Podiumsdiskussion

Tierwohl: Verbraucher nähern sich Bauern an

Braunvieh
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Externer Autor
am Mittwoch, 11.12.2019 - 08:25

Bauern sind nicht an allem schuld, so lautet das Ergebnis einer von BBV und Allgäuer Zeitung organisierten Diskussion.

Auf einen Blick

  • BBV Oberallgäu und Allgäuer Zeitung organisierten eine Diskussion zum Thema Tierwohl.
  • Nutztierhaltung und Tierschutz – Widerspruch oder Selbstverständlichkeit?
  • Die Haltung von 1.000 Kühen und mehr widerspreche dem gesunden Menschenverstand.
  • Die Beschimpfung der Landwirte in den sozialen Medien ist zu verurteilen.
  • Das tierärztliche Kontrollsy­stem ist ineffektiv.
  • Bauern arbeiten täglich für das Wohl ihrer gesunden Tiere.
     

Gesunde Tiere liegen im ureigenen Interesse der Landwirte

Tierwohl

Kempten - Zum „Bürger-Bauern-Dialog“ hatten die Oberallgäuer Kreisbäuerin Monika Mayer, der schwäbische BBV-Präsident Alfred Enderle, BBV-Geschäftsführer Erich Krug und die Allgäuer Zeitung ins „Thomas-Dachser-Auditorium“ der Hochschule Kempten zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Unter den Besuchern waren etwa ein Drittel Städter, wie eine kleine Umfrage des Moderators und AZ-Redaktionsleiters Ulrich Hagemeier ergab.
Es ging um „Nutztierhaltung und Tierschutz – Widerspruch oder Selbstverständlichkeit?“ Ein Thema, das nach dem Tierskandal im nahen Bad Grönenbach und der momentan arg aufgeladenen Stimmung unter den Landwirten doch etliche Besucher anlockte. Die Idee für diese Veranstaltung hatte Kreisbäuerin Monika Mayer.

Der Moderator stellte die Podiumsdiskussionsteilnehmer kurz vor. Johanna Ecker-Schotte, Mitglied des Landesverbands Bayern des Deutschen Tierschutzverbandes, machte deutlich: „Auch uns Tierschützern ist natürlich klar, dass die Nutztierhaltung Bestandteil unserer Gesellschaft ist.“ Indes sei zu kritisieren, dass immer mehr und schneller Lebensmittel hergestellt – aber dann von Discountern verramscht werden. Dazu flatterten den Verbrauchern bunte Prospekte ins Haus, in denen mit Knallerpreisen geworben wird. Sie plädierte für regionale Vermarktung  und sagte: „Vergessen wir nicht, dass Nutztiere auch Lebewesen sind!“

Viele reden mit, ohne Bescheid zu wissen

Die Jugend auf dem Podium vertrat der Student Gabriel Bernhard vom „Arbeitskreis Öko“ der Hochschule Kempten. „Man macht es sich zu einfach, wenn man die Schuld nur bei den Bauern sucht, da das Tierschutz-Thema enorm komplex ist.“ Der Tierskandal in Bad Grönenbach sei „absolut inakzeptabel“. „1.000 Kühe und mehr – das ist nicht mehr normal, auch wenn es die Technik ermöglicht“, dies sage allein der gesunde Menschenverstand. Zum Glück seien dies wohl Einzelfälle. Geradezu „geschockt“ sei er darüber gewesen, wie die Landwirte generell in den sozialen Medien verurteilt wurden. „So kann man trotz der Vorfälle mit Menschen nicht umgehen“, kritisierte Bernhard die drastische Wortwahl.

Problematisch sei, dass beim Thema Landwirtschaft viele mitreden – aber nur wenige wüssten, wie Landwirtschaft heute funktioniert. „Bedauerlich“ sei, dass kleinere Betriebe „aussterben“. Bernhard machte hierfür auch die zunehmende Bürokratie verantwortlich. Zudem fehle es an Kontakten zwischen Landwirten und der Öffentlichkeit. Reformen seien überfällig. Denn Fördergelder dürften nicht den größten Bauern gegeben werden, meinte der Student.

Auf dem Podium saß auch Andreas Hummel, Milchviehhalter, stellvertretender BBV-Kreisobmann im Oberallgäu und Aufsichtsrats-Mitglied bei der Molkerei „Allgäu.Milch.Käse“. Zum Hof gehören zwei Ferienwohnungen, die vor allem seine Frau managt. Diese werfen zwar ein gutes Nebeneinkommen ab, seien aber auch eine große Herausforderung.

Tierschutz spielt bei Familie Hummel eine große Rolle. Der bekannte Satz „Geht es den Tieren gut, folgt auch Leistung“ sei keineswegs abgedroschen, sondern darin liege viel Wahrheit, so Hummel. Fühlten sich die Tiere gut, mache dies den eigenen Kopf frei, es gebe weniger Schäden und die Qualität passe auch. Obwohl Hummel seine Herde in einem eher alten Stall hält, habe er durch verschiedene Maßnahmen etliche Verbesserungen herbeigeführt. Er habe er einen Ventilator eingebaut und die Kühe können weiden. Hummel macht überdies mit bei „pro Gesund“ und vergleicht dabei Betriebsdaten mit ähnlich gelagerten Höfen.

Es braucht Wertschätzung

Als Präsident des „Bundesverbandes praktizierender Tierärzte e.V.“ beurteilte Dr. Siegfried Moder das Thema. Tierwohl müsse eine Selbstverständlichkeit sein, aber bitte mit Augenmaß!, mahnt er. Dazu gehöre, die Kühe nicht zu vermenschlichen. Er habe großen Respekt vor den Landwirten, die als Unternehmer mit hohen Anforderungen zu kämpfen hätten. Sich beraten zu lassen, sei keinesfalls ein Zeichen von Schwäche, sondern bekunde den Willen den Hof zukunftsfähig zu machen. Überaus wichtig sei, dass die Gesellschaft die bäuerliche Arbeit bei der Produktion von gesunden Lebensmitteln wertschätzt.

Ein „alter Hase“ in Sachen Milch ist Ludwig Huber vom Genossenschaftsverband Bayern, der in einem Milchviehbetrieb aufgewachsen ist und Landwirtschaft studiert hat. Er hält Tierschutz generell für ein Muss, Verstöße seien nicht hinnehmbar. Nutztiere denen es gut geht, seien gesünder und bringen entsprechend Leistung, folgerte der Fachmann. Für die Molkereien habe nicht nur die Milchqualität, sondern auch die Qualität der Erzeugung einen hohen Stellenwert. „Wer Tierschutz nicht einhält, der schadet sich, den Tieren und der Molkerei und kann nicht in der Genossenschaften bleiben“, sagte Huber. An die Adresse des Lebensmitteleinzelhandels gerichtet, meinte er, nicht nur Investitionen in die Ställe zu fordern, sondern gleichzeitig auch die dafür nötigen Kosten durch bessere Preise zu decken.

Im Verein für deutliche Sprache

Schwabens BBV-Bezirkspräsident Alfred Enderle betreibt mit seiner Familie einen Hof mit Dauergrünland und Milchvieh mit Nachzucht sowie eine Alpe im Oberallgäu. Er sei „Mitglied im Verein für deutliche Sprache“, rede also „Klartext“, wie der Moderator vorausschickte, und deshalb ein gefragter Diskussionsteilnehmer. Dies untermauerte Enderle auch an diesem Abend. Er nannte Fakten über die Region und wies darauf hin, wie wichtig die Landwirtschaft sowie ihre vor- und nachgelagerte Wirtschaft sei. Jeder siebte Arbeitsplatz befinde sich im Agrarbereich mit etwa 900.000 Beschäftigten. „Wir sind  ein ganz wichtiger Wirtschaftsbereich, was von der Öffentlichkeit leider nicht mehr wahrgenommen wird.“ Dabei säßen Bauern und Bevölkerung doch in einem Boot, sagte Enderle.

Er verwies darauf, wie teuer den Landwirten ihr Arbeitsplatz geworden ist, nämlich 552.000 €! Im Baugewerbe sind dies nur 31.500 €! Dies zeige, welche Zwänge die Landwirtschaft habe. Doch die Bauern stellten sich diesen Veränderungen. „Tiergesundheit liegt im ureigentlichen Interesse der Bauernfamilien“, so Enderle. Die Betriebsinhaber stünden auch in Zielkonflikten: Größere Ställe stehen im Widerspruch zum Klimaschutz! Tatsache sei aber leider, dass die Zahl der Bauernfamilien abnehme, bedauerte Enderle.

Tiere nicht vermenschlichen

In der Diskussion wurden etliche Problemstellen bearbeitet. Enderle erinnerte daran, dass noch vor zwei Generationen viele Städter Bauern in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis hatten. Es sei ein Fehler gewesen, die CMA-Werbung abzuschaffen – etwa Milchwerbung vor der Sportschau. „An mehr Öffentlichkeitsarbeit geht kein Weg vorbei und dafür muss Geld in die Hand genommen werden“, folgerte er.

Der Frage, ob Kontrollen von den Molkereien durchgeführt werden sollen, erteilte er eine klare Absage. Hummel warf in die Runde, dass  auch Selbstkontrollen funktionierten. Doch dafür müsse man Zeit investieren und schon mal den inneren Schweinehund überwinden. Ecker-Schotte vom Tierschutzbund erinnerte daran, dass eigentlich alle die Situation der Landwirte verbessern wollten. Aus ihrem heimischen Landkreis Miesbach sei ihr bekannt, dass sich viele Jungbauern überlegen, ob sie weitermachen oder in die Industrie gehen. So wie hier im Allgäu seien „unsere Bauern oft stinkig wegen des Bienen-Volksbegehrens, sie fühlen sich noch mehr gegängelt“.

Dr. Moder erläuterte einem Städter: „Mir gefällt nicht, dass Haustiere vermenschlicht werden. Bayerns Kühe haben eine längere Nutzungsdauer als im Bundesdurchschnitt. Insgesamt stellte er der Tierhaltung ein gutes Zeugnis aus. Gleichwohl gebe es durchaus Tiere, deren Umfeld eine gute Gesundheit nicht zulasse. Als Beispiel nannte der Tierarzt das Lahmen der Kühe: Eine Studie habe ergeben, dass die Bauern 30 % lahme Kühe in ihren Ställen haben. Dies sei „viel zu viel“. Eine Frage an ihn war, welche Rolle Tierärzte auf den Höfen einnehmen? „Wir sehen uns als ein ganz wichtiges Glied in der Kette. Unsere Arbeit funktioniert nur, wenn wir mit der Familie gemeinsam das Ziel erreichen – zum Wohle der Tiere.“

Kontrollen liefern nur eine Momentaufnahme

Die nächste Frage richtete sich an Huber. Ein Bauer beklagte die schlechten Milch- und Getreidepreise. „Die Frage muss anders gestellt werden, nämlich wie viel Spielraum haben Molkereien, die Preise nach oben zu bringen? Sie suchen ständig nach neuen Produkten, wie Heu- oder Bergmilch, Bio schon seit langem. Es sei fast zu viel, „da dadurch der Verbraucher vor den vollen Regalen verunsichert wird“. Huber forderte, verantwortungsvoll mit dem breit gefächerten Angebot umzugehen.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde das wechselhafte Verhalten der Verbraucher angesprochen: Bei Umfragen schwören sie auf Bio – und kaufen dann doch möglichst preiswert! Wieder war Huber angesprochen, als es um die Kontrollfrage ging? Tierschutz zu überprüfen und zu sichern, sei eine wichtige Aufgabe des Staates, nicht der Molkereien.

Zum Bürgerbegehren erläuterte Enderle, dass wohl außer den Bauern niemand intensiv die Texte gelesen habe. Interessanterweise hätten danach auch die Organisatoren zugegeben, dass darin Fehler enthalten sind. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn die Politik zwei Entwürfe vorgelegt hätte und die Bevölkerung darüber hätte abstimmen können, sagte Enderle.

Dr. Moder bezog zum vorliegenden Kontrollsystem Stellung, das er für „uneffektiv“ hält, da Kontrollen immer Momentaufnahmen seien. Aber Landwirte hätten nun mal eine Selbstverpflichtung nach EU-Vorgaben zu arbeiten. Er schlug vor, dass sich der Hoftierarzt mit der Bauernfamilie zusammensetzt, um den Betrieb gemeinsam zu betrachten und Schwachstellen abzubauen.

Die Eröffnungs- und Schlussrede hielt Kreisbäuerin Mayer. Sie verwies darauf, dass Tierwohl täglich neu erarbeitet werden müsse und dass dafür optimale Futter- und gute Haltungsbedingungen notwendig sind. Die Bauern hätten die Haltung größtenteils im Griff. Doch immer da, wo der Mensch mit dem Tier zusammenlebt, entstünden Kompromisse.

Ein wichtiger Aspekt sei die Wirtschaftlichkeit, um eine deutlich bessere Wertschöpfung zu erzielen. Kreisbäuerin Monika Mayer dankte den Podiumsteilnehmern und den Diskutanten im Publikum dafür, dass man sich einige Schritte näher gekommen sei durch dieses „offene, ehrliche und faire Gespräch“.