Menschen

Von Visionen getragen

Ignaz Einsiedler
Susanne Lorenz-Munkler
am Freitag, 12.02.2021 - 12:14

Ignaz Einsiedler gibt nach fast 50 Jahren den Vorsitz der WBV Kempten ab. Einher ging ein starker Wandel im Wald, den Unser Allgäu in einer Serie beschreibt.

Unser Allgäu startet eine Serie, in der die Arbeit der forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse heute und morgen vorgestellt wird. Mehr Infos zur Serie finden Sie hier.

Er ist 72 Jahre alt und ein echter Visionär alter Schule. Seine Passion für Holz bestimmte sein ganzes Leben und tut es noch heute. Ignaz Einsiedler war fast 50 Jahre Vorsitzender der Waldbesitzervereinigung Kempten und gab erst vor kurzem sein Amt ab. „Ich werde langsam müde“, sagt er.

Sieht man die Anzahl seiner noch bestehenden „Holz-Ehrenämter“, kann man das verstehen. In all den Jahren kämpfte er mit seinem bodenständigen Intellekt und Pragmatismus für die Interessen der Waldbesitzer. Seit kurzem zwar auch nicht mehr im Jagdbeirat des Landkreises Oberallgäu und nicht mehr beim Bayerischen Waldbesitzerverband, wo er mehrere Jahrzehnte im Ausschuss saß. Aber es gibt immer noch zahlreiche Ämter, die der 72-Jährige neben seinem Milchviehbetrieb ehrenamtlich bekleidet.

Die Edelholzvermarktung im Blick

Ignaz Einsiedler und Robert Mayr

So engagiert er sich seit 15 Jahren in der Vorstandschaft der Forstlichen Vereinigung Schwabens, im Aufsichtsrat bei der in.Silva e.G. und im Aufsichtsrat des Biomassehofs in Kempten. Und wer meint, Ignaz Einsiedler zieht sich jetzt langsam zurück ins Private, der kennt ihn nicht. Künftig will er sich schwerpunktmäßig einer anderen Aufgabe widmen: der Edelholzvermarktung.


Erst 25 Jahre war er alt, als er zum 1. Vorsitzenden der Wbv Kempten Land und Stadt gewählt wurde, die erst kurz zuvor gegründet worden war. Er sollte eigentlich nur pro forma als Gegenkandidat antreten, wurde aber überraschenderweise mit großer Mehrheit gewählt. „Dann war ich`s halt“, lacht er und war es ein halbes Jahrhundert lang.

Neueste waldbauliche Erkenntnisse vermittelt

Einsiedler, einer der sieben Kinder von Max und Maria Einsiedler, fühlte sich schon immer vom Wald magisch angezogen. Im elterlichen Hof in Eufnach liebte er die Tiere, ging aber am liebsten mit der Tante zum „Kulturstreichen“ in den Wald. Schon mit 14 Jahren schickte ihn der Vater mit dem BBV-Ortsverband Wildpoldsried zu einer Informationsveranstaltung in die Plenterwälder ins Westallgäu. „Das werde ich mein Lebtag lang nicht vergessen“, schmunzelt er. „Das hat mich sehr beeindruckt.“

Mit 19 Jahren übernahm er den elterlichen Milchviehbetrieb und die dazugehörigen zehn Hektar Wald. Er besuchte die Landwirtschaftsschule und die Bayerische Waldbauernschule. Als Vorsitzender der WBV kümmerte er sich seinerzeit vorwiegend um den Verkauf von Faserholz. „Die Papierfabriken waren anfangs sehr skeptisch, als sich die ersten forstlichen Zusammenschlüsse bildeten“, erinnert er sich.


Die Fabriken in Schongau, Ettringen und Augsburg hatten damals ihre eigenen Kommissionäre. Die haben wir einfach aufgenommen und sie zu unseren Waldwarten gemacht.“ Auf vielen Veranstaltungen und Lehrfahrten habe man den Mitgliedern die neuesten waldbaulichen Erkenntnisse vermittelt.

Erinnerungen an goldene Zeiten

Ignaz Einsiedler

Bis zum „Waldsterben“ hätten die Allgäuer Wälder ihre Eigentümer reich gemacht, erinnert sich Einsiedler. „Es waren goldene Zeiten. Es gab kaum mal einen Sturm, ganz wenige Käfer. Die Waldwirtschaft war rein ökonomisch orientiert, Naturschutz spielte noch keine Rolle. Die Notwendigkeit im Wald Naturschutz zu betreiben war nicht da, da es noch so viel ungenutzte Flächen gab. Anfang der 80er Jahre war die Waldwirtschaft am höchsten Punkt der Wirtschaftlichkeit“, blickt er etwas wehmütig zurück.


Die forstlichen Zusammenschlüsse suchten damals vor allem für das Schwachholz aus den Nachkriegsbeständen eine Verwendung als Faserholz und Profilzerspanerholz. Es gab die ersten Anlagen für Profil-Zerspaner. Denn die schwachen Hölzer waren für die örtlichen Säger uninteressant. „Wir haben Profil-Zerspaner mit sechs bis acht Meter Länge gemacht. Unglaublich, welche Wertschöpfung wir dadurch generiert haben“, ist er noch heute stolz.


Dann kam Anfang der 80er Jahre das Waldsterben . Einsiedler demonstrierte als einer der ersten in München auf dem Marienplatz. Er war überzeugt davon, dass das Schwefeldioxid in der Luft reduzierbar ist. Was sich dann ja auch mit der Einführung der Katalysatoren zeigte. Als Verbandsfunktionär ärgerte er sich und ärgert sich noch heute über viele Beamte: „Technokraten, die keine Vision und keine Mission haben, sondern einfach ihre Arbeit erledigen“, sagt er.

Sturm Wiebke markiert den Wendepunkt

Er habe immer für das Eigentum gekämpft. Aber auch den Waldbesitzern erklärt, dass Eigentum verpflichtet, und die Waldbesitzer Verantwortung für das Gemeinwohl tragen. „Wer ein Stückchen Wald hat, ist ein reicher Mann“, ist immer noch Einsiedlers Credo, auch wenn der Wald heute eher ein Draufzahlgeschäft ist. „Man darf den Reichtum nicht nur im Geld sehen. Ein Stückchen Erde zu besitzen, ist ein einmaliges Glück“, sagt er.


Dann kam 1990 der Orkan Wiebke. Die nächste Katastrophe. „Wir sind vor einem unermesslich großen Berg von Sturmholz gestanden, das wir innerhalb von drei Jahren verkaufen konnten. Unser Glück war, dass es damals noch viele kleine Holzsägewerke gab, und nicht nur Global Player wie heute, die den Preis diktieren.“ Nach Wiebke mussten sich die forstlichen Zusammenschlüsse zum ersten Mal bewähren. Es kam eine Welle neuer Mitglieder mit viel Holz und mithin noch mehr Aufgaben.


Dann fand ein Paradigmenwechsel im Waldbau statt. Über Jahrhunderte hatte der Wald in erster Linie als Jagdrevier und reiner Holzproduzent gedient. Für Menschen mit althergebrachter Einstellung zur Forstwirtschaft war das schwer zu verstehen. In den Jahren nach Wiebke wurden nicht nur Kahlflächen in Mischwald umgebaut, sondern auch die Jagdstrecke wurde vervielfacht.

Gemeinsame Aktion gestartet

Wald Allgäu

Das erforderte viel Überzeugungsarbeit von Seiten der Forstämter und auch der forstlichen Vereinigungen. Die schwer angeschlagenen Waldbesitzer mussten zudem finanziell unterstützt werden, damit sie dieser Aufgabe gerecht werden konnten. Das „Waldrand-Programm“ des Landkreises Oberallgäu unter Landrat Hubert Rabini war einzigartig in ganz Bayern. Unter den Initiatoren: Ignaz Einsiedler. Es war eine gemeinsame Aktion von Waldbesitzern, Jägern und Naturschützern und galt der Förderung der Artenvielfalt und der Äsungsverbesserung.


Ebenso kam die Initialzündung zur Gründung des Biomassehofs Allgäu im Jahr 1997 von Einsiedler: „Ich war schon seit 30 Jahren Mitglied im österreichischen Biomasseverband und habe dort viel abgeschaut. Wir mussten endlich wegkommen vom Verbrauch der endlichen fossilen Energien.“ Die Gründung des Biomassehofs Allgäu in Kempten war dann der große Wendepunkt. Der damalige WBV-Geschäftsführer Markus Romer begann zusammen mit Ignaz Einsiedler und anderen Mitstreitern Netzwerke zu gründen. „Visionen haben uns getragen“, erinnert sich Einsiedler. Visionen für eine flächendeckende Biomassenutzung. Bei der Gründung des Holz-Heizkraftwerks Sonthofen und der BioEnergie e.GG sowie dem Heizwerk in Immenstadt war Einsiedler Impulsgeber.

Bündelung des Angebots im Vordergrund

Im Laufe der Zeit rückten immer mehr andere Aufgaben für die forstlichen Zusammenschlüsse in den Vordergrund. Vor allem die Bündelung des Angebots, um den Marktgiganten und Global Players auf dem Holzmarkt auf Augenhöhe zu begegnen. Markus Romer, Ignaz Einsiedler, der Förster Hugo Wirthensohn und andere Mitstreiter hatten sich zum Ziel gesetzt, die Wertschöpfung in der Region zu halten. Sie gründeten unermüdlich neue Verbände und Netzwerke. Es entstand der Allgäu Holz Markenverband, in Silva e.G., die Wald-Säge Fuchstal eG, das Holzforum Allgäu und die Forstbedarfsgenossenschaft Allgäu. Und überall war Ignaz Einsiedler mit von der Partie.


Seit einigen Jahren macht der Klimawandel den Waldbesitzern Probleme. Dazu Stürme und Trockenheit und die damit einhergehenden Kalamitäten, die Konzentration der Sägeindustrie und die zunehmende Digitalisierung der Waldbewirtschaftung. Einsiedler sieht in diesen Herausforderungen auch Chancen. „Entscheidend ist, dass wir uns als Gemeinschaft sehen und eigenverantwortlich die Ertragsfähigkeit und Stabilität unserer Wälder erhalten“, sagt er und übergab nach fast 50 Jahren den WBV-Vorsitz an Franz Prestel.


Doch Ruhestand ist nicht sein Ziel. Einsiedler möchte jetzt seine Energie in die Allgäuer Wert- und Edelholzgesellschaft mbH&Co.Kg stecken, die einzelstammweise wertvolles Holz aus der Region aufkauft, dieses aufarbeitet, lagert und Schreinern zum Kauf anbietet. In der eigenen Werkstatt wird das Holz zum Teil selbst verarbeitet. Das Alleinstellungsmerkmal seines Produkts „Wert holz“: Regionalität und Transparenz der Herkunft. Denn Holz der kurzen Wege ist in erster Linie eines: umweltfreundlich. Es ist Einsiedler ein großes Anliegen, das „schöne Allgäuer Holz“ zur Geltung zu bringen.