Umweltbelastung

Die Wahrheit ist anders

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Dr. Josef Hiemer
am Donnerstag, 24.06.2021 - 13:19

Der Wasserverbrauch zur Erzeugung von Rindfleisch wird gerne kritisiert. Es ist von etwa 15 000 Liter Wasser täglich die Rede, für ein Kilogramm! Stimmt das?

Es ist wie in Stein gemeißelt: Wenn es darum geht, die Umweltbelastung durch die Fleischerzeugung zu kritisieren, ist der hohe Wasserverbrauch ein immer wieder vorgebrachtes Argument, besonders der von Rindfleisch: 15 400 l Wasser seien für die Herstellung von einem Kilogramm notwendig, ist oft zu lesen und zu hören. Unterstellt man eine Kuh mit 600kg Lebendgewicht, die z.B. 240kg Fleisch und Fett liefert, wären dazu hochgerechnet 3,7 Mio. l Wasser nötig gewesen, um dieses Fleisch zu erzeugen, zu verarbeiten und zu vermarkten.

Wer jetzt glaubt, für ein Kilogramm Rindfleisch würden die Wasservorräte in der Welt um 15 000l sinken, ist aber auf dem Holzweg. Beim größten Teil der 15 400l handelt es sich um virtuelles Wasser. Den Begriff „virtuelles Wasser“ prägte 1995 der englische Geograf John Anthony Allen. Virtuelles Wasser wird auch als verstecktes oder indirektes Wasser bezeichnet. Im Grundsatz beschreibt es die Menge an Wasser, die zur Herstellung eines Produktes benötigt wird.

Virtuelles Wasser hat den Löwenanteil am Konsum

Nach dieser Lesart verbraucht jeder Deutsche 4 – 5000l virtuelles Wasser pro Tag. Der „direkte“ Wasserverbrauch ist mit 120l pro Tag indes vergleichsweise sehr bescheiden. Mengenangaben bei Wassersparaktionen beziehen sich meist auf den direkten Verbrauch. Der viel größere, indirekte Wasserverbrauch ist im öffentlichen Bewusstsein jedoch noch nicht richtig angekommen. Die Ursache des hohen Verbrauchs in den westlichen Industrienationen ist der Güterverbrauch, der im Konsum der Produkte begründet ist.

Virtuelles Wasser besteht aus mehreren Komponenten:

  • Grünes virtuelles Wasser. Allen fasst hier alle Niederschläge und die Bodenfeuchte zusammen.
  • Blaues virtuelles Wasser. Das ist Wasser, das für die künstliche Bewässerung aus dem Boden, einem Fluss oder See gepumpt wird.
  • Graues virtuelles Wasser. Dieses Wasser wird während der Nutzung beeinträchtigt und kann danach nur bedingt wieder verwendet werden. Beispiele sind der Wasserbedarf zur Herstellung von Düngemitteln oder zum Färben von Textilien.
Der immer wieder zitierte Wasserverbrauch von 15 400 l in der Rindfleischproduktion stammt von der UNO-Unterorganisation UNESCO-IHE. Sie ermittelte 2010 einen weltweiten Mittelwert von 15 415 l je kg Rindfleisch. Praktisch nie zu finden ist in diesem Zusammenhang, aus welchen Kategorien des virtuellen Wassers sich dieser Wert ergibt. Bei genauerem Hinschauen relativiert sich die Umweltbelastung durch die Rindfleischerzeugung drastisch. Von den 15 415 l/kg sind 14 415 l oder 93,5 % grünes Wasser, d. h. der natürliche Regen, der vom Himmel fällt. Und das völlig unabhängig davon, ob der Aufwuchs auf der Fläche genutzt wird oder nicht. Der Bedarf an blauem bzw. grauem Wasser beträgt dann noch 1000l je kg Rindfleisch.
Der Wasserbedarf hängt überdies von der Region und Haltungsform der Rinder ab. Bei Intensivhaltung werden für die Herstellung von 1 kg Rindfleisch im globalen Durchschnitt 10 244 l benötigt, davon 8849 l grünes Wasser und 1395 l blaues und graues Wasser. Bei extensiver Haltung kann der Verbrauch von virtuellem Wasser bis auf 21 829 l steigen. Belastet die Weidehaltung damit die Umwelt bezüglich des Wasserverbrauchs mehr? Nein, natürlich nicht! 21 121 l, d.h. 96,8 % sind grünes Wasser, natürlicher Regen. Nur 708 l sind blaues oder graues Wasser!
Für Deutschland beträgt der Bedarf an virtuellem Wasser für intensive Rinderhaltung 5991 l, wovon 5014 l oder 83,7 % grünes Wasser sind und 977 l blaues und graues Wasser. Bei extensiver Weidehaltung braucht man 12 229 l/kg virtuelles Wasser, wovon 11 083 l bzw. 90,6 % grünes Wasser sind und 1146 l blaues und graues Wasser. 98 % des Wassers werden für die Futterproduktion benötigt, nur 22 % für die Tränke und die Stallreinigung.

Falschaussagen und unsichere Datenbasis

„Wer einen fleischfreien Tag je Woche einlegt, kann 1,5 Jahre täglich warm duschen“, wird gleichsam gerne argumentiert. Diese Rechnung geht nur auf, wenn hierfür das grüne virtuelle Wasser, d. h. der Regen genutzt werden könnte – unberücksichtigt bleibt hier jedoch die zur Erhitzung des Wassers benötigte Energie.
Nicht nur, dass der Begriff virtuelles Wasser schwer verständlich ist und seine Verwendung zu falschen Urteilen führen kann, wie das Beispiel Rindfleisch deutlich zeigt, auch die Datenbasis steht auf wackligen Beinen. In drei Untersuchungen wurden für den Wasserbedarf für ein Kilogramm Rindfleisch folgende Werte ermittelt: 13 500 l, 15 977 l, und 20 700 l. Zwischen dem niedrigsten und höchsten Wert liegt damit eine Abweichung von 53,3 %. Zweifel an der Belastbarkeit der Daten sind daher wohl angebracht.

Wasserfußabdruck durch regionalen Einkauf senken

Der globale Handel hinterlässt in den Ländern einen unterschiedlichen Wasserfußabdruck. Mit jedem exportierten Gut verlässt auch das darin gebundene Wasser das Land. Entscheidend für den Fußabdruck ist der Verbrauch von blauem und grauem virtuellem Wasser. Einige Beispiele:
  • Orangen aus Spanien oder Israel bringen nur durch Bewässerung einen vernünftigen Ertrag. Dieses Wasser fehlt der lokalen Bevölkerung.
  • Der Aralsee in Kasachstan/Usbekistan ist so gut wie ausgetrocknet. Sein Wasser wurde zur Bewässerung von Baumwollplantagen verwendet.
  • Der Fußabdruck von Tomaten aus Holland ist geringer als der von den stärker bewässerten Tomaten aus Spanien.
Wer seinen Wasserfußabdruck reduzieren will, sollte deshalb weitgehend auf Produkte aus wasserarmen Gebieten verzichten und Produkte aus Regionen vorziehen, in denen es viel grünes Wasser gibt. Auch unter dem Aspekt des virtuellen Wasserverbrauchs schont der regionale und saisonale Einkauf in Deutschland die Umwelt in globaler Hinsicht.

Mandeln brauchen sehr viel „blaues“ Wasser

Noch was: Wer den virtuellen Wasserbedarf beim Rindfleisch nicht genauer betrachtet und dem Rat folgt, statt Rindfleisch mehr pflanzliche Produkte zu essen, sollte auf Mandeln verzichten. Der Wasserverbrauch beträgt hier 13 000 l/kg. Da Mandeln vornehmlich im trockenen Kalifornien wachsen, müssen sie bewässert werden.

D. h. beim Anbau von Mandeln wird besonders viel blaues virtuelles Wasser benötigt, das dementsprechend für die Versorgung der Menschen dort fehlt. Der Verbrauch von blauem virtuellem Wasser für 1 kg heimisches Rindfleisch beträgt dagegen nur 977 bzw. 1146 l.