Vor Ort

Viehzucht ist die große Leidenschaft

Familie Graf Kimratshofen
Josef Berchtold
Josef Berchtold
am Freitag, 07.05.2021 - 04:27

Im Kimratshofener Ortsteil Bruderhöfe bewirtschaftet Richard Graf mit seiner Familie einen schönen Milchviehbetrieb. Gerne diskutiert man hier über die Viehzucht und die künftige Betriebsausrichtung – in alle Richtungen.

Familie Graf aus dem Weiler „Bruderhöfe“ bei Kimratshofen im Oberallgäu bewirtschaftet in vielerlei Hinsicht einen typischen Allgäuer Milchviehbetrieb: reines Grünland, kein Ackerbau, im Stall eine schöne Braunviehherde und eine Bauernfamilie, die zusammenhält.

Betriebsleiter Richard Graf (50) arbeitet Vollzeit im Betrieb, seine Frau Patricia halbtags in der Bank, Tochter Janina (22) ist Diätassistentin in einer Rehaklinik und Sohn Jannik (17) macht die Ausbildung zum Mechatroniker. Die ganze Familie ist zudem im Betrieb engagiert. Auch Richards Mutter Luise hilft gerne im Stall und Richards 2020 verstorbener Vater Georg war noch mit Eifer dabei, solange es die Gesundheit zuließ. 

Die Viehzucht spielt in dem 50-Kuhbetrieb eine große Rolle. Richard ist der Obmann der Viehzuchtgenossenschaft Kimratshofen, wie es zuvor schon sein Vater war. Ein sehr großes Interesse für die Viehzucht bekam Janina in die Wiege gelegt. Sie ist im Vorstand der Jungzüchter und mit ihrem Vater häufig am fachsimpeln und diskutieren. „Wir sind uns bei der Stierauswahl und bei unseren Zielen nicht immer einig“, sagt Richard. Er setzt in erster Linie auf Allrounder, die in der Leistung wie in Fundament, Euter und Fitness verbessern. Mit Stieren wie Pronto, Hucos oder Huray machte er gute Erfahrungen, auch die Vasir-Töchter bei Graf seien gute und stabile Kühe gewesen. 

Janina legt ihre Priorität etwas anders. Sie würde am liebsten jeden Monat auf eine Viehschau ziehen. Es ist erfrischend zu sehen, wie engagiert hier diskutiert wird – und am Ende findet sich meistens ein Kompromiss. „Oder Papa setzt sich durch“, erzählt Janina und lacht. Bei einem Teil der Herde darf sie aber den Anpaarungsstier aussuchen. Janinas Liebling in der Herde ist die 10-jährige Heike, eine wunderschöne Harlem-Tochter in der 7. Laktation (7/6,9  8241  4,24  3,57), mit der sie schon auf mehreren Schauen erfolgreich war. 

Van PS und Hamburg aus der B-Kuhfamilie

Etwa die Hälfte der Herde stammt aus der B-Familie, aus der zwei Besamungsstiere stammen. Der Vasient-Sohn Van PS aus dieser Linie war ein gefragter hornloser Genomstier. Seine Mutter Huray Balance (8/8,4  8837 4,39 3,66) gab viel Milch, kalbte achtmal und war auf Ausstellungen erfolgreich. Auf Bundes- und AHG-Schauen holte sie einen Gruppen-Eutersieg sowie einen 1. und einen 2. Abteilungsplatz. Auch deren Mutter Blenda war eine gute Kuh und warb für ihren Vater Hucos bei der EuroTier 2008.  

Fast zeitgleich mit AG Van PS wurde der Hacker-Sohn AG Hamburg angekauft. Er stammt ebenfalls aus dem B-Stamm, allerdings spaltet sich die Linie vier Generationen vor Van PS bzw. sechs Generationen vor Hamburg auf. Hamburg indes war ein unscheinbares Stierkalb aus der mittelrahmigen, wenn auch euterstarken Padua-Tochter Briela. 
„Wenn es Van nicht gäbe, hätte man Hamburg gar nicht angekauft“, erinnert sich Richard Graf. Als nämlich Van als Kalb typisiert wurde, konnte er den Zuchtverband davon überzeugen, auch das Hacker-Kalb aus Padua Briela gleich mit zu testen. Die beiden sind gleich alt, geboren im November 2014. Beide Kälber typisierten gut und wurden von der Alpengenetik angekauft. Trotzdem stand AG Hamburg zunächst im Schatten von AG Van PS, der auch der rahmigere und schönere Stier war. „Auch wir selbst haben viel mehr mit Van PS besamt“, erklärt der Züchter. Er war überzeugt von ihm: „Wir haben uns viel Milch und ein gutes Exterieur versprochen, und das bei einem Hornlosstier“, erklärt der Züchter. Und so dachten viele Bauern: Allein in Bayern wurden von Van PS 3322 Kälber geboren, von Hamburg bis heute nur 283. 

Mit den eigenen Töchtern änderte sich das Bild und so liegt Van PS heute bei GZW 102, während Hamburg bei der April-Schätzung 2021 auf GZW 133 anstieg. 

Immer zwei Schnitte gleichzeitig im Trog

In einem reinen Grünlandbetrieb ist die Fütterung der Herde anspruchsvoll. Im Gegensatz zu Betrieben mit Silomais gibt es hier größere Schwankungen in der Ration, wenn die Silage von einem Schnitt zu Ende geht und ein neues Silo aufgemacht wird. Um das ganze abzumildern, füttert Graf immer zwei Schnitte gleichzeitig. So werden der 1. und 3. Schnitt aufeinander siliert, ebenso der 4. und der 5. Schnitt. Dadurch gibt es nur zweimal jährlich einen nennenswerten Futterwechsel. Aus dem 2. Schnitt wird vorwiegend Dürrfutter gemacht. Weil die Herbstsilagen meist viel Eiweiß, aber wenig Struktur und Energie aufweisen, wird diese noch mit 10 Prozent zugekaufter Maissilage ergänzt. 

Seit 2006 beteiligt sich Graf am Projekt Para-TB und kann mittlerweile Para-TB-unverdächtige Tiere vermarkten. Noch ein Detail aus dem Management betont Richard Graf: „Die Umstellung auf die Ad-libitum-Tränke bei den Kälbern mit angesäuerter Milch war bei uns ein Meilenstein“, erklärt er. Die Kälber sind seitdem gesünder und entwickeln sich viel besser. So manches Nutzkalb kann er seitdem schon mit drei Wochen vermarkten, die meisten verlassen mit rund vier Wochen und 80 kg den Betrieb.  

Die zukünftige Ausrichtung

Der Bruderhof der Familie Graf gehörte bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Kloster und ist seit 1865 in Familienbesitz. Der frühere Anbindestall wurde 2002/03 zu einem Laufstall umgebaut, dabei wurde von 28 auf 40 Kühe aufgestockt. Im Jahr 2016 wurde angebaut und seitdem bietet der Stall Platz für 58 Kühe. Familie Graf hat den Hof schon jetzt breit aufgestellt: Das außerlandwirtschaftliche Einkommen und eine PV-Anlage sorgen dafür, dass man nicht allein auf die Einnahmen aus der Milchwirtschaft angewiesen ist. 

Geht es nach Richard und Patricia, sollte die Familie diesen Weg fortsetzen und nicht die „Flucht in die Größe“ antreten. Wie man den Betrieb weiter breit aufstellen könnte, darüber machen sich Grafs immer wieder Gedanken. So beschäftigt sich die Familie auch mit „sozialer Landwirtschaft“. Patricia hat dazu Seminare besucht und bis März 2020 hatten Grafs zweimal wöchentlich einen zuverlässigen Mitarbeiter aus den Allgäuer Werkstätten am Hof. 

Auch das Thema „Streuobst mit alten Sorten“ finden sie spannend. In 2019 haben sie in dem Projekt „Pflanzen-Pflegen-Ernten“ mit den Allgäuer Werkstätten 24 Obstbäume aus alten und robusten Hochstammsorten auf 4400 m2 gepflanzt. „Das ganze haben wir vor dem Bienen-Volksbegehren  gemacht“, betont die Bäuerin, es wurde also auf eigene Initiative initiiert. Obst aus alten Sorten sei für viele Menschen besser verträglich und immer mehr gefragt. 

Auch die Vermarktung von veredelten Obst-Produkten könnte eine Ergänzung für den Betrieb sein. Oder vielleicht doch ein kleines „Bauernhof-Café“, wie es Janina schon einmal angedacht hatte? Man sieht, alle machen sich Gedanken, wie man die „Bruderhöfe“ weiter entwickeln könnte – es wird also nicht nur über Viehzucht diskutiert bei Familie Graf.