nur produktorientiert, sondern stellt die Herkunft der Milch in den Mittelpunkt. Nämlich von den „Kerrygold Farmern, für die Milchviehhaltung nicht nur ein Beruf ist, sondern lebenslange Leidenschaft“. Es geht dabei um die saftigen Weiden, auf denen die Kühe aufgrund des speziellen irischen Klimas fast das ganz Jahr gehalten werden.

„So vieles ist in Irland anders“, stellte Sophie Helene Evers, Doktorandin am University College Dublin, bei ihren Ausführungen heraus. Bereits die wenigen Kennzahlen verdeutlichen dies: In Irland gibt es etwa 1,5 Mio. Milchkühe, der Anteil an Dauergrünland beträgt etwa 75 %. Die Milchleistung liegt deutlich unter der in Deutschland (vgl. Tabelle oben).

Gemäßigtes Hochseeklima

Dann herrscht in Irland, das etwa so groß ist wie Bayern, ein gemäßigtes Hochseeklima. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt je nach Region zwischen 8 und 11 Grad C. Im Schnitt fallen zwischen 800 – 1200 mm Niederschlag, im Westen Irlands sogar bis zu 2800 mm. Die Winter sind mild mit nur wenigen oder gar keinen Frosttagen.

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Das bedeutet, dass an rund zehn Monaten im Jahr eine Weidehaltung möglich ist. Diese so genannte Vollweidehaltung auf Stand- oder Portionsweiden beschreibt ein Konzept, bei dem Weidegras die Hauptkomponente in der Milchviehfütterung ist. Optimal ist dabei eine Grashöhe von 9 – 10 cm, das dann auf rd. 4 cm abgegrast wird. Die Kühe sind 12 – 24 Stunden auf derselben Weide.

Auch die Milchviehrassen sind den Haltungsbedingungen angepasst. Bei Weideperioden von bis zu 10 Monaten müssen die Kühe robuster und kleiner sein. Es sind oft Kreuzungen von Holsteins mit British Friesians, manchmal auch mit einem „Schuss“ Jersey.

Kraftfutter wird möglichst eingespart

Die Beigabe von Kraftfutter und Silage wird dabei so weit wie möglich reduziert, um die Aufnahme des kostengünstigen Weidegrases nicht einzuschränken. Laut Evers nehmen die Kühe zwischen 17 – 20 kg TM Gras auf. Die Betriebe können so ihre Futterkosten niedrig halten. Es ist die Rede von ca. 0,5 – 1 kg Kraftfutter/Tag im Melkstand ab den frühen Sommermonaten. Vorsicht ist im Frühjahr geboten, wenn das frische Gras einen hohen Gehalt an Rohprotein hat und zu hohem Stickstoffüberschuss im Pansen führt.

Saisonale Kalbung für eine rentable Vollweidehaltung

Ziel der Vollweidehaltung ist eine hohe Flächenproduktivität mit einer maximalen Umwandlung von Weidegras in Milch. Dies erfordert, dass die Kalbung der Kühe im Block erfolgt, die so genannte saisonale Abkalbung. Ab Oktober/November geht das Wachstum auf den Weiden zurück. Das ist die dann die Zeit in der die Kühe, die nicht tragend sind, verkauft werden. Ab Mitte November bis kurz vor Weihnachten werden dann die Kühe sukzessive trockengestellt.

Fütterungsmäßig wird diese Zeit mit hauptsächlich Grassilage, und gegebenenfalls Heu und Stroh überbrückt. Ab Anfang Februar kalben die Kühe dann innerhalb eines bestimmten Zeitraums, meist über 12 Wochen hinweg.

Modernste Technik ist im Einsatz

Ein Dairymaster Swing-Over Melkstand unterstützt das Gesamtkonzept auf vielen irischen Betrieben und auch auf dem Forschungsbetrieb von Evers (Teagasc Moorepark), in dem die Tiere zu Beginn der Laktation beim Melken mit Kraftfutter versorgt werden können. An jeder Melkeinheit befindet sich ein so genannten „Swiftlo Commander“ mit einer visuellen Darstellung von wichtigen Daten, die das Melken, Füttern und die Gesundheit der Tiere betreffen. Nach dem Melken werden die Tiere automatisch selektiert. Zu behandelnde, z. B. zu besamende Tiere, kommen in den Behandlungsstand, welcher ein sicheres Handling der Tiere gewährleistet
Die Iren sind in der Milchviehhaltung nicht nur bekannt für ihre weidebasierte Low-Input Produktion, sondern auch für den Einsatz künstlicher Intelligenz im Stall, beispielsweise dem Melkkarussell von Dairymaster. Der Milcherzeuger kann damit die Melkzeit und die Steuerung von einem Standort aus optimieren. Über eine digitale Schnittstelle namens „Mission Control“ erhält der Bediener einen umfassenden Überblick und die vollständige Kontrolle über den Melkvorgang.

Irisches Weidesystem im Sauerland

Desiree Koldehof von Dairymaster Deutschland stellte einen Milchviehbetrieb im Sauerland vor, der weitgehend das irische System anwendet, d. h. Vollweide auf 13 – 18 ha großen Weiden, mit einer Weidephase von 2 – 3 Wochen, Besamen und Abkalben im Block. Auf den Weiden findet sich überwiegend Deutsches Weidelgras mit Weißklee. Die Weiden sind faktisch frei von Ampfer und Disteln. Wöchentlich wird der Aufwuchs mit dem „Plate Meter“ gemessen.

Die Fruchtbarkeit ist das wichtigste Kriterium zur Selektion. Alle nichttragenden Tiere werden nach der Weidesaison abgegeben. Daher ist eine zuverlässige und auf Weidesysteme kalibrierte Brunsterkennung für Mensch und Tier von zentraler Bedeutung.
Mit einem voll automatisierten Brunst- und Tiergesundheitssystem kann durch Verringerung der Verluste durch versäumte Brunst und unerkannte Gesundheitsstörungen, einer Verbesserung des Fruchtbarkeitsmanagements und der Senkung des Arbeitskräftebedarfs, die Rentabilität auf dem Betrieb erhöht werden.