Zweites Standbein

Urlaub auf dem Bauernhof: Corona trifft Vermieter hart

Soyer
Susanne Lorenz-Munkler
am Dienstag, 24.03.2020 - 09:26

Bis auf weiteres fallen komplette Einnahmen aus. Und das in einem Jahr, in dem viele ausgebucht waren. Unser Allgäu hat sich bei Vermierern umgehört.

Die Nachricht kam vergangene Woche und traf viele Vermieter von Ferienwohnungen wie ein Schlag ins Gesicht. „Untersagt ist der Betrieb von Hotels und Beherbergungsbetrieben und die Zurverfügungstellung jeglicher Unterkünfte zu privaten, touristischen Zwecken“. So die Allgemeinverfügung des bayerischen Staatsministeriums anlässlich der fortschreitenden Corona Krise. Schien doch die Saison 2020 die beste aller Zeiten zu werden, wie Sabine Hartmann von der Geschäftsstelle des Anbieterverbands „Mir Allgäuer“ betont. In dem Verein sind 511 Vermieter organisiert. „Das ist vor allem eine Katastrophe für die, die erst frisch investiert haben und welchen nun hohe Umsatzeinbußen drohen“, so Hartmann.

Auf über tausend Euro täglich beziffert etwa die Vorsitzende des Vereins Angelika Soyer den täglichen Umsatzverlust. Sie und ihr Mann betreiben neun Ferienwohnungen in ihrem 5-Sterne-Wellness-Bauernhof in Rettenberg. Der aktuelle Neubau eines modernen Laufstalls mit Melkroboter für 30 Kühe hat den Betrieb ohnedies finanziell stark belastet. „Jetzt fallen die Einnahmen aus der Vermietung auf jeden Fall bis nach den Osterferien, mit Sicherheit sogar noch länger, komplett weg“, so Angelika Soyer.

Rücklagen schwinden

Ihre Familie könne über einen begrenzten Zeitraum von den Rücklagen leben. Dies werde die geplante Betriebsentwicklung aber für mindestens ein Jahr zurückwerfen. „Unsere Gäste haben Verständnis, dass ich ihnen absagen muss. Sie sind zwar enttäuscht darüber, nicht anreisen zu können, da sie sich auf dem Land besser aufgehoben fühlen als in der Stadt. Aber es ist vernünftig, denn in erster Linie geht es jetzt darum, das Virus auszubremsen.“

Angelika Soyer weiß, dass es vielen ihrer Mitgliedsbetriebe an die Substanz gehen könnte. Vor allem jenen, die in den letzten Jahren viel investiert haben und die hohe Schuldendienstleistungen haben. Denn auch die Milch- und Fleischpreise seien schließlich im Moment alles andere als gut.
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So ein Betrieb ist beispielsweise der Bioland-Milchviehbetrieb von Anne und Franz Schöll aus Rieggis im Oberallgäu. Sie vermieten fünf 4- und 5-Sterne Ferienwohnungen. Erst vor wenigen Monaten haben sie einen neuen Laufstall gebaut, ihren Kuhbestand auf 30 Tiere aufgestockt und Grundstücke dazugekauft. Bis zum Ende der Osterferien, so lange wie die Allgemeinverfügung bislang terminiert ist, rechnet Anne Schöll bereits mit 10 000 € Umsatzeinbußen. Die Einnahmen des Kinderbauernhofs mit Reitbetrieb machten derzeit 70 % der gesamten Einnahmen aus.

„Wir mussten alle Buchungen bis Ende der Osterferien stornieren“. Ihre Gäste hatten da oft wenig Verständnis dafür. Etwa die abreisende Mutter von drei Kindern aus Augsburg, die in dem beschaulichen Örtchen Rieggis Zuflucht gesucht hatte. „Homeoffice, drei Kinder, die nicht mehr zu Schule gehen… , es ist unvorstellbar schwierig in einer Großstadtwohnung mit der Situation zurechtzukommen. Es wäre doch geradezu ideal, diese Zeit auf einen Bauernhof zu überbrücken“, meint sie. Anne Schöll versteht das auch nicht ganz. „Wir müssten ja keinen Kontakt zu den Gästen haben. Sie könnten sich selbst versorgen.“
Auf dem Hof herrscht derweil gähnende Leere, die Kinderschaukeln wiegen leer im Wind, Ponys und Reitpferde haben keine Arbeit und auch die „Märchenhütte“ im Garten bleibt geschlossen. Die Stimmung bei den Schölls ist gedrückt. Franz Schöll: „Jetzt haben wir zehn Jahre lang hart gearbeitet und investiert, renoviert und umgebaut. Mit dem Neubau unseres Laufstalles haben wir fast 1 Mio. € investiert. Jetzt das. Es wird schwierig unseren Schuldendienst zu begleichen.“

Erfolgreich betrieben - aber jetzt

Dabei arbeiteten die Schölls als Vermieter sehr erfolgreich. Mit 240 Belegungstagen, Tendenz steigend. „In diesem Jahr waren wir komplett ausgebucht“, berichtet Anne Schöll. Der Hilfsfond „Soforthilfe Corona“ für Selbständige und Freiberufler des Freistaates nehme die Anzahl der Angestellten als Berechnungsgrundlage. Für einen landwirtschaftlichen Betrieb gebe es also maximal 5000 € Soforthilfe.

Gerade noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen ist Stefan Schädler aus Buflings bei Oberstaufen. Vergangene Woche wollte er gerade einen Darlehensvertrag unterschreiben, um einen alten Bauernhof bei Oberstaufen abzureißen und für Feriengäste wieder neu aufzubauen. Die Schädlers betreiben einen Bioland-Milchviehbetrieb mit 4- und 5-Sterne-Appartements und einer Auslastung von 85 Prozent. „In diesem Jahr wären wir komplett ausgebucht gewesen. Angesichts der Corona-Krise haben sogar neue Gäste angerufen, ob sie bei uns Urlaub machen können, weil sie aus der Stadt rauswollen“, berichtet Stefan Schädler. Und auch die anwesenden Gäste aus Stuttgart und Köln hätten wenig Verständnis dafür gezeigt, als sie von Ehefrau Birgitte Schädler nachhause geschickt wurden.

Dramatische Einbußen

„Für uns bedeutet jeder Tag Umsatzeinbußen von rund 1000 €. Die Vermietung macht bei uns 40 % unseres Einkommens aus. Und das in einer Zeit, wo eh alles schlecht läuft. Wir hatten keinen Winterdienst, kämpfen mit niedrigen Kälbererlösen und einem unterdurchschnittlichen Milchpreis. „Auch in der Landwirtschaft haben wir immer wieder investiert, gerade vor einem Jahr wurde der Anbau am neuen Laufstall fertig und der Viehbestand von 63 auf 80 Kühe aufgestockt“, so Stefan Schädler. „Wenn ich den Darlehensvertrag fürs Hofgut s’Zell unterschrieben hätte, wäre es wohl eng geworden. 60 000 € Kapitaldienst jährlich mehr und dann so ein Umsatzeinbruch!“. Wenn die Regierung uns Familienbetriebe und kleinbäuerliche Landwirtschaft erhalten möchte, sollte sie unbürokratisch helfen. Sonst hat langsam keiner mehr Lust weiterzumachen.“

Es sind schwierige Zeiten auch für die Familie Zobel vom Ferienhof-Zobel in Mittelberg in der Gemeinde Oy-Mittelberg. Sie vermieten drei Vier Sterne-Ferienwohnungen. Bei den Zobels hat die Gästebeherbergung eine lange Tradition, und die ganze Familie hilft mit. Mit 250 Belegungstagen im Jahr gilt der Betrieb als sehr erfolgreich. Manche Gäste waren schon öfter als 50-mal in Mittelberg. Auf ca. 4000 Euro Umsatzeinbußen beziffert Florian Zobel die fehlenden Einnahmen aus dem Beherbergungsbetrieb, bis zum Ende der Osterferien. Der Betrieb, in dem der Vater von drei Kindern neben seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit arbeitet musste aufgrund der wirtschaftlichen Situation Kurzarbeit anmelden. Darum muss er jetzt mit noch weniger Geld auskommen und damit die Großfamilie finanzieren. Ein kleines Zusatzeinkommen erwirtschaftet der Zerspanungsmechanikermeister durch die Bio- Ochsenmast für die „Von Hier“-Produktlinie der Feneberg GmbH. „Im Moment müssen wir aber zum Teil von Rücklagen leben.“ Florian Zobel macht sich Gedanken wie es mit den landwirtschaftlichen Betrieben vor allem im südlichen Oberallgäu weitergehen soll, falls die Krise andauert. „Ich möchte die Landwirtschaft nicht über andere Gewerke stellen und finde die von der Regierung beschlossenen Maßnahmen bisher richtig und wichtig. Aber wenn die Krise andauert, kann die Produktion von Lebensmitteln unter Umständen eine übergeordnete Bedeutung bekommen“.
Auch Angelika Soyer hofft, dass die Allgemeinverfügung nicht ewig dauert. „Wir sind im ständigen Kontakt mit den zuständigen Ministerien und haben auch den Bayerischen Bauernverband aufgefordert, sich für seine Vermieter-Betriebe stark zu machen. Ich finde die Maßnahmen unserer Regierung im Moment wichtig und richtig. Entscheidend für unsere Existenz wird sein, wie lange der Zustand andauert.“