Erfolgsrezepte

Tante Emma kommt zurück

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Isabel de Placido
am Freitag, 02.07.2021 - 08:29

Lange Zeit hatten die kleinen Dorfläden keine Chance. Zu groß war die Konkurrenz der Supermärkte und Discounter. Doch seit einigen Jahren erleben die Gemischtwarenläden im ländlichen Raum ein regelrechtes Comeback.

Dorfläden etablieren sich: als Bürgerläden, genossenschaftliches Modell, Einzelhandelsgeschäft oder Verein in den Dorfzentren. Und eigentlich ist dieser Trend kein Wunder. Sind doch die kleinen Dorfläden wahre Tausendsassas. Denn sie fungieren nicht nur als Nahversorger, sondern sie sind obendrein auch Treffpunkt, Botschafter der Region und Hauptschlagader des sozialen Austauschs. Allein in den letzten Jahren hat das Amt für Ländliche Entwicklung Schwaben (ALE) mit einer Gesamtförderung in Höhe von 1,15 Mio. € dazu beigetragen, dass solche Dorfläden im Landkreis Lindau entweder neu entstehen oder erhalten bleiben.

„Wir sind echt froh, dass es den Laden gibt“, versichert Stefanie Weber und lässt sich ein paar Scheiben Wurst für das Abendessen aufschneiden. Dabei schweift ihr Blick über die vielversprechend aussehenden Schinken, Würste und Aufschnitte in der Frischetheke, doch letztendlich entscheidet sich die junge Frau für eine der leckeren Käsespezialitäten. „Hier bekommt man das wichtigste, was eine Familie braucht, der Laden liegt zentral, man kennt sich und man kann auch die Kinder zum Einkaufen schicken“, fügt sie hinzu.

Name und Bekenntnis zugleich

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Das zu hören freut Susanne Burkart, auch wenn sie sich dessen natürlich bewusst ist. Sie ist, und das sagt wahrscheinlich nicht nur ihr Mann, das „Herz“ des Dorfladens in Ebratshofen. Gegründet haben ihn vor über 125 Jahren die Großeltern von Wolfgang Burkart. Zu dieser Zeit hießen die Dorfläden noch Gemischtwarenhandlung, und die, die sie betrieben, waren die „Kroamer“. Deswegen heißt der Laden auch „Kroamer´s Dorfladen“ – Name und Bekenntnis zugleich. Denn auch wenn Wolfgang Burkart hauptberuflich in einem Maschinenbauunternehmen arbeitet und eigentlich seine Frau diejenige ist, die den Laden schmeißt, sind beide Kroamer aus Leidenschaft. Das trifft sich gut. Denn wie Susanne Burkart aus ihrer jahrelangen Erfahrung zu sagen weiß: „Man muss dafür brennen, sonst kann man so einen Laden nicht halten.“

Diese Leidenschaft, aber auch ihr Geschäftskonzept, machen jenes Erfolgsrezept aus, das den Bestand des Ladens mitten im Dorf sichert. Mit ihrem Sortiment setzt Susanne Burkart auf zwei Dinge. Zum einen auf Regionalität, zum anderen auf Bio. Während sie ihr Grundsortiment von Edeka bezieht, wo das Familienunternehmen seit jeher genossenschaftliche Anteile hat, kommt die so genannte Frischware ausschließlich von Händlern aus der Region. „Die Wurst und das Fleisch von der Metzgerei Baur in Ronsberg, die Backwaren von der Bäckerei Rieser in Simmerberg, Honig und Eier aus dem Dorf, und der Käse von der Käserei Baldauf in Lindenberg und der Dorfsennerei Böserscheidegg“, zählt Susanne Burkart auf, und ist damit längst noch nicht fertig.

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Den Schnaps holt sie sich bei einer Brennerei in Waltershofen, das Eis stammt aus einer kleinen Manufaktur in Isny, die Schokolade aus Scheidegg und der Kaffee ist von der innovativen Kaffeerösterei Muni aus Lindau.„Aus der Region für die Region, das finde ich schön und da bin ich stolz drauf, dass ich der Lieferant sein darf“, bringt es Susanne Burkart auf den Punkt und ihr Mann ergänzt: „Wenn man ein bisserl die Augen offen hält und für die Region brennt, dann kriegt man ganz tolle Sachen.“ Gleiches gilt selbstverständlich auch für die Bioprodukte, auf die Susanne Burkart großen Wert legt. Davon zeugt ihr riesiges Bio-Sortiment: „Das ist mein Herzstück“, sagt sie.

Einig sind sich die Kroamers darin, dass schon vor der Coronapandemie, die bekanntlich die Wertschätzung für das Regionale verstärkt hat, ein Umdenken der Menschen eingesetzt habe. Nicht mehr allein der Preis, sondern Qualität und Regionalität sind ausschlaggebend für Kaufentscheidungen. „Wir wollen uns gar nicht mit Aldi, Lidl und Co. messen. Wir wollen guten Gewissens unsere Ware verkaufen und mit den Erzeugern und Leuten zusammenarbeiten“, betont Susanne Burkart, bevor ihr Mann sie aus dem Laden rüber, in die angrenzenden Räumlichkeiten, in die „Kroamers Einkehrstube“ ruft. Dort hat Wolfgang Burkart nämlich alle Hände voll zu tun, um die Wünsche der Ausflügler und Dorfbewohner, die sich an diesem herrlichen Sommertag draußen, im kleinen Biergarten vor dem Haus niedergelassen haben, zu erfüllen.

Ein synergetisches Konstrukt geschaffen

Seit 2013 gehört das kleine Café zum Dorfladen dazu. Nachdem der letzte Mieter, ein Reisebüro ausgezogen war, hatten sich die Burkarts dazu entschlossen die Räume selbst zu nutzen. „Hier gibt´s den besten Kuchen und die besten Brezeln und alles ist an einem Ort: Lebensmittel, Café, Post, Bäcker, Psychologe und Rundumbetreuung“, sagt Beate Hanser, während sie an der Theke auf ihren Cappuccino wartet. „Die Einkehrstube und der Laden sind ein synergetisches Konstrukt, das gut funktioniert“, sagt Wolfgang Burkart und veranschaulicht: „Die Leute, die einkaufen, trinken einen Kaffee oder die, die einen Kaffee trinken, kaufen was ein.“ Was die Ebratshofenerin jedoch bei ihrer Aufzählung vergessen hat zu nennen, sind der Strickclub und die Schafkopfrunde, die sich zu normalen Zeiten auch noch hier treffen.

Damit Kroamers Dorfladen samt Einkehrstube erhalten bleibt und damit die Nahversorgung im Ort gesichert ist, haben die Burkarts vom ALE Fördergelder bekommen. Zwei Jahre ist es her, als sie erkannt hatten, dass eine Renovierung unumgänglich ist. „Ohne Förderung hätten wir das Projekt aber gar nicht in Angriff genommen“, sagt Wolfgang Burkart. Doch trotz aller Modernisierung, die historische Ladeneinrichtung der Großeltern mit ihren vielen Schubladen und Fächern haben die Burkarts behalten und sowohl im Laden wie auch im Café integriert. Schließlich sind nicht nur die kleinen Tante Emma Läden, sondern auch der Retrolook voll im Trend.

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Ganz und gar nicht retro, sondern supermodern ist der Gestratzer Dorfladen. Ihn gibt es erst seit 2019 und eigentlich auch nur dank der Fördergelder vom ALE im Rahmen der Dorferneuerung. Dazu errichtete die Gemeinde mitten im Dorfzentrum ein Gebäude mit einem Laden und Wohnungen. Während das Gebäude der Gemeinde gehört, und das Inventar des Ladens einem Verein, wird der „Dorfmarkt Argental“ von Roland Kempter betrieben. „Der damalige Bürgermeister Johannes Buhmann hat mich nicht ausgelassen und irgendwann habe ich halt ,ja‘ gesagt“, erinnert sich Kempter lachend und erzählt, dass der Laden in Gestratz nicht sein einziger ist. Insgesamt vier Dorfläden betreibt er und hätte es ursprünglich am liebsten bei dreien belassen. Wenn da eben nicht die Beharrlichkeit des damaligen Bürgermeisters gewesen wäre. Und die Tatsache, dass er außer seinem Wissen und Know How nichts weiter einbringen musste.

Familienbetrieb in der vierten Generation

Von Haus aus ist Kempter eigentlich Bäcker und sein Betrieb eine Bäckerei. Aber: „Wir handeln seit jeher auch mit Lebensmitteln“, sagt er, und erklärt, dass er den Familienbetrieb bereits in der vierten Generation führt. „Wir haben uns in all den Jahren erfolgreich dem großen Ladensterben widersetzt“, betont er nicht ohne Stolz und spricht damit eine Entwicklung der 1970er Jahre an, als die Preisbindung verboten wurde und deswegen die Discounter ihren Siegeszug antreten konnten.

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Davon, lediglich ein Kühlregal in den Laden zu stellen, um neben Backwaren auch noch Milch, Butter und Joghurt zu verkaufen, hält der Unternehmer ebenso wenig, wie von genossenschaftlichen Geschäften. Nein, seine Läden seien richtige Läden. Deshalb kommt der Gestratzer Dorfladen daher wie ein moderner Supermarkt, nur eben kleiner. „Es geht darum, dass man ohne Auto gut leben kann in einem Dorf.“ Darum lautet Kempters erklärtes Ziel die Top 100, die jeder Haushalt zum Überleben braucht, im Dorfladen parat zu haben. Darüber hinaus legt er ebenso wie die Burkarts in Ebratshofen den Schwerpunkt auf die Frischwaren, also auf Käse, Fleisch, Wurst und Gemüse. „Das ist unsere Überlebensstrategie.“

Natürlich weiß Kempter, dass jede Familie mindestens einmal in der Woche mit dem Auto zu einem der großen Discounter in der Umgebung fährt. Aber er weiß auch, dass die Leute nicht mehr jeden Cent sparen wollen. „Vielen geht es um den Faktor Zeit“, sagt er über diese neue Entwicklung und erklärt, dass viele lieber ein paar Cent mehr bezahlen wollen, wenn sie dafür etwas Zeit sparen können. „Aber“, so betont er: „Bei uns zahlen sie keinen Dorfzuschlag.“ Als „Edekaner“, der er wie die Burkarts ist, habe er die gleichen Angebote wie die großen Edeka-Märkte und gebe diese auch an die Kunden weiter. Denn: „Wir sehen uns voll im Wettbewerb und nicht als Platzhirsch.“ Und nach eineinhalb Jahren Dorfladen in dem 450 Seelendorf kann er sagen: „Idee und Plan waren gut. Wir werden uns halten. Meine Erwartungen wurden übertroffen.“

So wie also die Nahversorgung der Gestratzer fürs erste gesichert ist, und übrigens auch die von Niederstaufen, wo jüngst mit Hilfe der ALF-Fördergelder der vierte Dorfladen im Landkreis eröffnet hat, ist sie es auch in Oberreute.

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Auch hier war es der ehemalige Bürgermeister, der dafür gesorgt hat, dass seine Bürger alles, was sie zum Leben brauchen, direkt vor Ort bekommen. „Die Gemeinde ist auf uns zugekommen und hat uns gefragt, ob wir das nicht machen wollen“, erzählt Anja Maucher. Die junge Frau ist die Geschäftsführerin des Familienunternehmens, das ursprünglich aus der Käsebranche kommt. Seit 2017 hat sie den Laden von der Gemeinde gepachtet, die wiederum dafür Fördermittel vom ALE bekommen hat.

Die komplette Einrichtung des modernen Geschäfts samt jener des angeschlossenen Cafés stammt aber von den Mauchers selbst. „Das Café war uns ganz wichtig, weil es hier im Ort kein anderes gibt“, sagt Maucher. Umso mehr fungiere es als Treffpunkt für die Leute vom Dorf ebenso wie als Anlaufpunkt für die Touristen, von denen es in Oberreute einige gebe. Auch die Zweitwohnungsbesitzer, die rund die Hälfte der Einwohner ausmachen, spielten bei der Entscheidung der Mauchers einen Dorfladen zu betreiben, eine entscheidende Rolle. „Da wussten wir, dass es funktionieren kann.“ Ansonsten setzt das Familienunternehmen auf Regionalität und natürlich auf Käse. „Den machen wir zum Großteil selber. Da kommen wir her.“ Und beim restlichen Sortiment, das sie von UTZ beziehen, ist alles dabei, was man fürs tägliche Leben braucht. „Bei uns gibt es nichts, was es nicht gibt, nur halt nicht 20 verschiedene Sorten.“