Tierhaltung

Umgang mit dem Tier - stressfreier geht᾽s nicht

Brigitte Früh
am Montag, 22.07.2019 - 10:59

Nach den Schlagzeilen der vergangenen Woche nun ein Beispiel, dass es auch ganz anders gehen kann: Am Betrieb Schneid wird vor Ort im selbst gebauten Anhänger geschlachtet, um eine größtmögliche Schonung der Tiere zu garantieren.

Schneid-warten-im-Stall

Seit 2018 wird den Rindern am Betrieb Schneid in Haldenwang-Kindberg jeglicher Stress bei der Schlachtung erspart. Die Tiere bleiben bis zum Tod in ihrem gewohnten Umfeld und bekommen vom Vorhaben der Schlachtung nichts mit. Um diese tierfreundliche Art der Tötung zu realisieren, hat Familie Schneid einen eigenen Schlachtanhänger entworfen und gebaut.

Schneid-Waschbecken-Wasser

Alle Tiere des Demeter-Heumilchbetriebs bleiben damit von der Geburt bis zum Tod am Hof. Josef Schneid nennt mehrere Gründe, weshalb er und sein Sohn Andreas keine Kosten und Mühen gescheut haben, um die Hofschlachtung zu verwirklichen. Die Initialzündung war vor etwa vier Jahren, als von der Kälbererzeugergemeinschaft Allgäu die Vorgabe kam, dass alle Kälber zur Vermarktung enthornt sein sollen. „Es kann nicht sein, dass man uns Bauern sagt, was wir zu tun haben“, empört sich Schneid noch heute. „Schon erst recht nicht, wenn man bedenkt, was man für ein Braunviehkalb bekommt und was nach Abzug der Kosten fürs Enthornen noch übrig bleibt – nämlich rund 50 Euro. Das ist ein Draufzahlgeschäft.“ Zudem gingen die meisten weiblichen braunen Kälber, also auch Kälber von Biobetrieben, in die konventionelle Mast nach Spanien, ärgert sich Schneid. „Und egal wo, in der Mast sehen die Tiere keine Weide mehr und dazu kommt noch der Stress beim Transport über lange Strecken“, führt der Landwirt weitere Bedenken an.

Schneid-Seilwinde.

Auch die Schlachtung der Kühe am Schlachthof in Kempten bedeute für die Tiere einen enormen Stress: Transport, das lange Warten in ungewohnter Umgebung und inmitten fremder Tiere. Die Familie zog daraufhin einen Schlusstrich: „Das wollen wir unseren Tieren und uns selbst nicht mehr antun“, sagt der Landwirt.

Schneid-Metzger

Zunächst ließ Familie Schneid ihre Rinder dann in Niedersonthofen bei einer kleinen Lohnschlächterei schlachten. Aber die Tiere waren das Verladen nicht gewöhnt, hatten Angst vor dem Transporthänger und zitterten beim Warten regelrecht. Dann ist Schneid auf die mobile Schlachtbox gestoßen, ein System zur Schlachtung auf der Weide, das ihm aber für seinen Betrieb nicht passend erschien. Denn die Schlachtbox hängt am Traktor und Schneid müsste die geschlachteten Tiere entweder mit dem Traktor bis nach Niedersonthofen zur Weiterverarbeitung fahren, was schon mit dem PKW eine Fahrt von ca. einer halben Stunde ist, oder die Schlachtbox dafür auf einem PKW-Anhänger montieren. Weil jeden Monat geschlachtet wird, müsste der Traktor zudem auch im Winter herausgeholt werden. Außerdem wird bei diesem System das Tier hängend am Bagger bzw. Frontlader entblutet. „Das ist für mich unpraktisch vom Ablauf her und gefällt mir auch aus ästhetischen Gründen nicht.“

Der Weg zur stressfreien Schlachtung direkt am Hof in gewohnter Umgebung war freilich nicht einfach. Über zwei Jahre hat es gedauert, bis das Projekt konzipiert war, die Genehmigung vorlag und der Anhänger den Vorgaben gemäß gebaut war. „Am Anfang ging nichts vorwärts und wir mussten bei den Behörden viel Überzeugungsarbeit leisten.“ Offenbar mit Erfolg, denn am Ende hätten sowohl das Veterinäramt Sonthofen als auch die Veterinärbehörde in Augsburg mitgezogen und das Vorhaben unterstützt, so Schneid. Auch die Berufsgenossenschaft hatte schließlich keine Einwände.

Rechtlich gesehen ist der Schlachtanhänger eine Tötungsbox der Schlachtstätte und damit Teil der Schlachtstätte. Alle Anforderungen an eine Schlachtstätte bezüglich Tierwohl, Hygiene und Arbeitssicherheit müssen im Hänger erfüllt sein. Der Metzger muss den Antrag für den Schlachtanhänger stellen und ist auch verantwortlich für den Ablauf. Mit Werner Schönberg von der Lohnschlächterei in Niedersonthofen hat Schneid einen Metzger gefunden, der das Projekt mitträgt und mit dem die Zusammenarbeit sehr gut funktioniert. Zugelassen ist der Schlachtanhänger auf die Schlachtstätte – im Moment aber nur für den Betrieb Schneid. Die Kosten für die Zulassung, ca. 800 €, hatte natürlich Schneid zu tragen.

Schneid-Kalb-warten-2

Der Schlachtanhänger wurde komplett in Eigenleistung geplant und gebaut. Maßgeblich daran beteiligt war Daniel Beck aus Haldenwang, der auf dem Betrieb mitarbeitet. Alle Teile sind aus Alu bzw. Edelstahl. Das Dach kann nach oben aufgeklappt werden, damit man darin aufrecht stehen kann. Vom eigentlichen Transportraum abgetrennt beinhalten er zwei kleine Räume: ein Waschbecken mit Seife, Einmal-Handtücher, Wasserbehälter, eine Wasserzuführung in den Hänger sowie die Technik für die Seilwinde. Am Hängerboden befindet sich ein Rost, der zum Teil mit Blechen abgedeckt wird, damit man sicher darauf stehen kann. Außerdem gibt es eine herausklappbare Rampe mit Seitenwänden. Unmittelbar an die Rampe grenzt eine kleine Freifläche mit niedrigen Holzwänden rechts und links und einer Stange zum Festbinden des Schlachttieres an. Insgesamt hat die Familie ca. 12 000 € (ohne Lohnansatz) in den mobilen Schlachtanhänger investiert.

Jeden Monat werden etwa zwei Kälber geschlachtet

Schneid-Haenger-fertig-hergerichtet

Jeden Monat werden ca. zwei Kälber (vier bis fünf Monate alt) geschlachtet. Auch Altkühe werden auf diese Weise geschlachtet. Am Schlachttag oder einen Tag vorher macht der Tierarzt die Lebendbeschau. Am Schlachttag selbst werden die Kälber zunächst separat im Stall, also in gewohnter Umgebung, angebunden. Wenn alles hergerichtet ist, führt Schneid ein Kalb in die Fläche vor der Rampe, bindet es an der Stange an und hängt den Haken der Seilwinde an einem speziellen Halsband ein. Der Metzger tritt dazu und betäubt in Sekundenschnelle das Tier mit dem Bolzenschussgerät. Sofort wird es mit der Seilwinde über die Rampe in den Hänger gezogen und innerhalb einer Minute nach der Betäubung gestochen und ausgeblutet.

Schneid-Haenger-Box

Durch dieses Verfahren fällt auch eine Gefahrenquelle für den Menschen weg: Beim Stechen im engen Hänger liegt das betäubte Tier schon reglos da. Die gleiche Prozedur läuft dann beim zweiten Kalb ab. Eine Person bleibt bis zum Bolzenschuss beim Schlachttier stehen und streichelt es, damit es ruhig und entspannt bleibt. Nach der Schlachtung fährt der Metzger mit den Tieren nach Niedersonthofen, verarbeitet sie dort weiter und entsorgt auch das im Hängerboden aufgefangene Blut. Der Transport zur Schlachtstätte muss innerhalb einer Stunde erfolgen. Der Hänger wird später zusammen mit dem Fleisch von Schneids geholt.

Trotz Mehrkosten und Mehrarbeit zufrieden

Vor Ort bei der Schlachtung dabei war diesmal Clemens Döring von der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe. Er war gekommen, um die Arbeitssicherheit für den Metzger zu beurteilen und fand keinen Grund zur Beanstandung.

Auch wenn diese Art der Schlachtung Mehrarbeit und Mehrkosten für die Familie Schneid bedeutet, sind sie mit dem eingeschlagenen Weg sehr zufrieden. Das System funktioniert sehr gut. Es ist hinsichtlich Stressfreiheit und Tierwohl kaum zu toppen und entspricht auch der Philosophie der Familie, die sich für das Wohlergehen ihrer Tiere vom Anfang bis zum Ende verantwortlich fühlt.

Das wollen wir unseren Tieren und uns selbst nicht mehr antun.

  • Der Demeter-Heumilchbetrieb Schneid in Haldenwang erspart seinen Tieren jeglichen Stress.
  • Es kommt ein selbst geplanter, gefertigter und offiziell gemehmigter Schlachtanhänger zum Einsatz.
  • Alle Tiere bleiben somit von Geburt bis zum Tod am Hof.
  • Ein Metzger übernimmt den Bolzenschuss, das Ausbluten, und zerlegt die Tiere anschließend in seiner Metzgerei.
  • Unter www.regiostern.de: ein kleiner Bauernmarkt im Netz.

Neue Internet-Plattform zur Direktvermarktung

www.regiostern.de – Unter dieser Internet-Adresse hat Andreas Schneid zusammen mit seinem Kumpel Martin Bayrhof in den letzten zwei Jahren einen Bauernmarkt im Netz konzipiert. Der Shop ist jetzt seit wenigen Wochen online. Auf der visuellen Plattform können Interessenten regionale (Bio-)Lebensmittel direkt vom Erzeuger auswählen und per Mausklick bestellen.

Die Produkte werden nicht versandt, sondern können am Hof abgeholt oder angeliefert werden. Durch die Eingabe seiner Postleitzahl kann sich der Kunde die Erzeuger in seiner Nähe anzeigen lassen und sich in aller Ruhe über den Hof, die Betriebsweise und die Produkte informieren.

Im Augenblick sind erst zwei Erzeuger dabei: der Betrieb Schneid (Fleisch, Wurst, Käse aus dem Demeter-Heumilchbetrieb) und der Betrieb Schreyer (Stötten a. Auerberg, Bioland-Betrieb, Fleisch, Wurst, Spirituosen, Verarbeitung der Tiere „from nose to tail“, Hundeleckereien). Weitere Erzeuger können in das Projekt einsteigen und sich mit ihrem Profil und ihren Produkten im Online-Shop präsentieren. Das RegioStern-Team bietet kostenlosen E-Mail-Support und Unterstützung an. Für die Nutzung der Plattform wird eine kleine Provision verlangt. Die ersten 20 Erzeuger, die mitmachen wollen, bekommen ein Einsteigerangebot (siehe Internetauftritt von RegioStern). BF

Betrieb Schneid, „Wannenhof“

  • Fläche: 860 m Höhenlage, 39 ha Grünland, davon 1,5 ha Streuwiesen, 2 ha nicht befahrbare Hanglage, 2 ha Wasserschutzgebiet Zone 1 und 2.
  • Arbeitskräfte: die Betriebsleiter Josef Schneid (61) und Andreas Schneid (32), Josef Schneids Lebensgefährtin Gabriele Meyers, Daniel Beck.
  • Tierhaltung: Anbindestall, Tag- und Nachtweide, teilweise auch für Kälber mit Amme, zurzeit Bau einer Fress-/Liegehalle mit freiem Liegebereich, Kälberbereich, Laufhof und begrüntem Dach.
  • Fütterung: Kurzrasenweide, Dürrfutter, kein Kraftfutter.
  • Viehbestand: ca. 35 horntragende Milchkühe der Rasse Braunvieh plus Nachzucht, Zucht mit eigenen Stieren, um eine standortangepasste Kuh zu erhalten; saisonale Abkalbung im Frühjahr wird angestrebt, weil Schneid auf der frischen Weide die Kuh auch ohne Kraftfutter einigermaßen ausfüttern kann.
  • Milchleistung: ca. 5300 kg bei 4,20 % Fett und ca. 3,8 % Eiweiß.
  • Einkommen/Energie: aus Landwirtschaft, Landschaftspflege für die Gemeinde und Photovoltaikanlage mit Eigenstromversorgung und Stromspeicher. Seit 2014 E-Auto.
  • Betriebsentwicklung: 1988 Hofübernahme, seit 1989 Demeter-Bio-Betrieb, seit 2008 Kurzrasen- und Tag- und Nachtweide, seit 2010 kein Kraftfutter, seit 2013 Heumilch, seit 2015 mutter- und ammengebundene Kälberaufzucht.
  • Vermarktung: Seit 2016 wird sämtliches Fleisch direkt vermarktet.
  • Eigenschlachtung: Seit 2018 Schlachtung im eigenen Schlachtanhänger. BF