Biomarkt

Wie viel Bio verträgt der Markt?

Bayern
Patritia Schallert
am Montag, 24.02.2020 - 10:51

Wird die Wachstumsrate der vergangenen fünf Jahre herangezogen, könnte sich der Anteil der Ökoflächen auf 48,5 % erhöhen.

Oberwiesenbach/Lks. Günzburg - In seinem Vortrag „Wie viel Bio verträgt der Markt?“ beim vlf Krumbach-Weißenhorn ging Johannes Enzler auf die Entwicklung der Ökomärkte ein. Dieser habe in den den vergangenen Jahren einen starken Aufschwung erfahren, die staatlichen Ökoförderungen sind für die Betriebe interessant geworden, sagte der Leiter des Arbeitsbereichs Ökologische Land- und Ernährungswirtschaft an der Landesanstalt für Landwirtschaft. 2018 bewirtschafteten in Deutschland 31.700 Bio-Betriebe eine Fläche von insgesamt rund 1,5 Mio. ha. Im Vergleich zu 2017/18 erhöhten sich damit die Zahl der Bio-Betriebe um knapp 10 % und die Bioflächen um 19 %. Bayern rangiert in Sachen Öko nahezu in allen Bereichen, also von der Erzeugung über die Verarbeitung bis hin zur Futtermittelherstellung, auf dem ersten Platz.

Vor allem Milcherzeuger sind Verbänden angeschlossen

Landesanstalt

In Bayern haben die Öko-Betriebe im vergangenen Jahr die Zehntausendermarke überschritten. Bei den Bioverbänden hat zwar Bioland mit deutschlandweit 7.744 Mitgliedern die Nase vorn, gefolgt von Naturland mit 3,721 Mitgliedern, im Freistaat verhält es sich umgekehrt. Hier hat Naturland einen knappen Vorsprung vor Bioland. Im Vergleich zu EU-zertifizierten Biobetrieben waren 2018 auf Bundesebene bereits 49 % als Verbandsbetriebe gelistet. Grund dafür ist, so Enzler, dass vor allem Milcherzeuger um eine Verbandsangehörigkeit nicht herumkommen. In Bayern sind 67 % der Biobetriebe einem Verband angeschlossen.

Die Flächen im ökologischen Landbau sind von Dauergrünland und Futterbau geprägt. Gegenüber den konventionellen Betrieben verzeichnen Ökobetriebe einen hohen Anteil von Hülsenfrüchten. „Allerdings ist die Selbstversorgungsrate bei Ackerbohnen, Erbsen und Lupinen deutlich schlechter, als wir es uns wünschen würden“, bedauerte Enzler. Das sei wohl dem nicht ganz einfachen Anbau geschuldet, weil gegen Schädlinge keine chemischen Mittel eingesetzt werden können. Ebenso verhalte es sich mit Reihenkulturen, wo ein starker Unkrautdruck herrscht. „Deshalb sind besonders Umstellungsbetriebe nicht besonders auf den Anbau von Hülsenfrüchten erpicht.“

Preislich durchaus interessant sei der Anbau von Bio-Zuckerrüben. Auch im Bio-Gemüseanbau gebe es noch Luft nach oben. 

Preiseinbußen bei Weizen, Roggen und Triticale

vlf

Im bayerischen Bio-Getreideanbau nimmt der Weizen einen hohen Stellenwert ein, gefolgt von Roggen, Gerste und Hafer. Rund zwei Drittel davon werden als Futterware verwendet. Das ist besonders für Umsteller wichtig. Bei der deutschen Bio-Getreideernte 2019 wurde eine knapp 13%ige Steigerung verzeichnet. Daraus resultierten vor allem bei Weizen, Roggen und Triticale Preiseinbußen. Gute Erlöse lassen sich laut Enzler noch mit Hafer und Dinkel erwirtschaften. „Hier haben die Verbände sogar Anbauempfehlungen für 2020 ausgesprochen.“ Im Vergleich zu 2018/19 hat vor allem der Bio-Anbau von Zuckerrüben, Sonnenblumen und Körnermais zugelegt. Auffällig sei der Rückgang der Ackerbohnenfläche um elf Prozent. Der vermehrte Anbau von bestimmten Kulturen führte zu Preisrückgängen.

Starker Zuwachs bei den Hennen

Bei den bayerischen Tierbeständen wurde ein starker Zuwachs von Bio-Legehennen verzeichnet. Die Bio-Eierversorgung in Deutschland liegt inzwischen bei 94%. Ein Rückgang war bei Zuchtsauen und Mastschweinen zu verzeichnen. So gibt es in Bayern nurmehr 0,9% Ökoschweine. „Die Umstellung auf Bio ist für einen spezialisierten Ferkelerzeuger mit Blick auf Stallum- oder Neubauten eine besondere Herausforderung“, so Enzler. 

Vom Lebensmitteleinzelhandel geht zunehmende Nachfrage aus

In den vergangenen zehn Jahren zeigte die Entwicklung der Öko-Verarbeitungsbetriebe in Bayern – Bäckereien, Metzgereien, Brauereien - einen kontinuierlichen Aufwärtstrend. Auch der Umsatz mit Öko-Produkten ist in Deutschland von 2013 bis 2018 von 7 auf rund 11 Mrd € gestiegen. Über den Lebensmitteleinzelhandel wurden 59 % der Bioprodukte abgesetzt. Das mache deutlich, dass vom LEH eine zunehmende Nachfrage ausgeht. Außerdem zeigen sowohl Handelsketten als auch Discounter ein steigendes Interesse an Verbandswaren und greifen damit den Verbraucherwunsch nach regionalen Lebensmitteln auf. „Wie stark der Preisdruck auf Bio-Lebensmittel künftig sein wird, ist schwierig einzuschätzen“, sagte Enzler.

Import nicht sonderlich ökologisch

Der Import von Bio-Produkten sei speziell bei Sojabohnen mit 91 % wohl nicht besonders ökologisch.

Obwohl sich im Biomilch-Bereich starke Bewegungen abzeichnen, wurden 2017/18 nach wie vor 47 % der Butter oder 36 % der Trinkmilch importiert. Auch die Einfuhr von Bio-Kartoffeln belief sich auf mehr als 30 %.

Vorreiter beim Biogemüse-Import sind Paprika (88 %), Tomaten (88 %) und Gurken (86 %).

Einen relativ hohen Bio-Selbstversorgungsgrad mit mehr als 50 % hat Deutschland in der Möhren- und Zwiebelproduktion. Der Begriff „Import“ sei vor allem im Bio-Bereich ein Reizwort, weil sich ein erheblicher Teil der Waren auch in Deutschland erzeugen ließe - freilich zu höheren Preisen. Weil Öko allein für viele Verbraucher kein Argument mehr ist, tendieren die Abnehmer zunehmend zu regionalen Produkten.

Nach jetziger Dynamik bis zu 48 Prozent denkbar

Zur Entwicklung des ökologischen Landbaus in Deutschland stellte Enzler drei Berechnungsgrundlagen vor: Auf der Basis der geringsten Wachstumsrate der vergangenen zehn Jahre würde im Jahr 2028 der Anteil der Ökoflächen bei 9,4 %, bei Anwendung der mittleren Wachstumsrate bei 17,2 % liegen, also weit unter dem politischen Ziel. Wird jedoch die starke Wachstumsrate der vergangenen fünf Jahre herangezogen, könnte sich der Anteil der Ökoflächen auf 48,5% erhöhen. Ob diese Annahme realistisch ist, ließ Enzler dahingestellt.

Auch wenn sich im Bio-Bereich gute Preise erwirtschaften lassen und der Handel bei den meisten Produkten ein größeres Angebot noch gut aufnehmen kann, stellt eine Umstellung die Betriebe doch vor Herausforderungen mit Blick auf mögliche Abnehmer, die Investitionen in der Tierhaltung, die Vollmilchfütterung der Kälber, den Lagerraum für das Getreide, die Qualitätsanforderungen, die Kosten für die Zertifizierung und den Verbandsbeitrag.

In Bayern erhalten Biobetriebe eine Investitionsförderung im Rahmen des Sonderprogramms Landwirtschaft (BaySL). Außerdem will der Freistaat die Außer-Haus-Verpflegung mit Biolebensmitteln ankurbeln und die Ausbildung in den Berufen des Lebensmittelhandwerks hinsichtlich der Verarbeitung von Ökoprodukten fördern. Mit unterschiedlichen Projekten wollen die bayerischen Öko-Modellregionen für eine Steigerung der Nachfrage nach ökologisch produzierten Lebensmitteln sorgen.

Kapitän geht von Bord

vlf

Auf der Veranstaltung des vlf wurde auch ein Generationswechsel bekannt gegeben. 21 Jahre lang zog Peter Zanker als Vorsitzender die Fäden im VLF Weißenhorn und später im fusionierten VLF Krumbach-Weißenhorn. Auf der Jahresversammlung in Oberwiesenbach legte er eine wohlbestellte bäuerliche Fortbildungsorganisation in die Hände seines Nachfolgers Johannes Wiedenmann. Die Fußstapfen, in die der 26-jährige Landwirtschaftsmeister aus Hausen tritt, sind groß. Wiedenmann bewirtschaftet mit seiner Lebensgefährtin Jessica Sailer und seinen Eltern Christa und Siegfried Wiedenmann einen Milchviehbetrieb mit 30 Fleckviehkühen in Anbindehaltung und 70 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. Ein neuer Laufstall für hundert Kühe soll noch heuer bezugsfertig werden.