Obstbau

Sortenerhalt: Einmaliges Projekt mit Strahlkraft

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Isabel de Placido
am Montag, 02.11.2020 - 10:21

Obstbauversuchsstation Schlachters: eigener Garten für alte Kernobstsorten

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Manche gibt es nur noch ein einziges Mal, vielen fehlt sogar der Name, aber alle gibt es schon seit über hundert Jahren. Damit die alten Kernobstsorten nicht verloren gehen, hat die Obstbauschule Schlachters einen Erhaltungs- und Sichtungsgarten mit 1200 Bäumen angelegt. Eine Art Freiluftmuseum also, in dem 240 alte Apfel- und Birnensorten aus ganz Schwaben im Rahmen eines zehnjährigen Forschungsprojekts gesammelt, bewahrt und erforscht werden.

Seit über hundert Jahren beschäftigt sich die Versuchsstation für Obstbau in Schlachters als Außenstandort der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf auf unterschiedliche Art und Weise und unter verschiedenen Aspekten mit Kernobst. Neu hinzugekommen ist jetzt ein „Erhaltungs- und Sichtungsgarten“ für regionale heimische Apfel- und Birnensorten aus dem schwäbischen Teil Bayerns. Ein ganz besonderes Projekt, das zudem auch noch über einen Zeitraum von insgesamt zehn Jahren gefördert wird. Wie Michael Zoth, der seit sechs Wochen der neue wissenschaftliche Koordinator und Leiter der Versuchsstation ist, erklärte, finanzieren der Regierungsbezirk Schwaben sowie der Förderverein der Obstbauschule Schlachters den Sortengarten bis 2029 mit einem Fördervolumen von 500 000 €.

Ein Garten, der schon in seinem allerersten Jahr wunderbar wächst und gedeiht und sich über den Sommer hinweg zu einem vitalen Obstgarten entwickelt hat, wie sich die zu einem ersten Sachstandsbericht eingeladenen Beteiligten überzeugen konnten. Dabei sollten sie erfahren, dass der Garten sowohl das Ende vorangegangener Projekte als auch den Beginn zukünftiger in sich vereint. Denn, wie Martin Lein, der zusammen mit Franziska Reinhard den Sortengarten vor Ort betreut, erklärte, wurden bereits seit 2009 und im Rahmen verschiedener Kartierungsprojekte alte Kernobstsorten erfasst.

Hunderte alter Apfel-und Birnensorten

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In einem früher angelegten Sortengarten, der sich ebenfalls auf dem Gelände der Versuchsstation in Sigmarszell befindet, wurden diese bisher erhalten und untersucht. Dieser soll im kommenden Frühjahr allerdings aufgelöst werden, wobei dann eine Auswahl von 60 Sorten in jenen neuen Garten umgepflanzt wird, den die Versuchsstation an einer prominenteren Stelle, direkt am Eingang zum Gelände, angelegt hat. Auf 4000 m2 Fläche wachsen hier schon jetzt 240 alte Apfel- und Birnensorten. 300 Sorten werden es insgesamt sein, die der Garten dann ab kommendem Jahr beherbergt.

Wie Martin Lein erklärte, sind die Sorten nach Regionalität, Seltenheit und Gefährdung ausgesucht worden. „Dabei sind die meisten Sorten Einzelvorkommen und bisher in keiner Sammlung enthalten“, betonte er und erklärte, dass von vielen nicht einmal mehr der Name bekannt sei. Und genau aus diesem Grund liege die Bedeutung des Gartens in der Sicherung der Sorten. Eben darin, dass sie vor dem Aussterben gerettet werden und nicht verloren gehen. „Ich denke, das ist gerade noch zum richtigen Zeitpunkt geschehen,“ betonte Lein.

Prof. Dr. Dominikus Kittemann, der die wissenschaftliche Verantwortung für das Projekt innehat, erklärte, dass der Garten auch als „Genpool“ für regionaltypische Kernobstsorten dienen solle. So sei angedacht Reisermaterial an Reiserschnittgärten oder Baumschulen weiterzugeben und die Sorten eventuellen Züchtungsarbeiten zur Verfügung zu stellen. Am Ende des Projekts stehe dann ein Leitfaden, der die Ergebnisse aus pomologischer Sicht zusammenfasst und für Kommunen, Gartenbauvereine oder Betriebe aus der Gartenbranche gedacht sei, um sie bei der Sortenwahl zu unterstützen.

Eigenschaften für den Erwerbsobstanbau?

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Darüber hinaus ist der wissenschaftliche Sinn und Zweck noch ein anderer. So können historische Sorten wegen ihren speziellen Eigenschaften eventuell eine neue Bedeutung für den Erwerbsobstbau bekommen. Etwa, so erklärte Kittemann, wenn es um Resistenzen gegen Schädlinge oder Pilze ginge oder um die Fähigkeit sich den klimatischen Verhältnissen anzupassen. Pünktlich zur Eröffnung der Lindauer Gartenschau im kommenden Frühjahr, soll der Sortenerhaltungsgarten endgültig fertig sein. Denn dann nimmt die Versuchsstation als so genannter Satellitenstandort an der Lindauer Gartenschau teil und öffnet ihre Tore für die Besucher.

Bis dahin soll auch jenes Schulungsgebäude fertig sein, für das der Landkreis Lindau 500 000 € bereitstellt. Wie Vorsitzender Ulrich Pfanner erklärte, setzt der Förderverein für die Obstbauschule Schlachters in dessen Auftrag den Neubau um und begleitet ihn federführend. In diesem Gebäude sollen während der Gartenschau Führungen und Infos zu den Sorten im Garten vermittelt werden. Danach sollen die Schulungen, die bisher auf beengtem Raum im historischen Gebäude stattfinden, hier und für mindestens 70 Personen abgehalten werden.

Neben diesem neuen Schulungsraum, der wie ein landwirtschaftliches Gebäude im Holzbau aussehen wird, wird es auch einen Parkplatz geben. Spatenstich für den Bau soll schon bald sein. „Das wird sportlich, aber wir kriegen das hin“, war sich Pfanner sicher und nannte Sortengarten und Gebäude einen „Meilenstein, das ist ein einmaliges Projekt mit Ausstrahlung auf ganz Schwaben.“