Forstwirtschaft

Verordnung kommt zur falschen Zeit

01Holzmarktinterview
Susanne Lorenz-Munkler
am Dienstag, 18.05.2021 - 10:13

Privatwaldbesitzer sind arg verärgert über das Forstschäden-Ausgleichsgesetz. Der Vorsitzende des Holzforums Allgäu übt Kritik.

Altusried/Lks. Oberallgäu Die Rundholzpreise sind derzeit so hoch wie schon lange nicht mehr. Seit Dezember 2020 stiegen sie kontinuierlich an und haben sich jetzt für frisches Fichtenholz im Sortiment BC auf rund 100 €/fm eingependelt. Gleichzeitig kommen Hilferufe von Allgäuer Holzbaufirmen, Schreinern und Zimmerern: Lieferengpässe und überhöhte Preise belasten die Branche enorm. Davon profitieren die Privatwaldbesitzer, denkt man. Denn jetzt könnten sie das Geld, das sie in den vergangenen Jahren durch Stürme und Kalamitäten verloren haben, wieder hereinwirtschaften.

01forstschadensausgleichsgesetz

Zur Erinnerung: Im Vergleichsmonat 2020 lag der Holzpreis bei 30 €/fm. Doch genau in diese Situation platzt ein neues Bundesgesetz, das Forstschäden-Ausgleichsgesetz, das bis September gilt. Dieses verfügt, dass bei der Fichte der Holzeinschlag auf 85 % reduziert wird. Das sind beim durchschnittlichen Allgäuer Privatwaldbesitzer gerade mal zwei ausgewachsene Fichten pro Hektar. Unser Allgäu sprach über das Dilemma mit Hugo Wirthensohn, Vorsitzender des Holzforums Allgäu, und ehemaliger forstlicher Berater der Waldbesitzervereinigung Kempten Land und Stadt.

Unser Allgäu: Warum ist seit Dezember der Holzpreis so massiv gestiegen?

Wirthensohn: Da sind einige Faktoren zusammengekommen. Zum einen haben unsere großen Säger 2020, als wir nach Stürmen, Trockenheit und Kalamitäten nicht wussten, wohin mit dem Schadholz, Verträge mit China geschlossen. Dazu kommt, dass in den USA, unserem Exportland Nummer eins, die Nachfrage nach deutschem Holz derzeit riesig ist. In den Staaten tobten heftige Waldbrände und machten die Holzvorräte zunichte. Dazu ist Kanada, einer der Hauptzulieferer für die US-Amerikaner, nahezu ausgefallen, weil dort der Bergkiefernkäfer Baumbestände von gigantischem Ausmaß vernichtet hat. In Deutschland gibt es zudem einen Bauboom ohnegleichen. Die deutsche Baubranche meldete im vergangenen Jahr einen Rekordumsatz. Es werden gottseidank viele klimafreundliche Holzhäuser gebaut. Aber auch die Pandemie hat die Holzknappheit mit verursacht. Viele Menschen haben im Lockdown ihre Gärten und Terrassen renoviert. Unsere Privatwaldbesitzer, die 50 Prozent der Allgäuer Wälder bewirtschaften, könnten jetzt enorm profitieren.

Unser Allgäu: Wer soll das kontrollieren?
Wirthensohn: Da sind jetzt wohl unsere Revierleiter gefragt. Die dürfen jetzt Waldpolizei spielen. Wer jetzt noch einschlägt, auch für den Eigenbedarf, begeht eine Ordnungswidrigkeit und wird bestraft. Das Holz wird konfisziert.
Unser Allgäu: Gilt das auch für die großen Forstbetriebe wie die Städte, oder den Waldburg-Zeil-Forstbetrieb, oder die Bayerischen Staatsforsten?
Wirthensohn: Diese haben alle Forstbetriebspläne, weshalb sie auch nur 85 % der regulären Einschlagsmengen nutzen dürfen. Die großen Forstbetriebe profitieren jetzt von den hohen Holzpreisen, da sie die 85 % noch nicht erreicht haben. Aber vor allem die großen Säger, wie Binder, Ilim und Pfeifer. Die haben ihre Umsätze in den letzten Monaten schätzungsweise vervierfacht. Der kleine Allgäuer Privatwaldbesitzer hingegen darf nichts machen, ist von der Entwicklung abgeschnitten und die Hilferufe der Schreiner und Zimmerer und Bauunternehmen verhallen ungehört. Der Zeitpunkt für den Erlass dieser Verordnung ist unglücklich und kommt zur völlig falschen Zeit.
Unser Allgäu: Wieso kam diese Verordnung denn jetzt?
Wirthensohn: Das nahm seinen Ursprung in der Holzmarktsituation im Frühjahr 2020. Bei uns fegten im Februar innerhalb von nicht einmal vier Wochen drei Stürme mit Orkanstärke durchs Allgäu. Nach groben Schätzungen lagen allein bei uns 250 000 bis 300 000 fm Schadholz zur Aufarbeitung im Wald. Auch in Tschechien tobten Stürme. Trockenheit und Kalamitäten schadeten dem Wald in ganz Deutschland. Der Holzpreis war im Keller und lag mancherorts bei gerade mal 20 Euro pro Festmeter. Wir wussten nicht, wohin mit dem Holz. Es gab sogar Förderung, wenn man das Holz schredderte und in den Wald zurückblies. Der Privatwaldbesitzer konnte bei diesem Holzpreis nicht mal die Kosten für die Ernte decken. Damals begann das Bundeslandwirtschaftministerium an der Verordnung zu arbeiten. Jetzt kommt sie zu spät und schadet dem Privatwald, statt ihm zu nützen.
Unser Allgäu: Und wie geht es den Allgäuer Sägern, die auch im Holzforum organisiert sind? Bekommen sie genügend Holz zum Sägen?
Wirthensohn: Die haben gottseidank im Winter ihre Lager gefüllt.
Unser Allgäu: Wäre es nicht sinnvoll, den Export ins Ausland zu beschränken und die heimischen Zimmerer und Schreiner vorrangig zu beliefern?
Wirthensohn: In drei Monaten kann alles wieder ganz anders aussehen. Da kommt ein Sturm oder der Käfer und wir haben wieder Überkapazitäten. Dann sind wir wieder um jeden Baum froh, der ins Ausland geht.
Unser Allgäu: Volatile Holzmärkte durch globale Warenströme. Die Landwirte erleben das auch bei der Milch. Es trifft immer die Urproduktion. Wie kommen wir da wieder raus?
Wirthensohn: Wir können durch regionale Holzverwendung – eine Clusterinitiative – die heimische Holzbaubranche stärken. Das Holzforum Allgäu e.V., in dem alle Mitglieder der Wertschöpfungskette vom Wald über Verarbeitung bis hin zur Planung vertreten sind, bietet uns ideale Voraussetzungen, hier ein Leuchtturm-Projekt zu starten.

Update vom 19.05.2021: Mit der Bagatellgrenze von 75 Festmeter Fichtenholz will Bayern Kleinwaldbesitzern eine unbürokratische Lösung bieten. Das hat Forstministerin Michaela Kaniber mitgeteilt. Hier lesen Sie den Artikel.