Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Landkreis Augsburg

Wald soll einem Gewerbegebiet weichen

bild_wehringen-auwald_1599
Böllinger Birgit
am Dienstag, 31.05.2022 - 16:35

In der Gemeinde Wehringen boomt die Wirtschaft: Die Nachfrage nach Gewerbeflächen in dem Ort im Landkreis Augsburg ist enorm, die vorhandenen Flächen sind jedoch begrenzt. Und seit bekannt wurde, dass ab Herbst für das geplante „Gewerbegebiet Hoechst“ rund 4 ha Wald weichen sollen, gibt es öffentlichen Streit. Die Gegner der Rodung planen gar eine Waldbesetzung. Bürgermeister Manfred Nerlinger (CSU) bedauert dagegen, dass „eine Diskussion auf sachlicher Ebene“ kaum mehr möglich erscheint.

Pläne, ein bereits bestehendes Gewerbegebiet im Wehringer Ortsteil Auwald zu erweitern, gibt es schon länger. Bis vor wenigen Jahren war das Gelände, das rund 13 ha Auwaldfläche umfasst, noch in Besitz der Nachfolgegesellschaft der Firma Hoechst. Erst 2020 erwarb die Gemeinde Wehringen das komplette Areal, das im Zweiten Weltkrieg als Industriefläche genutzt wurde: Unter anderem wurden dort Munitionsstoffe in erheblichem Umfang hergestellt.

Neun Hektar des Auwalds sollen so naturnah erhalten bleiben, wie er sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickeln konnte. Auf einem Teilgebiet von 4 ha jedoch, wo während des Krieges Baracken für die russischen Zwangsarbeiter standen, soll, so die Planungen der Gemeinde, ab Herbst 2022 mit der Erschließung des neuen Gewerbegebietes begonnen werden.

Fichtenmonokultur oder funktionierendes Biotop mit Brückenfunktion

Dass es sich bei dieser Teilfläche um keinen funktionalen Auwald handele, sondern um ein Gebiet, das in den 1950er-Jahren mit einer Monokultur aufgeforstet wurde, spricht aus Sicht des Gemeinderates für die Planungen. „Das sind Fichten, die am Ende ihres Wachstums sind“, betont Bürgermeister Nerlinger, „wir wollen dagegen auf sechs Hektar Ausgleichsflächen ökologisch wertvollen Baumbestand aufforsten.“

Für die Kritiker des Projektes ist der derzeitige Zustand des Gebiets jedoch kein Argument. „Wald soll Wald bleiben“, sagt Peter Roth von der Bobinger Ortsgruppe des Bund Naturschutz, „man kann auch das bestehende Waldstück entsprechend umbauen“. Nach den letzten Dürresommern, „in denen sichtbar wurde, wie unsere Wälder vertrocknen und absterben“, sei ein sensiblerer Umgang mit der Thematik angesagter als je zuvor. Das umstrittene Waldstück verbinde die Naturgroßräume des Wertachauwalds und der Westlichen Wälder als Korridor für wandernde Arten und diene als Pufferzone für die dahinterliegenden Biotope. „Eine Störung, wie sie diese Umwandlung in ein Gewerbegebiet bedeutet, würde diese Lebensräume entwerten“, betont Roth. Zudem sei der Wald auch als eine Art Frischluftschneise für die Bewohner in dem angrenzenden Wohngebiet Bobingen-Siedlung wichtig. „Hier Flächen zu versiegeln, um ein Gewerbegebiet zu schaffen, würde das Kleinklima erheblich stören.“

Dilemma des Flächenbedarfs

Man habe sich die Entscheidung im Gemeinderat, betont dagegen Bürgermeister Manfred Nerlinger, nicht einfach gemacht. Man sei sich auch der kommunalen Verantwortung für den Umwelt- und Naturschutz überaus bewusst. „So beugen wir bereits aktiv der Flächenversiegelung vor, indem wir keine neuen Baugebiete ausweisen, sondern auf Nachverdichtung setzen“. Aber dennoch müsse eine Gemeinde verschiedene Interessenslagen berücksichtigen: „Und gerade mittelständische Unternehmen und örtliche Handwerksbetriebe haben einen Platzbedarf, der wiederum zum Erhalt der Betriebe hier vor Ort und zur Sicherung von Arbeitsplätzen führt“.

Man werde in dem neuen Gewerbegebiet weder Industrie noch lärmintensive Unternehmen ansiedeln, „es geht hier beispielsweise um Projekte wie eine Kurzzeitpflegeeinrichtung“. Alternativen habe die Gemeinde kaum, „außer wir erweitern im Hochfeld, wo wertvollste Ackerböden sind – und das ist heutzutage angesichts der sich abzeichnenden Welthungerkrise auch nicht mehr vertretbar.“

Petition gestartet

Derzeit findet noch eine Altlastenuntersuchung entsprechend den Vorgaben des Staatlichen Gesundheitsamts, des Wasserwirtschaftsamts Donauwörth sowie des Geschäftsbereichs Umweltrecht am Landratsamt Augsburg auf dem Gelände statt, erwartet wird das Ergebnis im Juli.

Wenn danach der Aufwand für die Gemeinde zu hoch wäre, könnte sich an der Entscheidung noch etwas ändern. Ein rechtsgültiger Bebauungsplan liegt vor. Und dennoch hofft man beim Bund Naturschutz, „die politisch Verantwortlichen überdenken ihre Entscheidung nochmals“, meint Peter Roth. Der Bund startete deshalb gemeinsam mit der Augsburger Gruppe Fridays for Future eine Onlinepetition – mit unerwarteten Folgen. Schon am ersten Wochenende sammelten die Umweltschützer über 150 Unterschriften gegen die Waldrodung, inzwischen nähert sich die Petition der 1000er-Marke.

„Über Alternativen wie beispielsweise auch eine Nachverdichtung des bestehenden Gewerbegebietes wurde noch zu wenig öffentlich diskutiert“, meint Peter Roth, dem eine sachliche Diskussion mit der Gemeinde wichtig ist. Der „Bund Naturschutz ist ein wichtiges Korrektiv.“

Ein zweiter "Hambacher Forst" mit Waldbesetzung?

Doch trotz des Wunsches nach einer sachlichen Auseinandersetzung sind die Gemüter auf beiden Seiten derzeit erhitzt, ist gar von einem zweiten „Hambacher Forst“ die Rede. So wurde ein erstes Protestbanner auf Anweisung der Polizei umgehend abgehängt, Klimaaktivisten und Kletterer kündigten in der Folge auf der Internetseite www.bobinger-auwald-bleibt.de eine Waldbesetzung an.

Bürgermeister Nerlinger dagegen stört, „dass viele der Online-Kommentare und Proteste, die bei uns mittlerweile aus der ganzen Bundesrepublik ankommen, über die örtlichen Verhältnisse hier nichts wissen.“ Eines ist gewiss: Es bleibt unruhig in den nächsten Wochen im Wehringer Auwald.