Vor Ort

Einen Traum erfüllt

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Susanne Lorenz-Munkler
am Donnerstag, 08.07.2021 - 11:48

Nebenerwerbslandwirt Christian Schratz hat eine alte aufgelassene Alpe bei Hinterstein wiederbelebt. Mit Erfolg. Er ist nun schon den fünften Sommer dort am Berg.

Viele träumen davon, einen Sommer auf einer Alpe zu verbringen, haben aber völlig falsche Vorstellungen davon, wie hart und entbehrungsreich das Leben dort sein kann. Einer, der immer schon von einem Sommer „auf seiner Alpe“ geträumt hat, ist Christian Schratz aus Hinterstein. Der 33-jährige Nebenerwerbslandwirt hat 2017 seinen Traum wahr gemacht und eine Alpe neu erschlossen, die 1949 aufgelassen worden war. Die „Gernalpe“ hoch über Hinterstein, einem Ortsteil von Bad Hindelang. Heuer ist er den 5. Sommer mit seiner 32-köpfigen Mutterkuhherde dort oben.

So ein schöner Platz

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„Schon als Zehnjähriger war ich mit meinem Opa bei der zerfallenen Alphütte und habe mir immer gedacht: so ein schöner Platz. Schade eigentlich, dass hier kein Vieh mehr heroben ist“, erinnert sich Schratz. Bereits als Kind war der Landwirtssohn aus dem Bad Hindelanger Ortsteil Hinterstein als Kleinhirte im Berg: auf der Käseralpe am Talende des Oberstdorfer Oytals. Dort hat er seine Leidenschaft für die Alpwirtschaft entdeckt und alles gelernt, was man als Älpler können muss.

Vor zehn Jahren hat der gelernte Landwirt den Hof vom Vater übernommen und dessen kleine Mutterkuhherde, die er vergrößerte und auf Tiroler Grauhvieh umstellte. Dann wurden ihm die Flächen im Tal zu klein und er hatte keine Chance, zusätzlichen Grund zu pachten. Schratz, der heute verheiratet und Vater einer Tochter ist, verdient sein Geld primär als selbstständiger Forstunternehmer. Die Mutterkuhherde hält er im Nebenerwerb.

Die Erschließung war notwendig

Schon lange liebäugelte er mit den fetten, steilen Bergweiden am Fuße des Gernkopfes (1900 m), die brach lagen. Und irgendwann packte er es an. Er ging zum Besitzer der Alpe, der Franz Haniel Stiftung. Der Verwalter habe im Grunde nichts gegen die Pläne von Schratz gehabt, dort oben eine neue Alphütte zu bauen und die 25 Hektar, die zur Alpe gehören, wieder zu bewirtschaften. Für die Erschließung aber habe die Stiftung keinen Cent dazugezahlt, erzählt Christian Schratz. Aber die Erschließung war dringend notwendig. Die Gernalpe ist nicht von ungefähr 1949 verlassen worden. Das Weideland ist sehr steil, hat zu wenig Wasser und es führt kein Weg hinauf. Irgendwann hat ein Erdrutsch den steilen Zugangsweg für Kühe unpassierbar gemacht.

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Christian Schratz ging deshalb zum Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kempten, um eine Förderung für die notwendigen Bau- und Erschließungsmaßnahmen zu beantragen. Ein bürokratischer Hürdenlauf begann, mit Gutachten vom Umweltschutz und Forst, Landwirtschaftsamt und Bezirk. „Das größte Problem war, dass nur eine aktive Alpe gefördert wird, so mussten wir schon einen Monat nachdem wir mit dem Bau der Holzhütte begonnen hatten, mit dem Vieh hoch. 650 Höhenmeter und ohne Weg. Das war richtiger Stress damals“, erinnert er sich.

Beinahe hätte das Forstamt wegen der Schutzwaldfunktion der Wälder am Gernkopf das Projekt zu Fall gebracht. Da ist viel Zeit für Gespräche mit den zuständigen Behörden drauf gegangen. Aber schließlich habe man eine Lösung gefunden. Die Umweltbehörde begrüßt heute sogar die Wiederbeweidung. Birk- und Auerwild sind zurückgekehrt, manchmal fliegen sogar ein Steinadler und Bartgeier über die neue Holzhütte. Die Wiesen strotzen sowieso vor Blumenpracht. Vor wenigen Jahren waren hier nur Borstgrasmatten zu finden.

Den Pfad wieder begehbar gemacht

Aber zurück zum Baubeginn im Mai 2017. Christian Schratz erzählt von den großen Mühen und Kosten: „Das ganze Material zum Bau der Hütte musste mit dem Hubschrauber hinaufgeflogen werden, viele Freunde packten mit an. Ein Bagger meißelte einen neuen Viehweg in die Felsen und ein Pfad durch den Wald wurde wieder begehbar gemacht. Fürs Wasser aus entfernten Quellen und dem Bergbach wurden Schläuche im Boden verlegt.

Anfang Juni 2017 kam dann erstmals das Vieh, das mit dem Futter gar nicht glücklich war. Denn nach 67 Jahren, seit dem Ende der Nutzung, hatte das Borstgras alles überwuchert. Und am Boden lag das vermoderte Altgras.

Kaum Weidepflege nötig

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Heute, nach fünf Jahren, sei die Futterqualität hervorragend, freuen sich Schratz und dessen „Tiroler Graue“. Der Boden ist fett und die Artenvielfalt auf den Wiesen beeindruckend. „Weidepflege ist bei uns eigentlich gar nicht notwendig“, erzählt er. „Wir haben weder Adlerfarn noch Ampfer, weder Klappertopf oder Kreuzkraut. Lediglich im Frühjahr massig Eisenhut. Aber den lässt das Vieh ja stehen.“

Auch der Fichten-Anflug sei sehr gering, so dass man so gut wie gar nicht schwenden müsse. Die kleine Alpe ist so wenig arbeitsintensiv, dass auch der 72-jährige Friedhelm das Vieh hüten und eventuell notwendige Arbeiten verrichten kann, wie den Gesundheitszustand der Rinder kontrollieren oder Zäune reparieren. Oder Freunde von Christian, die abwechselnd hochkommen, um das Vieh zu hüten. Denn Christian hat im Tal auch noch eine Landwirtschaft und seine Arbeit als Forst-Unternehmer.

Die Tiroler Grauen jedenfalls scheinen wunschlos glücklich am Berg. Nur einige müssten mit dem Stier im Tal bleiben, weil sie noch nicht gekalbt haben. Schratz hat sich für diese Rasse entschieden, weil sie in seinen Augen sehr robust und trittsicher sind und einen guten Fleisch-Zuwachs haben. Seine Leitkuh Afra ist inzwischen 14 Jahre alt und geht den steilen Anstieg zur Alpe immer noch vorne her.

Im Winter werden die zwei- und dreijährigen Tiere geschlachtet und zu hundert Prozent direkt vermarktet – in 10-Kilogramm-Paketen. „Wir brauchen keine Werbung machen. Viele schätzen den Geschmack von diesem hochwertigen Berg-Fleisch“, freut sich Schratz.