Tierhaltung

Stau im Stall und Preisverfall

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Michael Ammich
am Freitag, 27.11.2020 - 13:56

Wohin mit den Tieren? Es lastet ein extrem hoher Druck auf dem Schweine- und Rindfleischmarkt.

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Die Schlachthöfe haben ihren Durchsatz in der Coronakrise erheblich reduziert, China nimmt kein Schweinefleisch aus Deutschland mehr ab und in den deutschen Ställen staut sich das Vieh. Das hat auch Auswirkungen auf große Vermarktungsorganisationen wie die Erzeugergemeinschaft Franken-Schwaben mit Sitz in Wertingen. Woche für Woche gerät der Absatz der Ferkel, Schweine und Rinder ins Stocken, erklärt EG-Geschäftsführer Burkhard Hock. Dazu komme noch, dass der Lebensmitteleinzelhandel die Coronakrise nutzt, um die Preise zu drücken.

Die Vermarktungszahlen der EG Franken-Schwaben sind jedoch trotz der Coronakrise insgesamt stabil. So erwartet Hock auch für heuer einen ähnlichen Viehumsatz wie 2019: rund 1,2 Mio. Ferkel, 700 000 Schlachtschweine, 20 000 Bullen und 10 000 Fresser. Einschließlich Färsen und Kühen werden rund 40 000 Stück Großvieh vermarktet.

Im Frühjahr hatte die Müller-Gruppe ihren Verabeitungsbetrieb im baden-württembergischen Birkenfeld heruntergefahren, nachdem sich dort 400 Arbeiter mit dem Coronavirus infiziert hatten. Die Auswirkungen waren bis nach Schwaben zu spüren. Die Schweine, die von dort an die Müller-Gruppe geliefert und in Ulm geschlachtet werden, kommen nach Birkenfeld zur Verarbeitung. Dort wurde jedoch sechs Wochen lang die Kapazität in der Schweineverarbeitung um 20 % reduziert und in den schwäbischen Mastställen stauten sich die Tiere. „In diesen sechs Wochen schoben wir rund 10 000 Schweine vor uns her“, erinnert sich Hock.

Flaschenhals Fleischzerlegung

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Der Schweinestau hatte wiederum bittere Auswirkungen auf die Ferkelerzeugerbetriebe. Der EG Franken-Schwaben werden im süddeutschen Raum wöchentlich bis zu 10 000 Ferkel angedient. Deren Vermarktung musste jeweils um eine Woche verschoben werden. In diesem Zeitraum wurden die Ferkel schwerer, den Zuchtsauenhaltern entstanden zusätzliche Futterkosten und der Platz in den Ställen wurde knapp. Nach mehreren Corona-Ausbrüchen in der Fleischindustrie wurden dort die Hygieneauflagen drastisch verschärft. Größere Abstände zwischen den Schlachthofarbeitern führten dazu, dass ihre Anzahl reduziert wurde und damit geringere Mengen Schlachttiere verarbeitet werden konnten. Dabei entwickelte sich die Fleischzerlegung zum Flaschenhals.

Nachdem sich die Mastställe nur zögerlich leeren, beziehen die Mäster weniger Ferkel, so dass sich der Stau in die Zuchtsauenbetriebe verlagert hat. „Dass die Ferkel schwerer werden, ist noch handelbar“, sagt Hock. Doch gegen die rigorosen Preissenkungen konnten sich die Vermarkter schwerlich wehren. So ging der Preis von 100 € pro Ferkel auf 70 € zurück. Auch der Schweinepreis sank im Frühjahr von 2 auf 1,60 €/kg. Dazu trug neben Corona natürlich auch die fehlende Abnahme durch China bei, nachdem in Deutschland die ersten Fälle der Afrikanischen Schweinepest aufgetreten waren.

Seit dem Frühjahr hat sich wenig geändert

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Auch jetzt arbeiten die Schlachthöfe mit einem Durchsatz von nurmehr 80 %, erklärt Hock. Außerdem fällt erneut die Gastronomie als Hauptabnehmer für bestimmte Schweineteilstücke aus. Der Zeitpunkt könnte ungünstiger nicht sein, weil im Herbst stets die größten Schweinestückzahlen aus den Mastbetrieben geliefert werden. „Heute stauen sich die Tiere noch mehr als im Frühjahr in den Ställen“, klagt der EG-Geschäftsführer. „Und den Preisdiskussionen können wir derzeit nichts entgegensetzen.“ Der Druck lässt die Preise sinken.

Bei den Bullen ist die Situation nicht viel besser. Wegen Corona-Fällen stand der Ulmer Schlachthof zehn Tage lang still, und in Südbayern kam es zum Rinderstau, nachem einige tausend Tiere von den Mastbetrieben nicht abgeholt werden konnten. Der Ausfall der Gastronomie drückt auf die Preise für Bullen, Kühe und Färsen. Immerhin arbeiten die Schlachthöfe im Rinderbereich jetzt wieder auf Normalniveau, so Hock.

Ein Gewinner der Coronakrise sei der Lebensmitteleinzelhandel. Wer sein Rindfleisch nicht mehr im Gasthof essen kann, der kauft es jetzt im Supermarkt und isst es zuhause. In der Folge ordert der Handel verstärkt Rindfleisch, so dass die Preise immerhin ein wenig anziehen. Auf die niedrigen Preise für die kaum gefragten Kühe und Färsen wirkt sich das jedoch nicht aus.

Zuchtsauenbetriebe stehen auf der Kippe

Die Folgen des erneuten Lockdowns im November sind gravierend. Für das zweite Halbjahr 2020 rechnet Hock mit spürbaren Umsatzeinbußen für die EG Franken-Schwaben. Die Ferkelerzeuger schlachten vermehrt Zuchtsauen, um die Anzahl der Ferkel zu verringern. „Es werden wohl vermehrt Zuchtsauenbetriebe ausscheiden“, befürchtet Hock, zumal auch noch die Kosten für die schmerzfreie Ferkelkastration auf sie zukommen. Spätestens zur Jahresmitte 2021 erwartet der EG-Geschäftsführer auch in Schwaben ein stark sinkendes Ferkelaufkommen und damit weniger Schlachtschweine und Schweinefleisch auf dem Markt. „Wenn das Angbeot stärker als die Nachfrage sinkt, könnte sich die Preissituation entspannen.“ Bei den Bullen dagegen werde sich das Aufkommen voraussichtlich kurzfristig nicht ändern.
Der Neu-Ulmer Kreisobmann und Ferkelaufzüchter Andreas Wöhrle stallt pro Durchgang in „normalen“ Zeiten 2000 Ferkel ein. Schon Anfang November musste er 500 mastfähige Ferkel als Spanferkel aus seinem Betrieb in Pfaffenhofen abtransportieren, um Platz in seinen Ställen zu schaffen. Als Grund für die verlustbringende Aktion führt er den Stau durch die fehlenden Schlachtkapazitäten an, ein Trend, den die fehlende Gastronomie und der ausbleibende Export nach China noch verstärken. Zwar werde der Lebensmitteleinzelhandel einen großen Teil des Schweinefleisches auffangen, aber der Stau weiter auf den Preis drücken.

Stau durch fehlende Schlachtkapazitäten

Wöhrle muss seine Ferkel jetzt länger durchfüttern und bekommt in seinen Ställen allmählich ein ernsthaftes Platzproblem. Normalerweise gibt er seine aufgezogenen Ferkel mit einem Gewicht von 32 kg ab, derzeit wiegen sie bei der Abgabe 40 kg. Der Mäster stallt sie dann wiederum mit 40 kg ein, so dass die Mast schneller beendet ist. Umso schneller müssen die gemästeten Schweine wieder am Markt untergebracht werden.

Außerdem hat Wöhrle jetzt zwei bis drei Ferkelherkünfte mehr, was für seine Tiere nicht nur eine veränderte Gruppenstruktur, sondern auch ein erhöhtes Krankheitsrisiko mit sich bringt. Bis Weihnachten rechnet Wöhrle mit einem Stau von rund 1 Mio. Schweine. Ihn ärgert das intransparente und planlose Agieren der Politik. Die sollte nicht nur auf drei oder vier bekannte Virologen hören. Der neuerliche Lockdown stürzt ganze Branchen und ein ganzes Land ins Elend.“

Auch Jürgen Meitinger leidet unter der Coronakrise. Auf seinem Betrieb in Bocksberg hätte er vor drei Wochen Bullen verkaufen können, doch die gesunkenen Preise hielten ihn davon ab. Eigentlich hätten die Preise während des Lockdowns nach oben gehen müssen, ist Meitinger überzeugt. Viele Bullenmäster hatten nämlich ihre Tiere aus Sorge vor fallenden Preisen abgegeben, so dass die Schlachtzahlen stiegen. Jetzt werden seine Bullen zwar schwerer, doch das falle anders als bei den Mastschweinen preislich kaum ins Gewicht. Im Gegenteil, je schwerer der Bulle, desto höher der Preis. „Das Pfund bringt mehr als der Pfennig.“

Lebensmitteleinzelhandel nutzt die Coronakrise aus

Was Jürgen Meitinger besonders ärgert, ist das Agieren des Lebensmitteleinzelhandels. Dieser nutze die Coronakrise, um preisgünstiger an sein Rindfleisch zu kommen. Eigentlich müsste der Rindfleischpreis jedoch steigen, nachdem die Landwirte jetzt weniger Bullen hergeben. Normalerweise ziehen die Preise ab November an, weil sich die Verbraucher für Weihnachten mit Rindfleisch eindecken, sagt Meitinger. Das Fleisch, das sie ansonsten in den Restaurats und Gasthöfen verzehren, essen sie im Lockdown eben zuhause.
Dass die Preise dennoch so niedrig sind, darüber „könnte ich mich aufregen ohne Ende“. Der Bocksberger Bullenmäster ist aber zuversichtlich, dass sich die Verbraucher auch bei einem längeren Lockdown auf die Qualität des heimischen Rindfleisches besinnen und es in ihren Küchen vermehrt verwenden.