Blick über den Zaun

Sieben Ziegen nach Kosovo

Kosovo
Eberhard Westhauser
am Donnerstag, 16.01.2020 - 08:16

Vor gut 1,5 Jahren ging ein kleiner Zuchtziegenexport aus Schwaben in den Kosovo zur Diakonie Kosova, einem Ableger der Evangelischen Diakonie Trier.

Wenn sich Menschen oder Organisationen für die Unterstützung von Entwicklungsländern engagieren, werden solche Aktionen oft kritisch hinterfragt. Ist das wieder ein Fass ohne Boden? Sind die Begünstigten in der Lage damit umzugehen und eine Weiterentwicklung voranzutreiben und so manches mehr? Ein Ziegenprojekt im Kosovo kann manche dieser Fragen klären.

Im Mai 2018 wurden fünf junge Böcke und zwei Ziegen der Rassen Braune und Weiße Edelziegen und Burenziegen in den Kosovo gebracht. Sie stammten alle von bekannten Ziegenzüchter in Schwaben: Die weißen Edelziegen von Wolfgang Karrer aus Woringen, die Braunen von Johannes Egger aus Kempten und ein Burenbock von Erich Feigl aus Langeringen. Ex-Landwirtsminister Josef Miller war von der Idee so angetan, dass er über die Bayerische Staatskanzlei einen Zuschuss von 1000 € beisteuerte.

Fast 20 Jahre nach dem Krieg mit Serbien ist das Kosovo immer noch eines der Armenhäuser Europas. In der geteilten Stadt Mitrovica versucht die Diakonie Kosova den Menschen dort eine Perspektive zu geben. Was klein begann hat mittlerweile bemerkenswerte Dimensionen angenommen. Im Zentrum sind 100 Kosovaren beschäftigt. Bei einer Arbeitslosigkeit von über 60 % ist jeder neue Arbeitsplatz wichtig.

Im Mittelpunkt steht die Ausbildung von Handwerksberufen wie Schreiner, Zimmermann, Elektriker, Maurer oder Installateur. Alles Berufe, die beim Wiederaufbau gesucht sind. Jährlich werden etwa 600 Jugendliche für den lokalen Arbeitsmarkt geschult. Außerdem wurde eine Friseur- und Kochausbildung begonnen. Darüber hinaus bietet ein Kindergarten Platz für 100 Kinder. Ein kleines Team engagiert sich in der Wiedereingliederung. Große Bedeutung hat ein Jugendzentrum, wo sich jeden Abend etwa 80 Jugendliche verschiedener Nationalitäten und Religionen treffen. Im Zentrum steht der Leiter Bernd Baumgarten, der mit ungeheurem Engagement und viel Herzblut das Ganze aufgebaut hat.

Zum Zentrum gehört auch ein landwirtschaftlicher Betrieb. Bei den Flächen handelt es sich um Landschaftspflegeflächen. Was lag da näher, Ziegen als Landschaftspfleger einzusetzen. Zu Beginn waren es 20 kosovarische Ziegen. Sehr widerstandsfähig, doch mit geringer Milch- und Fleischleistung. Weil Ziegenmilch und Käse gefragt sind, bestand hier Handlungsbedarf. Die Idee war, durch Einkreuzen deutscher Milchrassen die lokale Rasse „aufzumischen“. Das Ergebnis war frappierend. Bereits die ersten Kreuzungstiere, die im Februar 2019 gefallen sind, hatten mit der kosovarischen Ziege nichts mehr gemein. Im September/Oktober wurden die Kreuzungen erstmals gedeckt und nun sind alle gespannt, wie das Ergebnis hinsichtlich Milch- und Fleischleistung ausfällt.

Die sieben Ziegen aus Schwaben vererben gut

Die sieben schwäbischen Ziegen und auch die ersten Kreuzungen haben sich prächtig entwickelt. Das ist der Kompetenz des neuen Farm­managers Xhavit zuzuschreiben. Er ist Agraringenieur und wurde auf Drängen von Eberhard Westhauser, ehemals Berater am AELF Kempten und später am ALE Schwaben, eingestellt. Westhauser: „Landwirtschaft erfolgreich betreiben kann nur, wer dafür gut ausgebildet ist!“

Im Moment sind es 50 Ziegen, Tendenz steigend. Außerdem werden rund 600 Hühner der Rassen Maran und 300 braune Hybriden gehalten. Wegen der Nachfrage von Hotels werden noch 150 Broiler kontinuierlich übers ganze Jahr gehalten. Der Manager hat die vormals hohen Tierverluste, speziell wegen Coccidiose auf faktisch null reduziert. Er verfolgt auch eisern das Ziel, dass sich die Farm selbst trägt. Die Farm ist zudem Arbeitgeber für acht geistig- und körperbehinderte Menschen. Besonders wertvoll ist dies auch, weil der Staat nur wenig für Behinderte übrig hat.