Getreidemarkt

Schwerer Stand am Markt

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Michael Ammich
am Montag, 30.09.2019 - 09:52

Die Getreide-EG Aislingen-Bibertal zieht Bilanz: Ertrag passt, Eiweißgehalt oft weniger.

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Es ist einfach zu viel Getreide auf dem Markt. Dass sich deshalb an der schon seit Monaten andauernden Seitwärtsbewegung des Weizenpreises auf absehbare Zeit nur wenig ändern wird, machte Robert Leidenberger vom Getreidegroßhandel Marschall auf der Lagervermarktungsversammlung der Erzeugergemeinschaft für Qualitätsgetreide Aislingen/Bibertal deutlich. Er empfahl den EG-Mitgliedern, mit der Vermarktung ihres Weizens aus der diesjährigen Ernte nicht allzu lange zu warten.

Weniger GQ-Weizen

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EG-Vorsitzender Herbert Riehr konnte die vollen Lager der Abnehmer nur bestätigen. So habe es heuer teilweise Probleme bei der Anlieferung des Weizens an den Landhandel und die Mühlen gegeben, weil deren Lagerkapazitäten trotz der durchschnittlichen Erträge aufgrund des frühen Erntebeginns in manchen Regionen sehr schnell erschöpft waren. Später wurden dann noch große Mengen zeitgleich angeliefert. Dazu kam, dass viel als GQ-Ware gemeldeter Weizen aufgrund eines Proteingehalts von weniger als 12,5 % nicht in die GQ-Silos eingelagert werden konnte und in den Lagern für das Nicht-GQ-Getreide untergebracht werden musste. Für den gesunkenen Proteingehalt machte Riehr ein Stück weit auch die neue Düngeveordnung verantwortlich, die eine Düngung des Weizens im vorherigen Umfang nicht mehr zulässt – je weniger Stickstoff, desto geringer der Eiweißgehalt.

Insgesamt seien die nord- und mittelschwäbischen Landwirte heuer mit Blick auf den trockenen Juni und Juli mit einem blauen Auge davongekommen, so Riehr. Bei der Wintergerste hätten sich die Erträge mancherorts sogar auf bis zu 100 dt/ha belaufen. Auch der Dinkel ließ mit Erträgen von 60 bis 80 dt/ha wenig zu wünschen übrig. Beim Weizen bildete wieder einmal die Wasserversorgung den Knackpunkt beim Ertrag. Ausgerechnet zur Ernte setzte der Regen ein, so dass sich viele Landwirte um die Fallzahl Sorgen machten – unbegründet, wie sich jedoch schnell herausstellte. So stand am Ende ein durchschnittliches Ernteergebnis mit guten Qualitäten.

Nur ein Drittel über die EG

Als „traurig“ befand der Vorsitzende, dass die Mitglieder geschätzt nur ein Drittel ihrer Getreideernte über die EG vermarkten. Dabei wäre es doch wichtig, dass die EG in den Preisverhandlungen mit ihren Abnehmern auf möglichst große Mengen setzen kann. Insgesamt hatten die Mitglieder ihrer Erzeugergmeinschaft heuer 4230 t Weizen gemeldet, davon 2853 t ex Ernte und 1377 t im Lager. An Gerste wurden der EG 1960 t gemeldet. An der Bayerischen Warenbörse München-Landshut notierten die Preise Mitte September folgendermaßen: B-Weizen mit 16,00 bis 16,30 €/dt, A-Weizen mit 16,60 bis 16,70 €/dt und Futterweizen mit 15,70 €/dt.
Über die Aussichten auf dem Getreide- und Ölsaatenmarkt sprach Robert Leidenberger, Geschäftsführer des Getreidegroßhandels Josef Marschall GmbH in Schwaig bei Nürnberg. Das Unternehmen ist mit dem Kauf von Geschäftsanteilen als Gesellschafter in die Bayernhof Erzeugergemeinschaften Vertriebs-GmbH eingestiegen. Laut Leidenberger werden für Deutschland heuer folgende Erntemengen geschätzt: 23,036 Mio. t Weizen (+13,7 % gegenüber 2018) sowie 9,824 Mio. t Wintergerste (+33,2 %) und 1,949 Mio. t Sommergerste (+22,8 %). Insgesamt dürfte sich die Getreideproduktion einschließlich Körnermais auf 44,706 Mio. t (+17,8 %) belaufen. Damit liegt sie gut im langjährigen Durchschnitt. Die letzte deutsche Rekordernte mit 53 Mio. t Getreide im Jahr 2014 wird damit weit verfehlt. Die Hektarerträge beim Getreide waren heuer entsprechend mittelmäßig: 74,1 dt beim Winterweizen und 72,1 dt bei der Wintergerste sowie 54,2 dt bei der Sommergerste.

Weltweit eine Rekordernte

Global gab es allerdings 2019 bei der Weizenernte einen neuen Rekord. In diesem sah Leidenberger auch den Grund für die stark zurückgegangenen Getreidepreise – und das, obwohl die weltweite Produktion wie schon in den vergangenen Jahren geringer ist als der Verbrauch. Bis kurz vor dem Drusch herrsche stets ein spekulativer „Wettermarkt“, erklärte er. Lägen jedoch die ersten Ernteergebnisse vor, werde das Ruder umgeschlagen und Preisrückgänge zeichnen sich ab. So kam es dazu, dass in Bayern zu Erntebeginn Ende Juni noch höhere Weizenpreise bezahlt wurden als nach dem Abschluss der Ernte im August.
Seit 2016 bewegen sich die Getreidepreise an den Börsen aufgrund des ausgewogenen Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage immer nur seitwärts in einem Korridor von 16 bis 18 €/dt. Seit dem vergangenen Juni haben institutionelle Anleger an der Matif auf fallende Weizenpreise spekuliert, erläuterte Leidenberger. Da müsse es nicht wundern, dass davon auch die Kassapreise um 1,5 bis 2 €/dt nach unten gezogen wurden. Fraglich ist, wie lange diese Anleger diese Strategie beibehalten werden. Auf jeden Fall mache ihr Verhalten eine seriöse Abschätzung der Preisentwicklung sehr schwierig.

Heimischer Markt wichtig

Zur Ernte 2019 waren die bayerischen Mühlen noch gut mit alterntiger Ware versorgt. Außerdem reduzierte der Lebensmitteleinzelhandel den Überschuss an Backwaren, um der Forderung nach Nachhaltigkeit Genüge zu tun. Das führt dazu, dass weniger Mehl und damit weniger Getreide benötigt werden. So traf heuer eine frühe Ernte auf volle Lager und die Preise gerieten unter Druck. Das gilt auch für die Braugerste, bei der insbesondere Frankreich, England und Skandinavien mit einer guten Ernte aufwarten konnten.
Auf der anderen Seite wird in Deutschland immer mehr Getreide verbraucht, was die Binnennachfrage sowohl im konventionellen als auch im Bio-Bereich stärkt. Mühlen und Stärkefabriken suchen nach Weizen – ein positives Signal für die Anbauer. „Weil Deutschland nun einmal kein Weltmeister im Getreideexport ist, wird der heimische Markt zunehmend wichtig“, betonte Leidenberger. Dem steht auf dem Weizenmarkt jedoch die starke Dominanz von Osteuropa gegenüber, das mit einer aggressiven Preispolitik agiert.
Leidenberger zufolge wird ein gutes Drittel der europäischen Weizenernte verfüttert, was zu einer wachsenden Nachfrage aus den Mischfutterwerken führt. Allerdings wirken diesem Trend die sinkenden Tierbestände und damit auch ein sinkender Tierfutterverbrauch in Deutschland entgegen. Insgesamt gibt die Marktlage den Landwirten also wenig Anlass, auf steigende Preise zu spekulieren und ihr Getreide zurückzuhalten.

Dinkel: Stabile Preise

Entgegen den Prognosen ist der Dinkelmarkt nicht gekippt, sondern zeigt sich mit stabilen Preisen. Sowohl die Nachfrage als auch die Produktion steigen. „Aber wenn auch nur fünf oder zehn Prozent zu viel Dinkel auf dem Markt sind, wird er tatsächlich kippen“, prognostizierte Leidenberger. Deshalb riet er den Landwirten, die in den Dinkelanbau einsteigen wollen, dies nicht gleich mit großen Flächen zu tun.
„Der Rapsanbau befindet sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast“, sagte der Marschall-Geschäftsführer. Allerdings werden die Fehlmengen in der EU durch Importe aus Drittländern wie Australien, Kanada oder Osteuropa gedeckt. Mitte September wurde der Raps an der Matif mit 38,5 €/dt gehandelt – ein guter Preis, der insbesondere durch die unter den Erwartungen liegende Produktion in Drittländern zustande kam. „Das Risiko nach unten ist überschaubar.“
Zuletzt verwies Leidenberger auf die wachsende Bedeutung von Regionalprogrammen auch im Getreidebereich. „Die Produktion von reiner Masse wird immer weniger wettbewerbsfähig.“