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Saisonstart

Das Vieh zieht auf die Alpen

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Redaktion Wochenblatt
am Montag, 16.05.2022 - 12:30

AVA-Geschäftsführer Michael Honisch über stabile Beschlagszahlen, angepasste Weidepflege und die künftige Fördersituation.

Alpauftrieb

Im Allgäu haben die ersten tiefergelegenen Alpen ihr Vieh aufgetrieben. In den kommenden Wochen folgt nach und nach auch der Auftrieb auf die die weiteren der insgesamt 703 Alpen des Allgäus.

Dr. Michael Honisch, seit zwölf Jahren Geschäftsführer des Alpwirtschaftlichen Vereins Allgäu (AVA), rechnet damit, dass insgesamt rund 31 000 Rinder den Sommer 2022 in den Bergen verbringen. Davon 2500 Kühe, deren Milch auf den noch 42 Sennalpen zu Käse verarbeitet wird. Außerdem verbringen knapp 300 Pferde, 400 Schafe, 200 Ziegen und an die 500 Schweine den Sommer 2022 in den Bergen.

Etwa 170 der 703 Betriebe verfügen über eine „Kleine Konzession“ und dürfen Gäste mit Brotzeiten bewirtschaften.

„Die Beschlagszahlen waren in den letzten Jahren relativ konstant und an Hirtenpersonal besteht kein Mangel“, freut sich Honisch. „Die Voraussetzungen für die Pflege unserer etwa 20 782 ha Alpweiden sind also gegeben“, betont er und verweist auf die bedeutenden Gemeinwohlleistungen der Alpwirtschaft durch das Offenhalten der Kulturlandschaft.

„So unterstützen die Älpler nicht nur den Tourismus, sondern erhalten eine immense Artenvielfalt durch das Nutzungsmosaik von intensiver und extensiver Alp-Beweidung“, so Honisch.

Positive Anreize für die Älpung

Die Nachfrage nach Älpungsplätzen sei - trotz des schleichenden Strukturwandels im Tal - nach wie vor hoch. „Die Vorteile der Älpung für die Gesundheit und Lebensleistung der zukünftigen Milchkuh werden nach wie vor bei vielen Züchtern, die es mit der Tierzucht und dem Tierwohl ernst nehmen, hochgeschätzt“, sagt der AVA-Geschäftsführer.

Die Abgabe des Viehs trägt zudem zur Arbeits- und Futterentlastung der Talbetriebe bei. Denn die Vorgaben der Düngeverordnung zwingen mitunter viehstarke Betriebe zur Auslagerung des vorhandenen Jungviehs. Auch die Weideprämie, die derzeit noch dem Eigentümer der Tiere ausbezahlt wird, setze positive Anreize zur Älpung.

Nach einem relativ schneearmen Winter und einem März ohne Niederschläge haben Trockenheit und Spätfröste dem Vegetationsstart in den Tallagen zunächst einen „Wachstumsdämpfer“ verpasst. Jetzt hat die Vegetation rasch aufgeholt „Wenn in diesen Tagen die ersten Kühe und Rinder auf die Alpen aufziehen, sind wir voll im zeitlichen Rahmen. Wir müssen nun schon eher aufpassen, dass der Auftrieb nicht zu spät erfolgt“, beschreibt Honisch die Lage.

Folgt der Weidebeginn zu spät, können, insbesondere nach dem nassen Jahr 2021, auch Unkräuter zu Problemen führen, so der Grünlandexperte. Oft sei zu beobachten, dass bei zu spätem Viehauftrieb oder zu schwachem Viehbesatz die Gräser schnell altern und vom Vieh nicht mehr gefressen werden.

Auch der Anteil an Farn, Borstgras, Klappertopf und Gehölzpflanzen nehme zu. Auf feuchten „sauren“ Standorten, die extensiv genutzt und durch den Viehtritt aber belastet werden, kann es auch zu vermehrtem Auftreten von Binsen kommen.

Honisch empfiehlt daher, frühzeitig eine konsequente Weidepflege durchzuführen, den Kalkzustand zu überprüfen und gegebenenfalls eine mechanische Unkrautbekämpfung durchzuführen.

Honisch weist noch einmal auf das Anwendungsverbot chemischer Unkrautbekämpfungsmittel in Naturschutzgebieten und in gesetzlich geschützten Biotopen außerhalb von intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen hin. „Die Untere Naturschutzbehörde konnte bislang unter bestimmten Voraussetzungen die Verwendung dieser Mittel zulassen. Mit der Novellierung der Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung (PflSchAnwV) als Teil des Aktionsprogramms Insektenschutz der Bundesregierung wurden die Anwendungsmodalitäten für Glyphosat-haltige Pflanzenschutzmittel verschärft. Die Anwendung dieser Mittel in diesen sensiblen Gebieten wurde weiter eingeschränkt.“

Nur gesundes Vieh auf die Alpen

Mit Blick auf das aktuelle Auftriebsgeschehen erinnert Honisch daran, dass „nur gesundes Vieh“ auf die Alpen darf. Das heißt, die Tiere müssen frei von Flechten sein und eine vorbeugende Impfung gegen Magen-Darmwürmer und Lungenwürmer haben. Wichtig sei es auch, dem Leberegelbefall vorzubeugen.

Die Tbc-Problematik habe sich indes etwas entspannt. Die Gefahr eines Wiederausbruchs hält Honisch aber für nicht ausgeschlossen. Die Ansteckungsgefahr könne durch entsprechende Hygienemaßnahmen erheblich verringert werden, z.B. in dem Äsungs- und Weidebereiche getrennt oder Salzlecken nicht offen ausgelegt werden.

An die Beschläger appelliert er, wie jedes Jahr, ihre Jungrinder schon zuhause an Weidegang zu gewöhnen. „Gerade Laufstall-Schumpen müssen wissen, was das Grüne zwischen ihren Klauen, und was ein elektrischer Weidezaun ist.“ Sonst sei der Ärger beim Auftrieb vorprogrammiert.

Erschließung der Alpen ist notwendig

Im Allgäu ist eine Vielzahl der Alpen, dank der Anstrengungen früherer Jahre, durch einen Traktor befahrbaren Weg erschlossen. Die Erschließung mit bedarfsgerechten und naturverträglich gebauten Alpwegen sei notwendig, meint Honisch, um eine ordnungsgemäße Bewirtschaftung sicher zu stellen.

Das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) fördert auch weiterhin den Alpwegebau. Gerade in Zeiten des Klimawandels mit vielen Starkregen-Ereignissen, wie etwa im vergangenen Jahr, würden die Wege oft massiv geschädigt. Die Schäden vom Vorjahr seien aber weitgehend behoben.

Fördersituation 2022

Die Fördersituation im Jahr 2022 wird sich nach Angaben des ALE in Krumbach im Vergleich zum Jahr 2021 trotz allgemein sinkender Zuschussmittel nicht verschlechtern. So werden für das Jahr 2022 bis zu 850 000 € bereitgestellt. Dies sind, bei einem Fördersatz von 75 %, etwa. 1,2 Mio. € Investitionen.

Das ist im Vergleich zu 2021 - hier wurden 800 000 € Zuschussmittel gebunden - sogar eine leichte Steigerung.

Eine gute Erschließung der Alphütten mit Wegen und Zugang zu sauberem Trinkwasser und Strom erleichtern es, vor allem junge Familien für die Alpwirtschaft zu gewinnen. Die Nachfrage nach Alpstellen sei hoch. Nicht immer seien die Bewerber jedoch für eine Arbeit auf der Alpe auch geeignet.

Gerade die Herausforderungen des Klimawandels erforderten sehr viel Wissen über richtiges Weidemanagement und angepassten Viehbesatz.

Alpe

Dass in den vergangenen Jahren keine einzige Alpe aufgelassen werden musste, sei nicht zuletzt den europäischen und bayerischen Förderprogrammen zuzuschreiben. Mit der Umsetzung der neuen GAP werden für das nächste Jahr bedeutsame Änderungen im Fördersystem auf die Bauern und Älpler zukommen.

Es bleibt abzuwarten, inwieweit das Grünland hierbei bedient wird, sagt Honisch. „Die Betriebe in Bayern profitierten in der 1. Säule zwar besonders von der Umverteilungsprämie auf die ersten Hektare und von der Junglandwirte-Prämie.

Einige Kulap-Maßnahmen werde es aber künftig wohl nicht mehr geben, weil sie unter den Ökoregelungen bei den Direktzahlungen angeboten werden. Oder weil sie inzwischen zur Pflicht geworden sind.

Intensiv wirtschaftende Betriebe, auch viele Talbetriebe, sind besonders gefordert. Im Gespräch sei auch eine Umstellung der Weideprämie, so Honisch. Wird sie an den jeweiligen Halter ausbezahlt, befürchten die alm- und alpwirtschaftlichen Verbände, dass der finanzielle Anreiz, die Tiere auf die Alpe zu geben, damit womöglich verloren gehe.

Für viele Alpen interessant hingegen bewertet Honisch die Ökoregelung 5 des Bundes, die ab nächstes Jahr (jährlich neu) zu beantragen wäre. Die extensive Bewirtschaftung von Dauergrünlandflächen (auch Alpweiden) mit mindestens vier regionalen Kennarten wird mit einer Prämie von 240 €/ha in den Jahren 2023 und 2024 ausgestattet.

Sind als Ergebnis einer extensiven Bewirtschaftung aus einer bestehenden Liste (von derzeit 35 Arten) eine Mindestanzahl von vier Arten vorhanden, winken also attraktive Fördersummen. Es kann sich also finanziell lohnen, sich schon jetzt mit dem Artenreichtum seiner Flächen zu beschäftigen, um darüber Bescheid zu wissen, was wächst, wenn im nächsten Frühjahr dann die neuen Förderanträge zu stellen sind.

Mit Material von AELF Kempten