Soziale Medien

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Günzburg
Patrizia Schalltert
am Freitag, 22.11.2019 - 08:01

Bloggen, twittern, posten - auf der Herbstversammlung der Günzburger Bäuerinnen geht es um die Sozialen Medien.

Günzburg

Kemnat/Lks. Günzburg - Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Statt immer nur in Presse, Funk, Fernsehen und sozialen Medien klaglos Prügel einzustecken, haben Bäuerinnen und Bauern erkannt, dass sie selbst auf der Klaviatur der sozialen Netzwerke spielen müssen, um sich Gehör zu verschaffen. Auf der Herbstversammlung der Günzburger Ortsbäuerinnen zeigte die Rosenheimer Bäuerin und Bloggerin Bettina Hanfstingl, wie sich mit eigenen Beiträgen in Facebook, Instagram & Co die Mainstream-Schere der klassischen Medien umgehen lässt.

Kreisbäuerin Marianne Stelze begrüßte in Kemnat rund 60 Ortsbäuerinnen und ihre Stellvertreterinnen mit einem Video von Bauer Willi zum „Achten Tag der Schöpfungsgeschichte“. Gott sah auf sein geplantes Paradies und sagte: „Ich brauche einen Hausmeister.“ Da schuf Gott den Bauern. „Jede Bäuerin und jeder Bauer darf sich diesen Film zu Herzen nehmen und stolz auf die Arbeit sein, die sie täglich verrichten, auch wenn die Landwirtschaft derzeit unter großer Kritik steht“, ermunterte die Kreisbäuerin ihre Berufskolleginnen zu mehr Selbstbewusstsein.

Stelzle blickte auf die Landfrauenarbeit im vergangenen Sommerhalbjahr zurück. Dabei hob sie den „Kindertag auf Bauernhöfen“ hervor. „Er war ein großer Erfolg, weil wir alle Kindergärten und Schulen, die angefragt hatten, mit einem Bauernhofbesuch bedienen konnten.“ Als Dank für ihr Engagement wurden auf der Herbsttagung mehrere Betriebe, die sich am Kindertag beteiligt hatten, mit einem Gutschein bedacht.

Bauern sind online unterwegs

Öffentlichkeitsarbeit wird von bäuerlichen Familien nicht nur vor Ort gemacht. Inzwischen sind viele landwirtschaftliche Betriebe online unterwegs. In ihrem Vortrag „Mein Hof und ich in den sozialen Medien“, berichtete die „Pflanzenbau-Reporterin“ Bettina Hanfstingl über ihre Erfahrungen mit den sozialen Medien. Die 39-jährige Bäuerin aus dem Landkreis Rosenheim bewirtschaftet mit ihrem Mann einen Nebenerwerbsbetrieb mit 24 Milchkühen und Ackerbau. Nachdem sie in den Hof eingeheiratet hatte, absolvierte die gelernte Chemielaborantin auf dem zweiten Bildungsweg eine haus- und landwirtschaftliche Ausbildung.

„Öffentlichkeitsarbeit wird unterschiedlich definiert“, sagte Hanfstingl. „Deshalb sollte sich jede Bäuerin und jeder Bauer erst einmal fragen: Was will ich eigentlich mit meinem medialen Auftritt bewirken?“ Während die einen Kontakte zu Berufskollegen knüpfen, Kunden gewinnen oder Veranstaltungen auf dem Betrieb bekannt machen wollen, möchten andere ihren Hof und ihre Arbeit darstellen, Imagepflege oder Reputationsmanagement betreiben. „Es gibt einen riesengroßen bunten Strauß an Gründen, weshalb ein Betrieb an die Öffentlichkeit gehen möchte.“ Inzwischen bewegen sich viele Landwirtinnen und Landwirte ganz selbstverständlich in den sozialen Medien. Es gebe allerdings auch Berufskolleginnen und -kollegen, die damit überhaupt nichts zu tun haben wollen.

WhatsApp schilderte Hanfstingl als Gelegenheit zum Posten für Anfänger, Twitter als die Welt in 280 Zeichen, Instagram als ein Onlinedienst zum Teilen von vielen bunten Bildern und Youtube als Videoportal. Der Klassiker des medialen Auftritts sei jedoch Facebook. „Alle diese Onlineplattformen bringen in der Öffentlichkeitsarbeit große Chancen, aber auch Risiken“, sagte Hanfstingl. „Ein großer Vorteil der sozialen Medien ist, dass ich jeden meiner Beiträge ungekürzt und unzensiert veröffentlichen kann. Das ist aber auch eine Macht, die einen verantwortungsvollen Umgang damit erfordert.“

Von anderen dazulernen

Vor fünf Jahren erfuhr Hanfstingl, wie die Berufskollegin und Mentaltrainerin Elke Pelz-Thaller ihren Facebook-Account für den Betrieb nutzt. „Auf ihrer Seite habe ich erstmals gesehen, wie Spargel gepflegt und gestochen wird. Das hat mich stark beeindruckt, weil ich vorher nicht gewusst habe, wie die Spargelernte vor sich geht.“ Diese Erfahrung habe sie nachdenklich gestimmt. „Wer in der Bevölkerung weiß denn heute noch, was wir Bäuerinnen und Bauern auf unseren Feldern überhaupt machen?“

Deshalb hat Hanfstingl auf ihrer privaten Facebook-Seite über einen Zeitraum von zehn Tagen täglich ein bis zwei Fotos über den Grünlandschnitt von A bis Z online gestellt und dokumentiert. „Die Resonanz meiner Facebook-Freunde war sensationell und das Interesse immens.“ Das war der Start von Hanfstingls Unternehmer-Seite „Die Pflanzenbau-Reporterin“. Seiten über die Nutztierhaltung habe es genug gegeben, deshalb habe sie sich für den Pflanzenbau entschieden. „Außerdem schlägt mein Herz für die Arbeit auf dem Acker“. Seither postet die Bäuerin regelmäßig, was auf ihren Feldern und im Grünland übers Jahr geschieht.

„Ich habe mir immer versucht vorzustellen, was mein Gegenüber, das Null-Ahnung von Landwirtschaft hat, interessieren könnte, und welche Fragen im Vordergrund stehen?“ Die Bevölkerung müsse mitbekommen, dass hinter der landwirtschaftlichen Arbeit Menschen stehen, die vom Wetter abhängig sind, und dass nicht immer alles so einfach ist, wie es scheint.

Beiträge kurz halten und bebildern

Anhand ausgewählter Fotos zeigte Hanfstingl, wie sie in den vergangenen Jahren ihren Facebook-Auftritt gestaltet hat. Ihre private Seite habe ihr geholfen, die „Unternehmer-Seite“ zu verbreiten, sodass inzwischen knapp 2500 Abonnenten Hanfstingls Beiträge folgen. Ihnen hat sie beispielsweise erklärt, was es mit den Fahrgassen in den Feldern auf sich hat und weshalb manche am Rand krumm sind. „Eine Herausforderung war es, meinen Lesern zu erläutern, was eine Biogasanlage ist und dass diese nicht mit Brot-, sondern Energiegetreide gefüttert wird.“ Das sei extrem wichtig, weil viele Verbraucher glauben, hier wird ihr tägliches Brot vernichtet.

Zusätzlich zu ihrer Bloggertätigkeit hatte die Bäuerin die Möglichkeit, ihre Fotos und Texte in der Lokalzeitung zu platzieren. Das ging soweit, dass inzwischen Berufskollegen die Bäuerin auf Facebook unterstützen. Auf ihre Hilfe greift sie gern zurück. „Man muss erkennen, wo der eigene Wissensstand zu Ende ist. Ich habe keine Ahnung von Schweinehaltung oder Zuckerrübenanbau, deshalb lasse ich diese Themen auch bleiben.“

Als Hanfstingl vor fünf Jahren ihre Facebook-Unternehmer-Seite online stellte, hatte sie noch nicht auf Kritik reagieren müssen, sondern durfte einfach nur Freude an ihrem Tun haben. „So war es viel leichter, den Menschen etwas über unsere tägliche Arbeit zu erzählen.“ Natürlich sei es damals einfacher gewesen als heute, denn die Lage der Landwirtschaft sei derzeit schon sehr angespannt. Dennoch ist Hanfstingl überzeugt, dass die Verbraucher durchaus zuhören, wenn man freundlich auf sie zugeht, auch wenn das bei den aktuellen Anfeindungen nicht immer leicht sei. 

Hanfstingl empfahl, die Beiträge kurz zu halten. „Schließlich haben die Leser nicht die Zeit, sich stundenlang nur mit Landwirtschaft zu beschäftigen.“ Wer viel mit Fotos aus der Sicht des Bauern arbeite, könne großes Interesse wecken und seine Leser mitnehmen. „Welcher Verbraucher hat schon die Möglichkeit, auf einem Mähdrescher zu sitzen und auf die Arbeit der Maschine zu schauen.“ Am besten kämen Fotos an, die nicht extra in Szene gestellt wurden. „Achten Sie aber darauf, dass bei ihren Bildern immer alles CC-passend ist.“

An ihrer Öffentlichkeitsarbeit in sozialen Medien schätzt Hanfstingl, dass sie selbst in der Hand hat, welche Infos und Details sie über ihren Betrieb preisgeben will. „Allerdings: Wer bewusst verschweigt, was nicht so toll ist oder was in der Landwirtschaft schief läuft, ist nicht mehr glaubwürdig.“ Das A & O im Onlinedialog seien Authentizität, Gelassenheit und der Verzicht auf Postings bei schlechter Laune. „Es gibt immer Menschen, die mit aggressiven Kommentaren unter der Gürtellinie Ärger machen wollen. Hier stehen vor allem Tierhalter im Fokus.“ Aber es gebe technische Einstellungsmöglichkeiten, mit denen sich Kommentare, die Reizwörter wie Massentierhalter oder Tierquäler enthalten, blockieren lassen. In sozialen Medien heiße das Zauberwort „Netiquette“. Wer sich nicht daran hält, wird eben blockiert. „Manche Diskussionen sind die Zeit nicht wert, weil das Gegenüber nur Staub aufwirbeln will.“