Öffentlichkeit

Strahlende Gesichter als Lohn?

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Externer Autor
am Montag, 17.09.2018 - 12:53

Erlebnis.Bauernhof: Ein Bericht über Theorie und Praxis des Programms

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„Gemeinsam sind wir stark“ wirbt der Bauernverband. Das haben auch zwei Bäuerinnen im kleinen Enkingen erkannt, die mit ihren Betrieben im Programm „Erlebnis.Bauernhof“ kooperieren. Sobald die teilnehmenden Grundschulklassen zwei Gruppen gebildet haben, führt Tanja Beck die Kinder durch ihren Michviehbetrieb, während Alexandra Löfflad auf dem Nachbarhof die Bullen- und Schweinemast und den Ackerbau erklärt.

Gemeinsam bieten die beiden Bäuerinnen nicht nur das Programm des bayerischen Landwirtschaftsministeriums „Erlebnis.Bauernhof“ an, sondern organisieren auch Kindergeburtstage, Feld- und Hofführungen oder warten mit zielgruppenorientierten Angeboten für Schulklassen und Kindergärten auf. Statt die Schulbank zu drücken dürfen diesmal 32 Mädchen und Buben der Kombiklassen 1/2a und 1/2b der Alerheimer Johann-Wilhelm-Klein-Grundschule einige Stunden hautnah erleben, wie die moderne bäuerliche Familie arbeitet und lebt.
Das Programm hat auch einige erwachsene Gäste auf die Betriebe Beck und Löfflad geführt. Mit Interesse folgen Schulrätin Andrea Eisenreich, Vizelandrat Reinhold Bittner, Möttingens Bürgermeister Erwin Seiler, sein Alerheimer Amtskollege Christoph Schmid und Hauswirtschaftsdirektorin Brigitte Steinle vom AELF Nördlingen den Ausführungen von Edith Auchter, der Ansprechpartnerin für „Erlebnis.Bauernhof“ am AELF Nördlingen.
Seit Programmstart im Juni 2012 sind allein im Landkreis Donau-Ries 17 Betriebe als Erlebnis-Bauernhöfe aktiv. Die landesweiten Projektwochen „Sommer.Erlebnis.Bauernhof“ werden heuer im dritten Jahr angeboten und sind ein Modul des Programms Erlebnis.Bauernhof. Die Projektwochen sind zeitlich begrenzt und dauern in der Regel von Pfingsten bis zu den Sommerferien, erklärt Auchter. „Damit wollen wir die Lehrkräfte noch mehr auf das kostenlose Lernprogramm auf einem Bauernhof aufmerksam machen, wo die Verbraucher von morgen aktiv und praxisnah erleben dürfen, woher die Lebensmittel stammen, die sie täglich essen.“
Jeder Betrieb erhält pro Schulklasse eine Vergütung von 170 €. „Davon werden die Bäuerinnen zwar nicht reich, aber das Strahlen in den Gesichtern der Kinder nach den aufregenden Stunden auf dem Bauernhof ist ja auch ein schöner Lohn.“ Eine Entschädigung für den Aufwand und die pädagogische Arbeit der Landfrauen ist mehr als gerechtfertigt, betont Brigitte Steinle. Es könne schließlich niemand erwarten, dass Bäuerinnen immer alles auf ehrenamtlicher Basis leisten.
Außerdem sei es nicht jedermanns Sache, ständig Fremde auf seinem Betrieb zu haben, sagt Vize-Landrat Bittner. Umso mehr begrüßt er das Engagement der bäuerlichen Familien. „Es ist wichtig, Kinder rechtzeitig an den Ort heranzuführen, von dem ihr Essen kommt.“ Ein weiterer nützlicher Aspekt: Die Mädchen und Buben „erziehen“ nach dem Besuch auf dem Bauernhof ihre Eltern und tragen damit vielleicht mit Blick auf das Image der Landwirtschaft zu einem Meinungswandel bei, wenn sie ihnen von ihren eindrucksvollen Erlebnissen erzählen.
Auchter nützt den Besuch der Politiker, um das leidige Thema „Transportkosten“ anzubringen. Der Schulbesuch eines Bauernhofs leide nämlich oft an diesen Ausgaben, die die Lehrkräfte von den Eltern einfordern müssten. Tanja Beck und Alexandra Löfflad können das nur bestätigen. Vielfach sei in den Köpfen der Eltern verankert, dass der Besuch eines Bauernhofs für Kinder vom Land nicht notwendig ist. „Aber genau das Gegenteil ist der Fall“, sagt Beck. Es sei erschreckend, dass viele Mädchen und Buben zwar die Tiere im Zoo kennen, aber nicht wüssten, welchen Zweck „das Teil mit den Fingern“ unten an der Kuh erfüllt. Wie sehr sogar Kindern vom Land der Bezug zu heimischen Tiere fehlt, sei auch daran erkennbar, dass kaum eines von ihnen jemals ein Kalb gestreichelt oder einer Kuh direkt gegenüber gestanden habe.
Deshalb hat Milchbäuerin Beck für die Mädchen und Buben die Themen „Vom Kalb zur Kuh“ und „Was wird aus Milch produziert?“ vorbereitet. Bei ihrer Berufskollegin Löfflad steht der „Weg vom Korn zum Brot“ auf dem Programm. Ein Blick in den Bullen- und Schweinemaststall auf ihrer Hofstelle darf natürlich nicht fehlen.Das Programm „Erlebnis.Bauernhof“ hat für Auchter einen besonderen Stellenwert, schließlich führt sie mit ihrer Familie in Aalen einen Bio-Mutterkuhbetrieb im Nebenerwerb und ist mit „viel Herzblut“ Bäuerin. „Was die Kinder in den paar Stunden auf einem Bauernhof lernen, wird sie ihr Leben lang begleiten“, ist die Fachlehrerin überzeugt.
Deshalb freut sich Auchter über jeden Betrieb, der sich für das Programm zertifizieren lässt. Voraussetzungen dafür sind:
  • Der Betrieb muss aktiv bewirtschaftet werden, eine Mindestgröße von 8 ha aufweisen und im Vorjahr einen Mehrfachantrag gestellt haben.
  • Ein Mitglied der bäuerlichen Familie muss an der eintägigen Informationsveranstaltung „Fit für das Programm Erlebnis.Bauernhof“ teilnehmen oder eine Qualifizierung zur Erlebnisbäuerin oder zum Erlebnisbauern vorweisen. Betriebe, die bereits am BBV-Projekt „Landfrauen machen Schule“ teilnehmen“, benötigen keine zusätzliche Qualifikation.
  • Es muss eine Haftpflichtversicherung vorliegen, die auch das Programm „Erlebnis.Bauernhof“ beinhaltet, und die Berufsgenossenschaft muss informiert werden.
Die Zertifizierung für das Programm erfolgt nach Abschluss eines Vertrags mit der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, wie Auchter erklärt. Zusätzlich muss der Betrieb noch einige Qualitätsstandards erfüllen, etwa ein aufgeräumtes und gepflegtes Hofbild, Gebäude in gutem baulichen Zustand, Gewährleistung der körperlichen Unversehrtheit der Kinder oder die Einhaltung des Tierschutzgesetzes. Weitere Kriterien für die Teilnahme am Programm sind Sicherheits- und Hygienevorschriften. So dürfen keine Rohmilch oder Produkte aus Rohmilch zur Verkostung angeboten werden, bei empfindlichen Lebensmitteln wie Joghurt, Fleischwaren oder Eier darf die Kühlkette nicht unterbrochen werden.
Das Lernprogramm umfasst mindestens drei Schulstunden und ist auf den LehrplanPlus abgestimmt. Der Bauernhofbesuch lässt sich also bestens mit dem Grundschul-Lehrplan vereinbaren. „Welche Lernprogramme die Betriebe anbieten, ist ihnen überlassen“, sagt Auchter. Die Themen müssen sich auf die Bereiche Landwirtschaft oder Energieproduktion beziehen.
Während der kostenfreien eintägigen Informationsveranstaltung. „Fit für das Programm Erlebnis.Bauernhof“ erhalten die Teilnehmer Hinweise zur fachlichen und methodischen Umsetzung der Lernprogramme.
„Leider steigen viele Betriebe wieder aus, weil sich keine Schulklassen anmelden“, sagt Auchter.
Für diejenigen, die sich dennoch zur Erlebnisbäuerin/zum Erlebnisbauern qualifizieren möchten: Ein Infotag zu dieser Qualifizierung findet am Mittwoch, 19. September. auf dem Hofgut Bäldleschwaige in Tapfheim statt. Patrizia Schallert

Gemeinsamstark sein

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Tanja Beck (Enkingen): „Als gelernte Kauffrau hatte ich nicht viel Ahnung von Landwirtschaft, als ich mit meinem Mann Bernd seinen elterlichen Betrieb übernommen habe. Unsere Kinder erleben zwar hautnah mit, wie die moderne Landwirtschaft funktioniert. Aber ich weiß auch, wie wichtig es ist, dass andere Kinder wieder mehr Bezug zur heimischen Nahrungsmittelproduktion bekommen. Die Kooperation mit meiner Nachbarin Alexandra Löfflad ist für das Programm Erlebnis.Bauernhof - perfekt, weil die Kinder dadurch an einem Tag verschiedene Produktionszweige kennenlernen. Leider ist die Finanzierung der Busfahrt von der Schule zu unseren Höfen immer wieder ein schwieriges Thema. Manche Schulen haben das Problem gelöst, indem sie mit den Kindern im Rahmen der Fahrradprüfung einen Radausflug zu uns machen. Aber das geht nur bei den vierten Klassen. Schön wäre es, wenn es hier künftig eine Lösung gäbe.“

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Alexandra Löfflad (Enkingen): „Ich selbst stamme nicht aus einem landwirtschaftlichen Betrieb. Aber seit ich in den Hof meines Mannes Günter eingeheiratet habe, finde ich als Bäuerin meine Erfüllung. Öffentlichkeitsarbeit ist für das Image der heimischen Landwirtschaft unverzichtbar. Deshalb sind meine Nachbarin Tanja Beck und ich seit dem Programmstart von Erlebnis.Bauernhof dabei. Durch ihre Produktionszweige – Ackerbau, Milchvieh, Bullen- und Schweinemast – ergänzen sich unsere Betriebe hervorragend für die verschiedenen Lernprogramme. Während Tanja mehr auf die Milchproduktion eingeht, konzentriere ich mich auf das Thema Vom Korn zum Brot. Die Entschädigung von 170 Euro pro Schulklasse ist für mich in Ordnung, obwohl ich sie mit Tanja teilen muss, weil wir ja zeitgleich dieselbe Klasse auf unseren Höfen haben. Ein Vorteil unserer Kooperation liegt auch darin, dass unsere Männer während des Programmablaufs ihrer Hof- und Feldarbeit nachgehen können. Dadurch fällt der Besuch der Schulklassen arbeitstechnisch nicht ins Gewicht.“