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Einkommensquellen

Soziale Landwirtschaft: Innovative Wege in Blumenthal

Neugieriger Blick: Die Bunten Deutschen Edelziegen liefern die Milch für die Käserei.
Birgit Böllinger
am Mittwoch, 12.10.2022 - 11:04

Landwirtschaft, Hotel, Gasthaus, Gärtnerei: Das Schloss Blumenthal kann vieles.

Sie ziehen gemeinsam an einem Strang: Das Team vom Biohof auf Schloss Bumenthal, hier vertreten von (v. l.) Anja Püttmann, Maria Noe, Mario Schäfer, Lorenz Jäger und Biggi Häusler.

Aichach - Auf die Frage, wie viele Kinder in der Gemeinschaft leben, herrscht erst einmal Stille. Bis Lorenz Jäger sie mit einem herzhaften Lachen unterbricht: „Es ist ja schon ein wenig peinlich, wenn man auf Anhieb sagen kann, wie viele Ziegen wir haben, bei den Kindern aber erst einmal nachzählen muss.“ Nun, als „Herr der Ziegen“ hat der gelernte Landwirt natürlich die Vierbeiner im Blick. Bei der Kinderzahl springt Anja Püttmann ein, die auf Schloss Blumenthal – südlich von Aichach gelegen – für das Marketing zuständig ist. Für ein Projekt, das neben einem Hotel mit Tagungsstätte und Gasthaus mittlerweile auch einen Biohof umfasst und neben 47 Erwachsenen eben: 25 Kinder.

<b>Gemüsegärtnerin Biggi Häusler im Einsatz. </b>Ein Großteil der Ernte wird über eine Solidarische Landwirtschaft (Solawi) vermarktet.

Schloss Blumenthal, so verwunschen der Name klingt, so wirkt auch das Anwesen. Seine Geschichte reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Lange Zeit war hier, ruhig und abgeschieden, nahe dem Wallfahrtsort Maria Birnbaum, der römisch-katholische Deutschherrenorden ansässig. 1871 übernahmen die Fugger das ehemalige Wasserschloss, betrieben eine Landwirtschaft und ab 1950 ein Pflegeheim, das in den 1980er Jahren allerdings den modernen Standards nicht mehr entsprach. Versuche, das Anwesen zu verkaufen, scheiterten, das Gelände verwaiste. Bis neues Leben einzog. Acht Familien taten sich 2006 zusammen und erwarben das Anwesen. Die „Lebensgemeinschaft Schloss Blumenthal eG“ war der Ausgangspunkt eines neuen sozialökologischen Wohn- und Arbeitsprojektes. „Es war von Anfang an klar, dass wir hier nicht nur gemeinsam leben, sondern auch arbeiten wollen“, erzählt Mario Schaefer, der Waldwirtschaft studiert hat. Zu tun gab es genug: Die Wohnungen wurden saniert, 2007 das Gasthaus mit Biergarten wiedereröffnet und 2014 das Hotel samt umfangreichem Seminarangebot.

Alle wesentlichen Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Bei 47 Erwachsenen und 25 Kindern geht das nicht immer auf Anhieb. Auch beim Aufbau des Biohofs nicht. „Es war zwar von Beginn an klar, dass wir hier auch mit Landwirtschaft beginnen würden, aber bis zur Ausgestaltung musste das mehrere Runden drehen“, sagt Lorenz Jäger. Zum Schloss gehören rund 30 ha, ein Großteil ist derzeit noch verpachtet. „Wir wollen in kleinen Schritten und so, wie es für uns sinnvoll ist, wachsen“, erklärt Jäger. Zumal auch nicht alle Blumenthaler in der Landwirtschaft arbeiten können. Es gibt Künstler, Lehrer, Architekten, Designer, jeder bringt seine Fähigkeiten ein.

Jeder nach seinen Fähigkeiten

Biggi Häusler ist auf dem Biohof fest angestellt und von Anfang an für die Gärtnerei zuständig. Mit zwei weiteren Gärtnern und mehreren Helfern bauen sie auf rund 1,5 ha saisonales Bioland-Gemüse an. Versorgt werden damit Gastronomie und das Hotel, aber auch Menschen außerhalb der Gemeinschaft. Denn ein großer Teil des Vertriebs läuft nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi): Die Teilnehmer, die bis von München kommen, zahlen den Bauern monatlich einen festen Betrag, die Ernte wird unter den Mitgliedern geteilt. 150 Haushalte werden von Blumenthal regional mit Biogemüse versorgt, das sie vor Ort oder in einem der Depots abholen können, die es inzwischen auch in Augsburg und München gibt. Rund 50 Gemüsesorten gibt es, „da ist alles dabei von Salaten über Kohl, Rote Beete, Sellerie, Möhren, Tomaten, Paprika und Kräuter“, sagt Häusler. Nur Kartoffeln nicht, auch, um den umliegenden Bauern keine Konkurrenz zu machen.

Externe Unterstützersind willkommen

Der nächste Schritt war im April 2021 die Gründung einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, der „Biohof Blumenthal eG“. Auch hier können externe Unterstützer Mitglied werden. Dass zur Landwirtschaft mehr kommen soll, war schon lange klar. „Die Frage war nur, was zu uns passt und zukunftsfähig ist“, sagt Jäger. Vom Wunsch, Kühe zu halten, musste sich Biggi Häusler verabschieden. Nun belegt seit einigen Monaten eine muntere Herde Bunter Deutscher Edelziegen ein Gewächshaus, das dafür eigens in einen großen, luftigen Stall mit viel Auslauf auf dem Freigelände umgebaut wurde. Knapp 30 Muttertiere plus Nachzucht sind es momentan, auf rund 120 Ziegen soll die Herde wachsen.

Mit zum Konzept der Milchziegenhaltung gehört die Verwertung vor Ort über eine hofeigene Käserei und ein verpackungsfrei-Hofladen. Neben den verschiedenen Ziegenkäsesorten von Lorenz Jägers Frau Marie Noe werden im Hofladen auch Ziegenmilch und Gemüse aus Blumenthal sowie Bioprodukte von Landwirten aus der Umgebung angeboten.

Freilandschweine verwerten die Molke

Geschlossen wird der Kreislauf vor Ort nächstens noch von einigen Freilandschweinen, die von der Molke, die in der Käserei anfällt, profitieren. „Die Schweine bereiten als Teil der Fruchtfolge unsere Äcker vor und befreien sie von hartnäckigen Wurzelunkräutern“, erklärt Jäger. Die Stückzahl soll mit der Zahl der Ziegen wachsen, auf bis 15 Tiere. Anfangs melkte Jäger noch per Hand. Nach dem Absetzen der Kitze kommt jetzt eine Melkmaschine zum Einsatz. Gewonnen werden pro Tag bis 90 l Milch. Wachsen will man langsam, im Tempo der Vermarktung. Denn: „Wir wollen weg von diesem immer größer, schneller, weiter, das den Agrarbereich dominiert.“

Eine Landwirtschaft sei das Ziel, die „im Einklang mit der Natur und dem Bedarf der Menschen vor Ort organisch wächst“, sagt Jäger. Wenn die neuen Produkte vom Biohof gut angenommen werden, kann die Zukunft auch noch einen Stallneubau mit Melkstand bringen. Und vielleicht wird auch Biggi Häuslers Wunsch von einer Kuh noch irgendwann einmal wahr.

Mehr Informationen unter www.schloss-blumenthal.de.