Talk

Über Zukunft der Landwirtschaft diskutiert

Traktor mit Eurobanknoten
Toni Ledermann
am Dienstag, 06.07.2021 - 11:37

Im Unterallgäu lädt der stellvertretende Landrat Daniel Pflügl Landwirte zum Gespräch ein. Die Preisspirale soll durch faire Spielregeln gestoppt werden.

Wir wollen über Gegenwart und Zukunft der Landwirtschaft diskutieren. Was ist aus Ihrer Sicht nötig, um eine gesunde, wertgeschätzte Landwirtschaft wieder herzustellen?“, fragte Daniel Pflügl (Grüne), Organisator und Moderator, in die Online-Runde mit Elisabeth Waizenegger (Legau), Stefan Häfele (Westernach), Georg Martin (Marktoberdorf), Heinrich Pfister (Wolfertschwenden) und Martin Hermle (Wald).

Sinkende Erlöse und steigende Kosten

Elisabeth Waizenegger ist Milchbäuerin und Mitglied der AbL-Bundesvorstandschaft. „Müssen Bauern immer mehr produzieren, um ausreichend Geld zu verdienen?“, fragte Pflügl. „Ja, es ist so“, sagte Waizenegger und weiter:„Die Erlöse sind laufend gesunken und im Gegensatz dazu die Kosten gestiegen. Deshalb versuchen die Bauern in die Größe zu gehen.“

01haef1

Hier herauszukommen sei schwierig. Natürlich bekämen die Landwirte einen Teil ihres Einkommens über Direktzahlungen, die ja bekanntlich an die Fläche gebunden sind. Aber eigentlich müssten diese Gelder an die Gemeinwohlleistungen geknüpft werden, meint die Bäuerin. Die Betriebe erbrächten diese teilweise schon jetzt. Es sei auch nicht so, dass die Landwirte nichts unternehmen würden. Viele stiegen in die Direktvermarktung ein, um den Zwischenhandel auszuschalten und damit mehr Geld bei ihnen ankommt. Insgesamt seien die Landwirte aber in einer schwierigen Situation.

Ist der Verbraucher mit seinem Einkaufsverhalten mit schuld an den schlechten Erzeugerpreisen? Heinrich Pfister, Landwirt in Wolfertschwenden, sieht die Schuld nicht beim Verbraucher. Er kritisiert eher die politischen Rahmenbedingungen, die schon seit vielen Jahrzehnten in die Richtung „Wachsen oder Weichen“ zeigten. Nötig sei daher ein „Systemwechsel in der Agrarpolitik“, so Pfister. Erst dann könne man an den kleinen Stellschrauben bei den Landwirten drehen.

Georg Martin, Landwirt in Marktoberdorf, nahm Stellung zur Frage, ob nicht gerade Betriebe mit jungen Hofnachfolgern größer werden müssen, um langfristig bestehen zu können. Das „Schwarze Peter-Spiel“, wer an der Misere schuld ist, sei nicht sinnvoll, sagte Martin. Er fordert von allen Beteiligten Verantwortung dafür ein, aus der negativen Preisspirale herauszukommen: Verantwortung dafür, Bedingungen für eine Landwirtschaft zu gestalten, die nicht nur wertvolle Lebensmittel erzeugt, sondern auch dem Gemeinwohl dient. Und zwar indem sie Artenvielfalt erhält sowie Klima und Boden schützt.

Verantwortung für Politik, Landwirt und Verbraucher

Martin Hermle hat einen Jungvieh-Aufzuchtstall und ist Erzeugerberater bei Bioland. Generell sieht er schon auch den Verbraucher in der Verantwortung, sich Gedanken über die Herkunft oder Herstellung des Produkts, das er kauft, zu machen. Dies sei mittlerweile immer öfter auf dem Etikett zu sehen. Wer es genauer wissen will, könne sich im Internet informieren. Gleichwohl seien auch die Bauern in der Verantwortung. „Ich kenne keine Bäuerinnen oder Bauern, die gezwungen werden, einen größeren Traktor zu kaufen. Die Landwirtschaft ist teilweise die Erweiterungsschritte bereitwillig mitgegangen. Allerdings muss die Politik eingestehen, dass das billig Produzieren in die Sackgasse führt und deshalb muss sie Rahmenbedingen in eine andere Richtung schaffen“, erklärt Hermle.

Hermle steht auch selbst bei Fragen der Betriebsübergabe zu Verfügung. Oft sei es so, dass er die jungen Leute an den Tisch holt und fragt: „Was wollt Ihr eigentlich? Was ist Euch wichtig?“ Die Antwort ist natürlich: „Geld verdienen.“ Aber es werde oft auch genannt, gut mit den Kollegen zusammenarbeiten zu wollen, ein gutes Betriebsklima zu haben und wertvolle Lebensmittel zu erzeugen.

Nachhaltige Erzeugung hat ihren Preis

Stefan Häfele ist Milcherzeuger und Direktvermarkter in Westernach. Ihm ist nachhaltige Erzeugung sehr wichtig. Diese habe aber eben ihren Preis. In Deutschland habe man mit die höchsten Produktionskosten, die Verbraucher können unter Produkten wählen, die aus aller Welt angeliefert werden. „Wir müssen zum Weltmarktpreis produzieren, haben aber die hohen heimischen Standards“, sagt Häfele. Oft sehen die Verbraucher gar nicht, wie viel Aufwand es erfordert, ein Produkt bis in die Regale zu bringen. Zum Problem könne überdies werden, dass es gar keinen Markt dafür gibt, wenn noch mehr Bauern auf Bio umstellen, wie dies von politischer Seite gefordert wird. Sein Wunsch: „Ein 10 Cent höherer Milchpreis würde dem Verbraucher nicht weh tun, aber den Bauern enorm helfen.“

01pflue1

Wie konnte die Einkommensspirale so nach unten gehen? Elisabeth Waizenegger meint, dass die Entwicklung ihre Ursprünge nach dem Krieg hatte, als Lebensmittel knapp waren. Schuldzuweisungen brächten nichts. Es sei dringend zu fragen, wie wir aus den niedrigen Preisen herauskommen. Nötig seien Spielregeln für faires Handeln in der Globalisierung. Jeder habe Verantwortung in dieser Wertschöpfungskette. Grundsätzlich sei wichtig, am Regal darüber zu informieren, wo beispielsweise die Milch herkommt und wie die Kühe dort gehalten werden. Das sei beim Direktvermarkter freilich leicht möglich. Es müssten endlich politische Lösungen her. Das sei langwierig, der Handel aber könne relativ schnell Verbesserungen einführen.

Georg Martin brach eine Lanze für konventionelle Bauern und Biobauern. „Ich bin 26 Jahre Bauer und meine erste Arbeit war die Umstellung auf biologische Bewirtschaftung, da dies meine Grundeinstellung ist. Deshalb habe ich einen Außenklimastall gebaut, der heute noch Standard ist. Dies zeigt, dass ich immer in Vorleistung gegangen bin. Ich erwarte aber auch von der Politik, gerechte Rahmenbedingungen zu setzen.“

Pflügl ist der Überzeugung, dass die Politik Steuerungsmöglichkeiten besitzt, wohin es gehen soll. Man solle nicht alles auf die Globalisierung schieben. Es würden ja auch gewaltige Summen von der EU an die Landwirte fließen.

Gewaltige Auswirkungen des Klimawandels

Weiteres Thema war der Klimawandel und wie er sich in der Landwirtschaft bemerkbar macht. Die Runde war sich einig, dass die Auswirkungen, wie die trockenen Sommer und der extreme Wetterwechsel, jetzt schon gewaltig seien. Frustrierend sei allerdings, dass Bauern im Prinzip gegen eine Wand laufen, wenn sie versuchen gegenzusteuern. Aber auch der immer stärker werdende Flächenverbrauch, gegen den sich alle Beteiligten aussprachen, war ein Thema.