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Marktverwerfungen

Schwieriger Markt: Obstbauern mit tiefen Sorgenfalten

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Isabel de Placido
am Montag, 27.06.2022 - 09:39

Trotz guten klimatischen Voraussetzungen ist die Stimmung weit entfernt von eitel Sonnenschein.

Lindau/Weißensberg/Nonnenhorn - Ein bisschen Angst vor Frost, bis jetzt kein Hagel, genügend Regen und Sonne. Was die klimatischen Voraussetzungen für eine gute Obsternte betrifft, stehen die Lindauer Obstbauern bisher gut da. Trotzdem blicken sie nicht ohne Sorgenfalten in die Zukunft. „Bis jetzt gedeiht alles hervorragend“, freut sich Andreas Willhalm ohne den sprichwörtlichen Tag vor dem Abend loben zu wollen. Denn wer wie die Landwirte vom Wetter abhängig ist, weiß, dass alles ganz schnell anders sein kann. Und selbst wenn dann die Ernte eingebracht ist, ist noch längst nicht alles eitel Sonnenschein.

Das erleben jetzt zumindest die Lindauer Obstbauern. „Wir haben noch rund 50 000 Tonnen Obst in den Lagern am Bodensee“, erklärt Willhalm, der die Interessen der Lindauer Obstbauern auch als stellvertretender Kreisobmann des Landkreises Lindau im Bauernverband vertritt. Und dieses Obst gilt es zu einem wirtschaftlich vertretbaren Preis zu verkaufen.

Starke Konkurrenz aus Polen

Durch den Krieg in der Ukraine sei die Situation die, so schildert Willhalm die Lage, dass Polen, das ohnehin schon zu Friedenszeiten ein großer Konkurrent ist, keine Äpfel in die Ukraine verkaufen könne. Zugleich dürfe Polen wegen des Embargos auch keine Äpfel mehr nach Russland exportieren. Die Folge ist: „Der Druck Richtung Westen ist hoch.“ Billige polnische Äpfel drängen auf den EU-Markt.

Demnächst käme dann noch Obst, wie etwa Äpfel der Sorte Braeburn, aus Neuseeland hinzu. Und das alles kombiniert mit einem veränderten Verbraucherverhalten und deren Einstellung, dass regionale Lebensmittel billig sein müssten. Und weil dies eben nicht der Fall sein kann, steigen die Verbraucher um auf billigere EU-Ware. „Siehe Spargel und Erdbeeren“, sagt Willhalm und spricht damit jene Situation an, wonach die deutschen Landwirte auf ihrer Ware sitzen bleiben, weil der Verbraucher eher zu billigerem Spargel aus Griechenland oder Erdbeeren aus Spanien greift.

Produktionskosten sind in Deutschland hoch

Was jedoch vom Verbraucher nicht bedacht wird, ist, dass die Produktionskosten in Deutschland ganz andere sind als in Spanien oder Griechenland. Ganz abgesehen davon, dass Treibstoff derzeit doppelt so teuer ist wie noch 2021.

„Was uns auch umtreibt ist der Mindestlohn“, ergänzt Willhalm und spricht die Entscheidung der Bundesregierung an, wonach der Mindestlohn ab Oktober auf zwölf Euro ansteigen wird. Damit hat Deutschland einen der höchsten Mindestlöhne der EU.

Bislang günstiger Witterungsverlauf

„Bis jetzt läuft alles gut. Wir hatten keinen Frost und keinen Hagel. Die Ware sieht bisher sehr gut aus“, berichtet auch Klaus Strodel, dessen Obsthof in Weißensberg liegt. Wie schon sein Lindauer Kollege sieht er den aktuellen Entwicklungen mit Sorge entgegen. Auch er benennt jenes Problem des EU-weiten Überschusses an Obst.

Dass durch den Krieg in der Ukraine jetzt Länder wie Polen, aber auch die Niederlande nicht mehr länger nach Russland exportieren dürften und schon jetzt deren Produkte auf den Markt drücken. „Und das wird nächstes Jahr nicht besser“, sagt er, und zählt ebenfalls die preistreibenden Faktoren wie Mindestlohn und Spritkosten auf, die die ohnehin vergleichsweise hohen Produktionskosten noch mehr in die Höhe treiben. „Da müssen wir schauen, ob das die Verbraucher in Zukunft akzeptieren“, sagt er, und schaut dabei nicht gerade zuversichtlich.

Krieg in der Ukraine trifft die Obstbauern

Direkt am See, nämlich in Nonnenhorn, liegt der Obsthof Gierer. „Der Krieg in der Ukraine trifft uns sehr. Alles wird teurer, vom Kraftstoff bis zum Dünger. Schlimmer aber noch ist, dass die polnische Ware auf den Markt drückt. Das wird noch so lange so gehen wie der Krieg andauert“, lautet seine Einschätzung, wobei er zu bedenken gibt, dass die Landwirte sich nach anderen Produkten umschauen müssen, auf die sie umsteigen könnten. „Aber bei Obstbauern ist das ein langwieriger Prozess.“

Schneller ändern könne sich dagegen das Verbraucherverhalten. Das bekommen die Obstbauern derzeit zu spüren. „Wir erleben gerade das Gegenteil zur Corona-Zeit“, sagt Gierer. Während der Pandemie hätten sich die Leute gute Dinge gegönnt und haben regional eingekauft. „Heute halten sie das Geld zusammen.“

Ein Grund zur Freude bleibt

Einen Grund zur Freude hat der Obstbauer wenigstens, wenn er durch seine Plantagen geht. „Die ganzen Sommerfrüchte schauen gut aus“, ist sein Fazit. Wenn also nicht doch noch der Hagel alles zerschlägt, können sich die Verbraucher jetzt schon auf Kirschen, Pfirsiche und Aprikosen freuen.

Und auch bei den Äpfeln hat es sich heuer eigentlich ganz gut angeschickt. „Wir hatten eine sehr gute Blüte und viele Früchte auf den Bäumen“, berichtet er vom Frühjahr und erzählt, dass jetzt, nachdem der für diese Zeit übliche Fruchtfall eingesetzt habe, außergewöhnlich viele Früchte herunterfallen. So viele sogar, dass an manchen Bäumen sogar zu wenig Früchte hängen. Sogar Experten sei dieses Phänomen ein Rätsel, sagt Gierer und schließt: „So ist es bei uns jedes Jahr anders. Wir leben mit der Natur und nichts ist sicher.“