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Mitgliederversammlung

Vermarkten ist derzeit schwierig

Ein Leben in Haltungsstufe 4 wird es nicht für alle Rinder in Bayern geben.
Brigitte Auer
am Dienstag, 04.10.2022 - 10:13

Auf ihrer Mitgliederversammlungen informierte die Viehvermarktungsgenossenschaft Oberbayern-Schwaben über die Vermarktungszahlen 2021 und entwarf Perspektiven für die Zukunft.

Informierten die Landwirte: (v. l.) VVG-Vorstandsvorsitzender Hubert Mayer, Geschäftsführer Christian Brandmaier und Franz Mitterberger, der Experte für Schweinevermarktung bei der VVG.

Rudelstetten/ Lks. Donau-Ries Mit der Viehvermarktungsgenossenschaft Oberbayern-Schwaben steht den Landwirten ein verlässlicher Partner in der Schlacht- und Nutztiervermarktung zur Seite. Auf ihren Mitgliederversammlungen, davon vier in Schwaben, informierte die VVG über die Vermarktungszahlen 2021 und entwarf Perspektiven für die Zukunft.

Die Landwirtschaft stehe vor großen Herausforderungen, sagte VVG-Vorstandsvorsitzenden Hubert Mayer. „Viele Dinge, die wir über viele Jahre als selbstverständlich angenommen haben, werden in Frage gestellt.“ Eine gesellschaftliche Fehlentwicklung macht Mayer in dem zunehmenden Druck aus, der auf Fleischkonsum und -produktion ausgeübt wird.

Die Folge sei ein ständiger, teils dramatischer Rückgang der Rinder- und Schweinebestände. Nachhaltige Lebensmittelproduktion, so Mayer, könne aber auf Dauer nur mit der Nutztierhaltung funktionieren, die die Grundlage auch für die pflanzliche Kreislaufwirtschaft sei und einen wesentlichen Teil der Landeskultur Bayerns darstelle.

Lebensmitteleinzelhandel als Gesetzgeber etabliert

Referent Franz Mitterberger ist zuversichtlich, dass die Schweinehaltung in Bayern Zukunft hat.

Die Schlachttiervermarktung werde durch die verschiedenen Haltungsformen und Labels schwieriger. „Sowohl unsere Abnehmer als auch die Bauern werden in der Vermarktung anspruchsvoller und konditionsgetriebener.“

Für den Bereich Tierhaltung habe sich de facto der Lebensmitteleinzelhandel als Gesetzgeber etabliert, kritisiert Mayer. „Beim Fleisch kommen nur mehr 23 % vom Verkaufspreis beim Bauern an, obwohl wir das ganze Preis- und Produktionsrisiko tragen.“

Für den Schweinestau 2020/21 macht Berater Franz Mitterberger personelle Ausfälle an den Schlachthöfen und Absatzprobleme durch den Wegbruch der Gastronomie im Corona-Lockdown verantwortlich. Zudem war der Zugang zu den Märkten in Asien wegen des Auftretens der Afrikanischen Schweinepest in drei Bundesländern gestört. Zwischenzeitlich sank der Schlachtschweinepreis unter 1,30 €/kg SG. Mitterberger empfiehlt den Landwirten, bei der Vermarktung auf eine Kombination von Haltungsform und Regionalität zu setzen.

Im Schnitt 9248 Ferkel pro Woche vermarktet

Geschäftsführer Sebastian Brandmaier sieht beim Tierwohl die Initiatoren vom Lebensmitteleinzelhandel in der Pflicht.

Der Lebensmitteleinzelhandel setze auf Regionalität. Ohne Sauenhaltung sei, mahnt Mitterberger, die Regionalität aber nicht zu halten. 30 % der Schweine werden derzeit in HF 2, ein kleiner Teil in HF 3, 70 % in HF 1 gehalten. „Die werden wir weiter brauchen, weil in manchen Märkten die Haltungsform nicht entscheidend ist.“ Vor allem für den Absatz der Nebenprodukte sei es wichtig, den asiatischen Markt bedienen zu können.

An Schlachtschweinen wurden 2021 über die VVG insgesamt 436 537 Tiere gehandelt: 427 551 Schweine, 3385 Sauen, 746 Eber, 4855 Schlachtferkel. Im Schnitt waren es 8394 Schlachtschweine pro Woche. Die Ferkelvermarktung erreichte eine Gesamtzahl von 480 875 Ferkeln: 404 290 28-kg-Ferkel, 76 585 8-kg-Ferkel. Im Schnitt waren das 9248 Ferkel pro Woche.

Unter dem Titel „Rindfleischmarkt der Extreme“ fasste Geschäftsführer Sebastian Brandmaier das Vermarktungsjahr 2021 einschließlich der ersten Monate 2022 zusammen. Zu Spitzenzeiten waren in Bayern Preise von bis zu 6,00 €/kg SG für Jungbullen der Handelsklasse 3 zu erzielen.

Hohe Erzeugerpreise legten die Exporte lahm

Doch die auch durch ein geringes Angebot vor allem bei Jungbullen und Kühen ausgelöste Hausse hatte nicht nur positive Effekte: Die hohen deutschen Erzeugerpreise sorgten dafür, dass der Export zusammenbrach und andere Länder wie Österreich auf den Markt drängten. Seit Anfang April 22 kommt es zu einer in Brandmaiers Augen notwenigen Preisregulierung: „Jetzt kommen wir wieder in den Bereich hinein, wo wir wettbewerbsfähig sind.“

Über die VVG wurden im Jahr 2021 93 886 Rinder vermarktet: 42 236 Bullen, 32 378 Kühe, 19 267 Färsen und 5 Kälber. Darunter mit 2016 Tieren ein wachsender Anteil an Bio-Rindern. Im Schnitt waren es 1806 Rinder pro Woche.

Kälbermast nahezu tot

Kälbermast gebe es, bedauert Hubert Mayer, nach BSE in Bayern praktisch nicht mehr. Die geänderte Tierschutztransportverordnung, die spätestens 2023 nach einer einjährigen Übergangsfrist greifen wird, und einen Transport von Kälbern erst ab einem Alter von 28 Tagen erlaubt, wird den Wiederaufbau der Kälbermast in Bayern notwendig machen, davon ist Geschäftsführer Sebastian Brandmaier überzeugt. Als Beispiel verweist Brandmaier unter anderem auf die Rosé Kalb GmbH, die Landwirte bei der Erstellung eines Betriebskonzepts für die Kälberaufzucht unterstützt. Die VVG sucht derzeit Kälbermäster für ein Pilotprojekt.

Bio-Schlachtkühe waren 2021 stark nachgefragt

Alle Discounter haben Bio-Rindfleisch in ihrem Sortiment. Bei den Schlachtkühen, auch bei den Färsen, konnte ein Zuschlag von 1,20 €/kg erzielt werden.

Die Nutzviehvermarktung erreichte 2021 eine Gesamtzahl von 74 237 Nutzviehtieren: 49 708 Kälber, 23 101 Fresser, 1428 Nutz- und Futterkühe. Im Schnitt waren das 1428 Nutzviehtiere pro Woche. Den größten Anteil nehmen hier die Kälber ein.

Die VVG hat derzeit rund 19 000 Jungbullen/Ochsen im Markenfleischprogramm. Qualitätsjungbullen in HF 2 erhalten einen ITW-Zuschlag von 0,20 bzw. 0,25 €/kg. Diskutiert wird auch die HF 3, allerdings liegen die Haltungskosten deutlich über den Aufschlägen von derzeit 0,40 ct/kg, die der Lebensmitteleinzelhandel zu zahlen bereit ist.

Erfreuliche Entwicklung bei den Mitgliederzahlen

Stolz zeigte sich Hubert Mayer über die Mitgliederentwicklung in der VVG. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Mitgliederzahlen von 14 923 (Stand 1. 1. 21) auf 14 944 (1. 1. 22) leicht erhöht. Dass man in einer Situation, wo viele Betriebe aufhören, die Mitglieder halten, ja neue dazugewinnen konnte, zeige, dass die Mitglieder mit der Arbeit der VVG zufrieden sind.

Tierwohl: Mängel in der Finanzierung

Geschäftsführer Sebastian Brandmaier kritisiert die Pläne von Agrarminister Özdemir für eine Tierhaltekennzeichnung, die sich am Eier-Modell orientiert. „Wenn man Rinder mit Hühnern vergleicht, wird es nicht nur für die Rinder, sondern auch für die Rinderbauern gefährlich.“

Bei der Initiative Tierwohl sieht Brandmaier Mängel in der Finanzierung. Die ITW-Kriterien Rind umfassen beispielsweise unter anderem ein „vergrößertes Platzangebot“, „Sauberkeit der Tiere“, „intensivierte tierärztliche Bestandsbetreuung“ und „Weiterbildungsmaßnahmen“. Die Rindermäster erhalten im ersten Jahr der Programmlaufzeit – eine Zertifizierung für HF 2 ist seit 1. 4. 22 möglich – einen Preisaufschlag in Höhe von 10,7 ct/kg und im zweiten Jahr einen Preisaufschlag von 12,83 ct/kg SG. Grund für die Anpassung sind die dann geforderten Steuermöglichkeiten.

Tierwohlaufschlag auch für Milch: Milchviehbetriebe, die sich an der ITW beteiligen, erhalten einen einheitlich definierten Preisaufschlag in Höhe von 4 ct/kg Schlachtgewicht.

Für die Milch bekommen sie kein Tierwohlentgelt. Für einen Tierwohlaufschlag auf die Milch sollten sich die Tierhalter deshalb an ihre Molkerei wenden. Eine Zertifizierung führt seines Wissens, sagte Brandmaier, im Moment nur die Molkerei Bauer in Wasserburg durch. BA

VVG kreiert eigene Labels

Die VVG versucht die Marktmacht der Bauern durch eigene Labels und Direktvermarktungsstrukturen zu stärken. In Zusammenarbeit mit dem BBV werden etwa Schweinehälften über die neu gegründete „Bauern direkt GmbH“ verkauft. Seit diesem Jahr sind auch Kartoffeln im Angebot.

Unter dem Siegel „Grünland-Kuh“ bietet die VVG ein neues Programm für Qualitätsfleisch, das den Erzeugern einen garantierten Mehrerlös von 20 ct/kg SG garantiert. Mitglieder der VVG müssen hier folgende Kriterien erfüllen: regionale Herkunft aus Bayern oder Baden-Württemberg, Grünland-Anteil von mindestens 40 %, Zertifizierung nach QM- oder QS-Standard, GVO-freie Fütterung nach VLOG zertifiziert. BA