Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Protest

Völlig überzogen dimensioniert

20_hochwasser_1
Michael Ammich
am Montag, 16.03.2020 - 11:28

IG „Rettet die Riedlinger Flur“ wehrt sich gegen ein Rückhaltebecken.

20_hochwasser_2

Riedlingen/Lks. Donau-Ries - Zuerst klagten die Oberlieger an der schwäbischen Donau, dass sie alleine den Hochwasserschutz für die Unterlieger, insbesondere die stark gefährdete Stadt Donauwörth, schultern müssten. Nachdem jetzt auch die Stadt einen Beitrag zu ihrer eigenen Sicherheit leisten soll, beschweren sich wiederum die Bürger des Stadtteils Riedlingen über die geplante Maßnahme. Sie halten die Dimensionen eines Rückhaltebeckens südwestlich von Donauwörth und Riedlingen (siehe Kasten) für überzogen, weil dessen Wirkung in keinem annehmbarem Verhältnis zu den Risiken und Kosten stehe. Auf einem Ortstermin brachte die Interessengemeinschaft „Rettet die Riedlinger Flur“ zahlreichen Landes- und Kommunalpolitikern ihre Bedenken vor.

Die erste Sprecherin der Interessengemeinschaft, Ulrike Wagner, ist zugleich eine der Hauptbetroffenen des geplanten Rückhaltebeckens zwischen der Bundesstraße 16 und dem Flüsschen Kessel auf der Riedlinger Flur. Die Familie Wagner bewirtschaftet in der Gebietskulisse einen großen Teil ihrer landwirtschaftlichen Flächen, auch eine alte Hofstelle ihres Gesamtbetriebs befindet sich dort. Wie die Sprecherin erklärte, ist das Projekt bei Riedlingen in das Hochwasserschutz-Aktionsprogramm 2020 plus“ der bayerischen Staatsregierung eingebunden. Zum Programm gehören auch drei große Flutpolder bei Leipheim, Lauingen und Gremheim sowie ein weiteres großes Rückhaltebecken bei Tapfheim.

Riedlinger Flur ist 150 Jahre hochwasserfrei

Während die Polder erst ab einem starken Hochwasser geflutet würden, wäre das bei dem Rückhaltebecken Riedlingen bereits bei einem mittleren Hochwasser und damit öfter der Fall. Ziel des Riedlinger Projekts ist vor allem die Entlastung der Stadt Donauwörth, in der bei einem extremen Hochwasser Siedlungs- und Gewerbeflächen großflächig überschwemmt werden könnten. Ein solches extremes Hochwasser, wie es sich letztmals vor der Begradigung der Donau im Jahr 1882 ereignete, hätte heute ein enormes Schadpotzenzial, räumte Wagner ein. Die Riedlinger Flur sei allerdings seit 150 Jahren hochwasserfrei. Da stelle sich die Frage, weshalb jetzt die Riedlinger für die Bausünden der Stadt Donauwörth büßen sollten, nachdem diese in der Vergangenheit die Bebauung von hochwassergefährdeten Gebieten großzügig genehmigt hat.

Das Rückhaltebecken bei Riedlingen soll den Grundschutz bei einem hundertjährigen Hochwasser unterstützen, kommt aber schon bei einem achtzigjährigen Hochwasser zum Einsatz. Dann soll der Damm entlang der Kessel geöffnet werden, so dass am Ende ein Gebiet von 2,3 km Länge und bis zu 0,9 km Breite überflutet wäre. Das Rückhaltebecken bedeutet Wagner zufolge einen massiven Eingriff in die Landschaft und den Grundwasserhaushalt. Sie treibt die Sorge um, dass die Deiche das Grundwasser um bis zu 25 cm anheben und es damit in die Keller von Häusern hinter den Deichen drücken könnten. An den Gebäuden seien langfristig nachhaltige Schäden zu erwarten. Außerdem werde in der Kulisse des Rückhaltebeckens sicher die Lagerung von wassergefährdenden Stoffen wie Gülle erschwert.

Geringe Wirkung des Riedheimer Rückhaltebeckens

Wagner gab zu bedenken, dass die Flutung des Beckens zu hohen Ertragsausfällen und mit dem zurückbleibenden Schlamm auch zur Belastung der Böden und des Viehfutters mit Schadstroffen führen könnte. Bei der Riedlinger Flur handle es sich um gute Ackerlagen. Die IG-Sprecherin wies auf den kiesig-sandigen Boden unter der nur 50 cm starken Humusschicht hin, der aufgrund seiner Durchlässigkeit ein weiterer Risikofaktor sei. Auch die Fischerei befürchte, dass ein naheliegendes Seengebiet durch die Eingriffe von der Grundwasserzufuhr abgeschnitten wird.

Besonders ärgert sich die Interessengemeinschaft über die geringe Wirkung des Riedheimer Rückhaltebeckens. Bei einem Fassungsvermögen von 1,5 Mio. m³ werde es ein Hochwasser um gerade einmal 60 m³ pro Sekunde und damit den Wasserspiegel in Donauwörth lediglich um 1,5 cm reduzieren. Mit Blick auf eine derart geringe Wirkung sei ein solch hoher Verbrauch von landwirtschaftlichen Flächen heute nicht mehr vermittelbar, betonte Wagner. Zu den 85 ha Nutzfläche für den Hochwasserschutz bei Riedlingen gesellten sich ja auch noch geplante Straßenbaumaßnahmen und ein bereits vorhandener Retentionsraum mit 100 ha an der Wörnitz nordwestlich von Donauwörth. Seit 1950 sei die landwirtschaftliche Nutzfläche in der Gemarkung Riedlingen ohnehin schon von 1100 auf nurmehr 600 ha zurückgegangen.

Gedanken über Alternativen machen

Wagner forderte die Politiker auf, sich Gedanken über Alternativen zum Projekt bei Riedlingen zu machen. So ließen sich allein durch das Absenken des Wasserspiegels an den Iller-Staustufen 5,5 Mio m³ Retentionsraum gewinnen. „Die mit dem Riedlinger Rückhalteraum verbundenen Risiken sind völlig unverhältnismäßig“, sagte die IG-Sprecherin. Die Politiker sollten sich intensiv in das anstehende Raumordnungsverfahren einbringen, damit der Hochwasserschutz bei Donauwörth in eine vernünftige Richtung läuft. Wagner führte dazu einen Grundsatz aus der Hochwasserstrategie des bayerischen Landtags vom Mai 2019 an, wonach die Umsetzung von ökologischen Maßnahmen in und an kleineren Gewässern ein besonderer Schwerpunkt des Hochwasserschutzes sein soll. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, überreichte die Interessengemeinschaft den Landtagsabgeordneten und Kommunalpolitikern eine Liste mit mehr als 300 Unterschriften gegen das Riedlinger Projekt.

Der CSU-Landtagsabgeordnete Wolfgang Fackler wies darauf hin, dass die Staatsregierung den Hochwasserschutz an der schwäbischen Donau von fünf auf jetzt nur noch drei große Flutpolder und vier Rückhaltebecken beschränkt habe. Bei den Planungen gelte es den Klimawandel zu berücksichtigen, der zu einer Häufung von Hochwassereignissen führen werde, nicht weniger aber auch bebaute und landwirtschaftliche Flächen sowie den Naturschutz. Wie Fackler versicherte, sei ein möglicher Anstieg des Grundwassers ein KO-Kriterium für das Riedlinger Projekt. Scharfe Kritik übte der Abgeordnete an einem Großteil der Bürgermeister, die jederzeit an den kleineren Gewässern in ihren Gemeinden einen Beitrag zum Hochwasserschutz leisten könnten, dies aber unterließen.

Überregionale Betrachtung gefordert

Facklers Parlamentskollege Ulrich Singer von der AfD bezweifelte, dass das geplante Rückhaltebecken bei Riedlingen ein wirksamer Beitrag zum Hochwasserschutz sein wird. Zwar sei beim Hochwasserschutz die gesamte Gesellschaft gefragt, an der schwäbischen Donau sei diese jedoch bereits erheblich in Vorleistung gegangen, beispielsweise in Sachen Riedstrom. „Die Politik kann nicht alles bei uns abladen.“ Donauwörths Oberbürgermeister Armin Neudert forderte beim Hochwasserschutz eine überregionale anstatt nur punktuelle Betrachtung. Er bat die Interessengemeinschaft, das Wasserwirtschaftsamt dabei nicht nur als Gegner, sondern vor allem als Partner zu begreifen.

Die Menschen haben die Hochwassergefahr durch die Begradigung der Donau und die Bebauung ihres Umfelds verschärft, räumte Landrat Stafen Rößle ein. „Wir haben dem Wasser seinen Platz genommen und jetzt müssen wir nach Lösungen suchen.“ Das Verfahren für das Rückhaltebecken bei Riedlingen stehe erst ganz am Anfang, in den folgenden Raumordnungs- und Planststellungsverfahren hätten die Betroffenen ausreichend Gelegenheit, ihre Einwände einzubringen. Beide Verfahren werden von der Regierung von Schwaben durchgeführt.

Die bayerische Landesvorsitzende der Grünen und Landtagsabgeordnete Eva Lettenbauer zielte auf die Hochwasservorsorge ab. Dabei seien keine technischen Großprojekte gefragt, sondern die Erhöhung der Wasserspeicherfähigkeit der Böden. Das lasse sich nur gemeinsam mit den Landwirten bewerkstelligen. Die Wasserwirtschaftsämter wiederum müssten lernen, mehr auf ökologische als technische Lösungen zu setzen. „Wir brauchen einen Hochwasserschutz in der Fläche.“ Dazu gehöre die Einschränkung des Flächenverbrauchs.

Demgegenüber erinnerte BBV-Kreisobmann Karlheinz Götz an den Drang der Grünen zu immer strengeren Auflagen für die Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen. Diese führten zu einer Minderung der Humusschicht und damit der Wasserspeicherfähigkeit der Böden. Statt einer Verschärfung der Auflagen sei beim Hochwasserschutz das Verhindern einer weiteren Versiegelung von Flächen gefragt.

---------------------------

Der aktuelle Planungsstand

Die geplanten Deichrückverlegungen und der Hochwasserrückhalteraum bei Riedlingen sind Teil des Hochwasserschutz-Aktionsprogramms Schwäbische Donau. Dabei sind neben den großen Flutpolder-Projekten bei Leipheim, Lauingen und Gremhein auch weniger umfangreiche Rückhaltemaßnahmen geplant, zu denen das Projekt bei Riedlingen gehört. Betroffen ist dort ein rund 140 ha großes Gebiet zwischen der B 16 und dem Flusslauf der Kessel, in dem sich zahlreiche landwirtschaftliche Nutzflächen befinden. Hier die vorläufigen Planungen des Wasserwirtschaftsamtes Donauwörth:

  • Errichtung eines neuen Deichs mit 1,1 bis 1,4 km Länge und einer Höhe von bis zu 3 m zwischen der B 16 und dem bereits vorhandenen Kesseldeich,
  • Öffnen des Kesseldeichs an zwei Einlaufstellen,
  • Einstau des Deichs mit Donauwasser, das sich auf einer Länge von 2 bis 3,6 km in der Kessel flussaufwärts zurückstauen würde.
  • Die Wasserhöhe im Altwasserlauf würde sich dadurch auf 1 bis 4 m belaufen.
  • Der Wasserspiegel im Retentionsraum entspräche dem der Donau.
  • Die Füllung des Rückhalteraums würde sich auf wenige Tage erstrecken.
  • Da der Rückhalteraum auf ein Hochwasser ausgelegt ist, wie es sich statistisch in 80 Jahren einmal ereignet, würde er verhältnismäßig oft geflutet.
  • Ab einem Hochwasserereignis HQ 80 könnte der Rückhalteraum bei Riedlingen rund 1,5 Mio m³ Wasser fassen.
  • Der Einlaufbereich für das Donauhochwasser befindet sich nach vorläufiger Planung auf Höhe des bereits bestehenden Sielbauwerks an der Kessel. Der Einlauf könnte über ein gesteuertes Bauwerk, eine feste Überlaufschwelle oder einen Reißdeich erfolgen. Entleert würde der Rückhalteraum über ein ebenfalls dort angesiedeltes Sielbauwerk.
  • Die im Rückhalteraum gelegenen Hofstellen und Gebäude werden durch individuelle Objektschutzmaßnahmen, beispielsweise Kellerabdichtungen, abgesichert.

Durch den neuen Rückhalteraum sollen die Donau-Anlieger flussabwärts und insbesondere die Stadt Donauwörth vor Hochwassern geschützt werden. Laut Wasserwirtschaftsamt entspricht der vorhandene Kesseldeich nicht mehr dem Stand der Technik.