Schwaben

Auf dem Weg zum Urwald

20_naturwaldreservat_2
Michael Ammich
am Mittwoch, 07.10.2020 - 11:28

Urwald an der Donau: Im Naturwaldreservat „Dreiangel“ bei Weißingen untersuchen Forstexperten,wie sich ein Wald ohne forstliche Nutzung entwickelt.

20_naturwaldreservat_1

Der Waldbezirk „Dreiangel“ an der Donau bei Weißingen wurde vor mehr als vierzig Jahren als eines der ersten Naturwaldreservate Bayerns ausgewiesen. Seither hat sich auf der 17 ha großen Schutzfläche durch den Nutzungsverzicht ein Urwald mit großem Totholzbestand entwickelt. Den Waldbesitzern kann das Naturwald- reservat als Anschauungsbeispiel eine Hilfe beim Umbau ihrer Forste sein, sagt der Forstmann und Leiter des AELF Krumbach, Axel Heiß.

Früher ein bewirtschafteter Auwald

Als das Reservat „Dreiangel“ 1978 ausgewiesen wurde, war es noch ein genutzter Auwaldbestand mit den für diesen Lebensraum typischen Baumarten Esche, Eiche, Ahorn und Buche. Das Waldgebiet befindet sich im Staatswald, der durch den Forstbetrieb Weißenhorn der Bayerischen Staatsforsten bewirtschaftet wird. Der „Dreiangel“ gehört zum FFH- und Vogelschutzgebiet „Donau-Auen zwischen Thalfingen und Höchstädt, das sich über die Lankreise Neu-Ulm, Günzburg und Dillingen erstreckt.

Im Reservat herrschen über den tiefer gelegenen Kiesen Schlufflehme vor, die nach der Eiszeit von der Donau abgelagert worden waren. Früher wurde das Gebiet regelmäßig von Hochwassern überflutet. Das hat sich jedoch nach dem Bau von Dämmen geändert – bis jetzt, denn auch das Naturwaldreservat läge im geplanten Flutpolder zwischen Riedheim und Weißingen. Ob sich der Polder günstig oder eher ungünstig auf das Reservat auswirken wird, kann Heiß heute noch nicht beurteilen. „Die Frage ist, ob der Polder nur bei extremen Hochwässern oder regelmäßig auch bei geringeren Hochwässern geflutet wird“, sagt der Forstdirektor. Letzteres könnte die Auwald-Dynamik sogar unterstützen. Die auwaldtypischen Baumarten kämen nämlich meist gut mit kurzfristigen Überschwemmungen zurecht.

Die Donaudämme halten das Wasser zurück

Als nach dem Bau der Donaudämme die regelmäßigen Überflutungen ausblieben, entwickelte sich hier ein Forst, in dem Esche und Bergahorn dominieren. Der Boden wird im Frühjahr von einem dichten Bewuchs aus Bärlauch, Märzenbechern, Buschwindröschen und Blausternen bedeckt. Früher wurde der Auwald als Mittelwald genutzt, indem der Niederwald mit seinen kurzen Umtriebszeiten mit dem Hochwald und dessen langen Umtriebszeiten kombiniert wurde. Die Bäume der Oberschicht ließen die Forstleute zu dicken Stämmen für Bauholz wachsen. Die dünneren Bäume der Unterschicht wurden dagegen als Brennholz genutzt.

Auwälder gehören in Deutschland zu den artenreichsten Naturlandschaften überhaupt. Durch das Eschentriebsterben und einen verheerenden Sommersturm vor acht Jahren fiel im Naturwaldreservat eine große Menge Totholz an. Es dient heute vielen Vogelarten wie dem Grau- und Mittelspecht oder Halsbandschnäpper als Nistgelegenheit und Nahrungsquelle.

Forschung auf 5000 qm

Im Naturwaldreservat befindet sich eine 5000 m² große eingezäunte Forschungsfläche, in der sämtliche Bäume markiert und nummeriert sind. So lässt sich beobachten, wie sich die einzelnen Bäume, das Totholz und die Naturverjüngung im Lauf der Jahrzehnte entwickeln. Schon nach etwas mehr als 40 Jahren stellte sich heraus, dass sich die Anzahl der Baumstämme auf der Forschungsfläche um 118 auf 367 pro Hektar vermindert hat. Ursache für den Rückgang sind das Eschentriebsterben und der Sommersturm, der zahlreiche Bäume umgeworfen hat. Der Holzvorrat stieg jedoch zugleich von 440 auf 629 fm pro Hektar an.

Bei der jüngsten Untersuchung war das Naturwaldreservat zu 71 % von Eschen, zu 19 % von Bergahorn und zu 9 % von der Winterlinde bestanden. Der Totholzanteil bewegte sich bei stattlichen 115 fm je Hektar, davon waren 94 fm liegend und 21 fm stehend. „Die Eschenbestände sind durch das Triebsterben massiv zusammengebrochen“, stellt Axel Heiß fest. Allerdings: „Die Anreicherung des Walds mit Totholz ist ein Gewinn für die Artenvielfalt.“
In dem Reservat können die Waldbesitzer beobachten, wie sich die Naturverjüngung der unterschiedlichen Baumarten bei verschiedenen Beschirmungsgraden, also unterschiedlichen Lichtverhältnissen entwickeln. Außerdem lasse sich gut studieren, wie sich ein Auwald zu einer Landwaldgesellschaft wandelt, wenn die regelmäßigen Überflutungen fehlen.

Bis 2013 nahmen die Baumarten ab

Seit 2013 zählt der „Dreiangel“ zu jenen 26 Naturwaldreservaten, die unter den insgesamt 159 bayerischen Reservaten dauerhaft beobachtet werden. Die ausgewählten Standorte repräsentieren die bedeutendsten Waldgesellschaften. Auf ihnen ist zu sehen, wie sich die Waldstrukturen entwickeln, wenn sie nicht forstlich gesteuert werden. Diese „Urwälder“ können dann gut mit Wirtschaftswäldern desselben Typs verglichen werden. So zeigte sich im „Dreiangel“, dass die Anzahl der Baumarten zwischen 1981 und 2013 von acht auf fünf zurückgegangen war. Zugenommen hat dagegen der Anteil der Buche und – vor dem Eschentriebsterben – auch der Esche. Dagegen nahm der Anteil von Eichen, Ahorn und weiteren Laub- und Nadelholzarten ab.

Im Weißinger Naturwaldreservat zeigt sich ein große Artenvielfalt. Gezählt wurden auf der Forschungsfläche 60 Pilz- und 31 Pflanzenarten sowie 46 holzbewohnende Käferarten, zu denen auch der Schwarzkäfer gehört, ein „Urwaldrelikt“. Allerdings bevorzugt der Schwarzkäfer die Esche, die wiederum großflächig vom Absterben bedroht ist. Darüber hinaus wurden 25 Schnecken- und 14 Vogelarten ermittelt. Im gesamten Naturwaldreservat sind sogar 37 Vogelarten heimisch.
Die Tendenz zu höheren Holzvorräten bei verringerter Stammanzahl wurde auch in anderen bayerischen Naturwaldreservaten festgestellt. Sie ist typisch für die Entwicklung von Waldgebieten, in denen die forstliche Nutzung aufgegeben wurde. Aus der Beobachtung der Naturwaldreservate lassen sich jedoch bislang nur in Einzelfällen Aussagen über naturschutzfachlich bedeutsame Arten wie die „Urwaldrelikte“ ableiten. Für umfassende Aussagen bedürfte es hier weiterer, zeitlich ausgedehnter und methodisch optimierter Erhebungen.

Artenreichtum hängt nicht am Fehlen von Bewirtschaftung

In einem Punkt irren sich die Naturschützer, die eine prozentuale Stilllegung von Nutzwäldern fordern: In den vom Menschen unberührten Naturwaldreservaten muss der Artenreichtum keineswegs größer sein als in bewirtschafteten Mischwäldern. Das bestätigt auch Axel Heiß. „Im Nutzungswald kann die Artenzahl sogar höher sein.“ Der Forstdirektor führt das Beispiel „Buche“ an: Wo sie sich aufgrund üppiger Naturverjüngung und fehlender forstlicher Nutzung zu Reinbeständen entwickelt, sinkt die Artenzahl. „Mit Blick auf eine hohe Biodiversität sind genutzte Mischbestände günstiger.“

Abschließend weist Heiß auf ein Risiko hin, das jedem Wanderer und Spaziergänger in den Naturwaldreservaten bewusst sein sollte: Aufgrund des hohen Totholzanteils und der fehlenden forstlichen Pflege können jederzeit abgestorbene Äste herunterbrechen. Es sei sogar schon vorgekommen, dass vom Eschentriebsterben befallene und geschwächte Eschen mit verfaulten Wurzeln „ohne Vorwarnung wie aus dem Nichts“ umgefallen sind.