Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Podiumsdiskussion

Bei uns gibt's 81 Millionen Spezialisten für Landwirtschaft

Landwirtschaft in Deutschland
Michael Ammich
am Mittwoch, 20.11.2019 - 09:48

Richtig zur Sache ging es bei einer Podiumsdiskussion der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) Krumbach zur Zukunft der Landwirtschaft.

Thannhausen/Lks. Günzburg - Rund hundert Gäste, jeweils zur Hälfte Landwirte und Verbraucher, nutzten die Gelegenheit, ihre Kritik an der Agrarpolitik der EU, der Bundesregierung und Bayerns teils sehr emotionsgeladen vorzutragen. Am Ende stand jedoch fest: Der einzelne Landwirt und Verbraucher hat nur wenig Einfluss auf die Art und Weise, wie in Deutschland die Landwirtschaft betrieben wird. Gefordert sei vor allem die Politik, die einen vernünftigen und nachhaltigen Ordnungsrahmen schaffen müsse.

Emotionale, aber faire Debatte

Die Verbraucher im Publikum zeigten Verständnis für den immensen ökonomischen und psychischen Druck, unter dem insbesondere die konventionellen Landwirte stehen. In vielen Wortbeiträgen machten beide Seiten auf das Dilemma zwischen kostengünstigen Lebensmitteln und ihrer möglichst nachhaltigen Erzeugung aufmerksam. Im Folgenden einige Beispiele:

  • „Die ökologische Landwirtschaft als politische Forderung bringt die gesamte Landwirtschaft in eine Zwangslage. Wir Landwirte sind offen für einen Dialog, wir spritzen nicht willkürlich, sondern nach Schadschwellen, und wir düngen nur nach Bedarf. Viele einkommensschwache Familien können es sich gar nicht leisten, ausschließlich Bioprodukte zu kaufen.“
     
  • „Auch die konventionelle Landwirtschaft kann die Preise hochhalten, wie die Direktvermarktung zeigt.“
     
  • „Wir müssen wegkommen von dem Muster des bösen Landwirts, der alles kaputt macht, und des bösen Verbrauchers, der das fördert.“
     
  • „30 Prozent Biobetriebe sind machbar, wir müssen ja nur nach Österreich schauen.“
     
  • „Die Umstellung meines Betriebs auf Bio war die einzig richtige Entscheidung in meinem Leben. Gott sei Dank gab es das Volksbegehren zum Artenschutz. Die Landwirtschaft sitzt tief im Dreck, es werden immer nur die großen Betriebe gefördert. Gier frisst Hirn.“
     
  • „Die konventionellen Landwirte sind das Feindbild der Nation. Auch auf dieser Podiumsdiskussion wird doch nur wieder ein Keil zwischen Bio und Konventionell getrieben. Auch die konventionellen Landwirte schauen auf ihren Boden, betreiben eine Fruchtfolge und sie liefern die höchsten Erträge. Die Welt braucht Essen.“
     
  • „Die Direktzahlungen für die Landwirte nutzen nur dem Verbraucher, weil dadurch die Lebensmittel billig gehalten werden.“
     
  • „In Deutschland gibt es 81 Millionen Spezialisten für die Landwirtschaft.“
     
  • „Wer etwas ändern will, muss an die Wurzel des Übels gehen, beispielsweise an den Lebensmitteleinzelhandel.“
     
  • „70 Prozent des Gewinns der Biobetriebe bestehen aus Agrarsubventionen.“
     
  • „Die bäuerlichen Betriebe brauchen Planungssicherheit. Wüsste ich, dass es in 20 Jahren nur noch Biobetriebe gibt, dann würde ich sofort auf den ökologischen Landbau umstellen.“
     
  • „Die deutschen Landwirte müssen mit den Preisen der importierten Produkte mithalten. Deshalb hat der Landwirt nur eine Chance auf Gewinn, wenn er Masse produziert.“
     
  • „Die Landwirtschaft ist systemrelevanter als jede große Bank, aber sie wird den Freihandelsabkommen zum Fraß vorgeworfen. Ohne Subventionen wird sich die deutsche Landwirtschaft nicht halten, aber es kommt darauf an, was subventioniert wird. Eine Förderung sollte es nur noch für eine Wirtschaftsweise geben, die der Gesellschaft auf Dauer nachhaltig dient. Dafür muss die Politik einen Ordnungsrahmen setzen.“
     
  • „Solange das Potenzial der Regionalität nicht ausgeschöpft ist, brauchen die Bauern nicht zu jammern.“
     
  • „Eine Planungssicherheit haben auch andere Berufsgruppen nicht, in denen um die Arbeitsplätze gebangt wird.“
     
  • „Der Landwirte sind sehr leidensfähig geworden, nachdem sie ständig dem gnadenlosen Druck des Lebensmitteleinzelhandels ausgesetzt sind.“