Wiesenbrüter

Vogelschutz - wer gebeten wurde, sagte ja

20_kiebitz_landwirte_1
Michael Ammich
am Montag, 05.08.2019 - 12:18

Örtliche Landwirte beteiligen sich aktiv am Schutz von Wiesenbrütern

20_kiebitz_landwirte_3

Dass sie auch für eine intakte Natur mitverantwortlich sind, wissen die Landwirte nicht erst seit dem Volksbegehren zur Artenvielfalt. Im Eppisburger Ried, einem Hotspot der heimischen Vogelwelt, beteiligen sich fünf Bauern aktiv am Wiesenbrüterschutz. Dazu haben sie mit der Regierung von Schwaben Ersatzverträge außerhalb der üblichen staatlichen Förderung geschlossen. Am Eppisburger Weiher mit seinen vielen Wat- und Wasservögeln erläuterten Mitarbeiter der Bezirksregierung und des Vereins Donautal-Aktiv die Wiesenbrüter-Schutzmaßnahmen, die in Zusammenarbeit mit örtlichen Landwirten durchgeführt werden.

20_kiebitz_landwirte_2

Von gegenseitigem Misstrauem oder gar Vorbehalten der Naturschützer gegenüber den Landwirten ist nichts zu spüren, als Susanne Kling das Biodiversitätsprojekt „Wiesenbrüter-Brutplatzmanagement“ der Regierung von Schwaben vorstellt. Träger des Projekts im Gebiet Donau-Mitte mit dem Eppisburger Ried ist der Verein Donautal-Aktiv, erklärt die Geschäftsführerin für den Vereinsbereich Landschaftspflege. In Schwaben gibt es sieben solcher Projektkulissen mit einer Gesamtgröße von rund 8000 ha, für die jeweils ein Team von Betreuern zuständig ist. Neben Donau-Mitte sind dies das Schwäbische Donaumoos, Donauried-Ost, das Nördlinger Ries, das Mindeltal, Lechfeld und Wertachtal. Insgesamt arbeiten gut 20 Personen in den Teams. Anton Burnhauser, der vielen Landwirten auch als schwäbischer Storchenvater bekannt ist und bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr an der Regierung von Schwaben beschäftigt war, koordiniert ehrenamtlich die Teams und lernt sie an. Die Projektleitung im Bezirk Schwaben liegt bei Margarethe Siering.

Für Burnhauser ist das Eppisburger Ried ein „Juwel“, das es insbesondere wegen zweier Wiesenbüterarten zu schützen gilt, des Großen Brachvogels und des Kiebitz. „Diese beiden Arten befinden sich am stärksten im Sinkflug, so dass wir die Notbremse ziehen müssen“, sagt der Naturschützer. Dafür sei jedoch nicht in erster Linie die Landwirtschaft verantwortlich, sondern die hohe Populationsdichte bei Beutegreifern und Greifvögeln wie Fuchs, Marder und Mäusebussard. Die natürlichen Fressfeinde reduzieren unaufhörlich den Brachvogel- und Kiebitzbestand im Eppisburger Ried. Deren Bruterfolge werden immer dürftiger. Schreitet der Mensch hier nicht wirksam ein, sind alle Schutzbemühungen „für die Katz“, so Burnhauser.

Mit Einschreiten meint der Naturschützer das Schaffen von günstigen Lebensräumen durch die örtlichen Bauern. Viele von ihnen klagen zwar über die Bewirtschaftungseinschränkungen in dem FFH- und Vogelschutzgebiet, einige erklären sich aber auch zur engeren Zusammenarbeit mit dem Naturschutz bereit. „Für sie machen wir kurzärmlige Jahresverträge außerhalb der staatlichen Förderung wie Kulap und Vertragsnaturschutzprogramm“, erläutert Susanne Kling. Die Fördergelder, jährlich insgesamt bis zu 100 000 €, kommen aus den Töpfen staatlicher Naturschutzmittel der Landratsämter. Das sei besser als das Aufkaufen von Flächen durch den Naturschutz. „Die Äcker und Wiesen bleiben in der Hand der Bauern.“ Die Ausgleichszahlungen werden auf der Basis der von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) ermittelten Deckungsbeiträge jährlich neu berechnet.

Geförderte Maßnahmen

Für den Schutz des Kiebitz werden den Landwirten im Eppisburger Ried verschiedene geförderte Maßnahmen angeboten: die verspätete Maisaussaat ab dem 20. Mai, das Belassen von Feuchtmulden und von „Kiebitzinseln“, eine Bewirtschaftungsruhe oder Bewirtschaftungsfenster vom Beginn der Brutzeit Mitte März bis Ende Juni. Für den Brachvogelschutz kommt eine Wiesenmahd erst ab dem 1. Juli infrage. Dabei erfolgt in einem Umkreis von 50 m oder besser noch auf der gesamten Wiese rund um die Gelege die erste Mahd nach dem Schlüpfen der jungen Brachvögel. Nur noch zwei Brutpaare wurden heuer im Eppisburger Ried gezählt, beim Kiebitz immerhin acht. Viele Kiebitze werden auf ihrem Zug in den Süden gejagt, vermutet Burnhauser als eine weitere Ursache für den Rückgang der Population – der Mensch als Beutegreifer.
Der Ansatz des Biodiversitätsprojekts „Wiesenbrüter-Brutplatzmanagement“ ist der Ausgleich der Verluste durch die Mitarbeit der Landwirte, sagt Burnhauser. Seit 2015 läuft das Projekt, an dem sich schwabenweit inzwischen 50 Landwirte beteiligen, fünf davon im Eppisburger Ried. Durch die intensive Informationsarbeit der Gebietsbetreuer lasse sich die Landwirtschaft als Risikofaktor für die Wiesenbrüter nahezu ausschalten. „Kein Landwirt macht mutwillig ein Gelege kaputt“, bekräftigt der Naturschützer.

Heuer traurige Bilanz

Anders die natürlichen Feinde des Brachvogels und Kiebitz. Gegen sie hilft im Eppisburger Ried zuweilen nur noch ein Elektrozaun rund um die Brutplätze. Bleiben die Bruterfolge dennoch aus, bietet sich Burnhauser zufolge als letztes Mittel nur noch die Intensivierung der Jagd an. Anders lässt sich der traurige Restbestand von heuer 22 Brachvogelbrutpaaren im gesamten Donauraum zwischen Neu-Ulm und Donauwörth womöglich nicht retten. Und selbst von diesen 22 Paaren sind nur drei Jungvögel flügge geworden.
Über die Zusammenarbeit mit den fünf Landwirten im Eppisburger Ried sei der Wiesenbrüterschutz dort abgedeckt. „Wenn ich einen Bauern um Unterstützung gebeten habe, bekam ich noch nie eine Abfuhr“, freut sich Burnhauser. Er verschweigt aber auch nicht, dass die intensive Landwirtschaft beispielsweise durch die frühen und häufigen Wiesenschnitte mit eine Ursache für die Zunahme der Beutegreifer und Greifvögel seien. Diese täten sich allzu leicht, auf den kurz geschoreren Grünlandflächen Mäuse und andere Beutetiere zu finden. Außerdem arbeiteten besonders Nebenerwerbslandwirte häufig in der Nacht auf dem Feld, wo sie dann Kiebitze und Brachvögel von ihren Nestern vertreiben, die diese dann in der Dunkelheit nicht wiederfinden. Durch den Herbizideinsatz mit der Folge einer geringeren Insektenzahl werde wiederum das Nahrungsangebot der Wiesenbrüter reduziert, in den vielen Maisfeldern findet der Kiebitz anders als auf feuchten Äckern und in Nassmulden nichts zum Fressen. Und dann sind da ja auch noch die Spaziergänger und Jogger mit oder ohne Hund, die Unruhe in das Gebiet bringen.
Neben Kiebitz und Brachvogel kann das Eppisburger Ried noch eine große Zahl anderer bedrohter Vogelarten vorweisen, erklärt Harald Böck, Wiesenbrüterbetreuer für dieses Gebiet. Brutvögel sind der Flussregenpfeifer, die Flussseeschwalbe, das Blaukehlchen oder der Drosselrohrsänger. Aber auch für viele Zugvögel ist das Ried mit seinen Kiesseen und Offenflächen ein bedeutendes Rastgebiet: Kampfläufer, Waldwasser- und Bruchwasserläufer, Dunkler Wasserläufer, Grünschenkel, Bekassine oder Uferschnepfe. Der Erhalt dieser reichen Artenvielfalt liegt auch den Projekt-Landwirten im Ried am Herzen.

Was die Beteiligten sagen

Einer von ihnen ist Johannes Winkler aus Binswangen. „Jeder Landwirt sollte nach Möglichkeit etwas für den Naturschutz leisten“, ist er überzeugt. Immerhin würden die Ausgleichszahlungen aus den Verträgen des Wiesenbrüter-Brutmanagements die Ertragseinbußen „mehr oder weniger“ ausgleichen. Er selbst beteilige sich jedenfalls lieber am Kiebitzschutz, als Ertragsverluste beim Ackerbau auf nassen Flächen zu riskieren. Winkler sät seinen Mais im Eppisburger Ried teils erst ab dem 20. Mai aus und 1 ha Fläche hat er als „Kiebitzinsel“ stillgelegt. Auch Ulrich Fürbaß aus Kicklingen führt die Maisaussat auf 2 ha verspätet durch, um dem Kiebitz zur Brutzeit einen offenen Lebensraum zu spendieren. Ebenfalls aus Kicklingen stammt Johann Endres, Landwirt und Jäger. Zum Schutz des Brachvogels mäht er einen Teil seiner Grünlandflächen erst ab dem 15. Juni. Außerdem nimmt er am Vertragsnaturschutzprogramm teil. Auf chemischen Pflanzenschutz und Dünger will Endres jedoch nicht verzichten. „Meine Tiere brauchen ja auch etwas zum Fressen.“ Wie sein Berufskollege Winkler legt Robert Bunk aus Dillingen Kiebitzinseln an. 2,7 ha Fläche nimmt er auf diese Weise bis zum 30. Juli aus der Bewirtschaftung heraus. „Eine Kiebitzinsel muss mindestens eineinhalb Hektar umfassen“, erklärt Bunk. Heuer durfte er sich auf einer seiner Flächen gleich über zwei Kiebitzbrutpaare freuen. Und dann wäre da noch der Blindheimer Biobauer Ludwig Schaflitzel. Auch er mäht seine Wiesenbrüterflächen erst verspätet, mitten im Wiesenbrütergebiet bewirtschaftet er eine Jungviehweide. „Das ist ein wahrer Kindergarten für Kiebitzjunge“, überhaupt sei die Weidepflege eine Supersache für die Vögel. Michael Ammich

8000

Hektar Projektflächen für den Wiesenbrüterschutz gibt es in Schwaben.

  • Im Eppisburger Ried beteiligen sich fünf Landwirte aktiv am Schutz von Wiesenbrütern.
  • Träger des Projekts im Gebiet Donau-Mitte ist der Verein Donautal-Aktiv.
  • Die beteiligten Landwirte haben Ersatzverträge außerhalb der üblichen staatlichen Förderung abgeschlossen.
  • Der Rückgang der Wiesenbrüter ist den vielen Fressfeinden und auch intensiver Bewirtschaftung geschuldet.